Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1896)
- Date
- 1896-02-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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343 auf eine Gelegenheit wartete, sich von dem in Gedanken verlorenen Manne zu verabschieden, und versetzte: „Sie verzeihen doch, bester Herr Pelouse, wenn ich Sie trotz unserer ganz jungen Bekanntschaft, um eine Bitte angehe. Der Gedanken beschäftigt mich unablässig und will aus dem Kreise meines Denkens nicht weichen, daß wir uns nicht zum ersten Male im Leben begegnen. Ihr Flamen weckt in mir zahlreiche Jugenderinnerungen; doch ehe ich die Richtigkeit derselben zu eonftatiren vermag, muß ich Sie bitten, mir doch einiges aus Ihrem Leben zu erzählen. Wollen Sie mir diese Bitte, die zwar in Anbetracht der Umstände sehr ausdringlich erscheint, auch erfüllen?" „Mit Freuden, ohne jeglichen Rückhalt! Erwarten Sie jedoch nicht Außergewöhnliches zu vernehmen. Meine Erlebnisse sind zwar sehr trübe, von Thränen und Kämpfen durchwühlt, aber dennoch ganz gewöhnlich wie sic sich tausendfach im Leben abspielen. Meine Eltern starben leider früh, als ich noch ein ganz kleines Kind war. Von meinem Vater fehlt mir jegliche Erinnerung; das Bild meiner Mutter jedoch schwebt lichtvoll durch meine Erinnerung zwischen einem Chaos von wunderlichen und dunklen Vorstellungen meiner Kindheit, von denen ich nicht genau zu bestimmen vermag, ob sie aus Wirklichkeit oder aus Träume zurückzusühren sind. Ein Onkel meiner Mutier nahm sich des verwaisten Knaben an, erzog mich als seinen Sohn. Mein Leben wäre im Vergleich mit andern Waisenkindern, die ganz verlassen dastehen, beneidenswerth zu nennen; doch auch mein guter Oheim starb, als ich die Universität bezog und ließ uiich zum zweiten Mal verwaist nub ganz unbemittelt zurück, denn er starb als ein vollständig armer Mann. Ich stehe nun ganz verlassen mtb einsam da, ohne Verivandten, auf Gott und meine Kraft angewiesen, Rur Susanna" — Elcholton zerdrückte eine Sfyräne — „schreibt mir zuweilen. Aber was vermag Susanna, der ich doch die Stütze ihres Alters werden sollte, mir Verlassenen zu Helsen?" „Sttsanna? Susanna?" rief Longini mit athemloscr Spannung aus; „wer ist Susanna?" „Ein altes Mädchen, die schon meine Mutter erzogen hatte; nach ihrem Tode die Liebe zu der Verblichenen aus mich übertrug." „So, so," sagte Longini gedankenvoll, „und wie laitten Ihre kindlichen Vorstellungen, von welchen Sie — wie Sie sagten — nicht wissen, ob sie Träume oder Wirklichkeit seien? Darf ich um diese bitten?" „Erlassen Sie mir die Erfüllung dieses Wunsches. Es ist wie gesagt gar wunderliches Zeug, das in einem Chaos ohne Zusammenhang traumhaft mir vorschwebt. Susanna behauptete, es sei nichts 'Wesentliches daran!" „Wie Sie wollen. Doch werden Sie mir einige diesbezügliche Fragen gestatten. Hieß Ihre selige Mutter nicht Judith!" „Woher kenlien Sie den Namen meiner seligen Mutter?" frug Elchonon überrascht. Longini lächelte. „Davon später. Doch spielen die Vorstellungen Ihrer Kindheit nicht in einem Schlosse, das St. Andre genannt wird?" Erstaunen und Bestürzung zugleich malte sich in bcn Gesichtszügen Elchonons. „St. Andre? — Woher kennen Sie den Spielrauln meiner Träume? Niemand außer Susanna hat jemals Etwas von diesem erfahren?" „Und wie erklärte Susanna den Namen des Schlosses?" „Als ein Phantasicgebilde, die Ausgeburt eines Traumes." „Vielleicht willigen Sie jetzt ein, mir von demselben zu erzählen, rvenn ich Ihnen erkläre und aus Mannesehre versichere, daß es weniger als ein Traum ist?" „Und doch kann es kaum mehr als ein Traum sein," versetzte Elchonon gedankenvoll, „denn seine Darstellungen führen mich zu weit von meiner bescheidenen Lebensstraße. Mein Traum, oder Vorstellung blieb blos an dem Todestag meiner Mutter hasten. Ich tummelte in einem herrlichen Parke umher, der zuni Schlosse St. Andrv gehörte. Da befahl mir ein Mann, den ich Onkel Doktor nannte, zu meiner Mutter zu eilen. Als ich in das Zimmer trat, sah ich dieselbe mit geschlossenen Augen im Bette liegen. Entsetzliche Angst befiel mich; ich schlich mich heran, küßte ihre mattherabhängende Hand, benetzte diese mit meinen Thränen. Da erwachte sie und liebkoste mich. Nun kam Susanna und meine Mutter bat sie flehentlich, mich zu retten. Susanna erblickte mich und befahl einem Diener, er solle mich zu einem Spielgefährten beim Onkel Doktor, dessen Name ich mich nicht mehr erinnere, bringen, und dann- „Und dann bist Du mein Elchonon!" rief Dr. Longini mit Entzücken aus. „Komm an meine Brust, Du Herzensjunge! Erinnerst Du Dich Deines Jugendgespielen Lucien nicht mehr?" „Lucien? Lueien?" stammelte Elchonon, während er sich aus der seurigeu Umarmung seines neugewonnenen Freundes befreite. „Es ist mir allerdings, als ob ich diesen Namen früher mit besonderem Vergnügen ausgesprochen hätte. Aber wo? Wann? Das ist mir sehr dunkel! „Dunkel, dunkel ist Dir der Zusammenhang mit meinem 'Namen? Und doch dachte und träumte ich von Dir lange Jahre; aber ich war auch um einige Jahre älter als Du damals warst. Ich will daher Deinem Gedächtniß zu Hilfe kommen; denn es ist kein Traum, sondern die volle Wirklichkeit. Auf