Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 16 (24.2.1896)
- Date
- 1896-02-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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323 während letztere die Verbreitung einer böswilligen Unwahrheit zum Gegenstand hat. Indem Naba, das was Haman gegen die Juden vorbringt, nicht Verleumdung, sondern Bösrede kv'2 nennt, wird uns gesagt, daß den Beschuldigungen Hamans eine relative Wahrheit zu Grunde liegt. Die Virtuosität Hamans bestand nun darin, ans in gewissem Sinne unanfechtbaren Prämissen, Scheinfolgerungen und falsche Schlüsse in einer Weise zu ziehen, die es dem Zuhörer ungemein erschwert die Wahrheit von der Lüge zu sondern. Da tritt uns nun zunächst die bedeutsame Wahrheit entgegen, daß, wenn Haman bei seinem König aus Widerstand gegen sein Judenmassacre stößt, aus Furcht vor dem Schicksal derer, die schon früher mit den Inden angebunden und dabei schlimme Erfahrungen gemacht haben, wie Haman diese Furcht zu beschwichtigen suchte. Er räumt seinem König das Berechtigte dieser Furcht ein, aber meint zutreffend, mit den Juden anzubinden, könne nur gefährlich sein, so lange die Juden wirklich Juden sind. Aber unsere Juden haben ja das, was sie zu Juden macht, die Pflichten ihres Gottesgesetzes aufgehoben, geändert, oder wie wir heute sagen würden, reformirt! Selbst was sie noch von ihrem Gesetze eonservirt haben, behandeln sie so lässig und schläfrig, daß es den Beschauer anmuthet, als vollziehe sich dies alles wie im Schlaf und Taumel. Gegen Juden ohne das Gesetz, die Lebensseele und Lebensweise der Juden, brauche man nicht so zimperlich zu sein, sie selber hätten ja ihren alten Gott und seinen Willen preisgegeben, warum sollte man mit Juden ohne ihre „Ceremonien" viel Ceremonien machen? So hat nicht nur allein der alte Haman gedacht; dieselbe Scheu vor dem historischen Volke der Juden hält auch heute uoch viele Hamane zurück ihre schwarzen Gedanken in Thaten umzusetzen und dieselbe Beruhigung sprechen sie sich und den zu werbenden Gelwssen noch heute zu, wenn sie sehen, daß die zu bekämpfenden Juden ja in Wirklichkeit es selber nicht nrehr sein wollen. Das ist der Sinn der Phrase, der man auf Schritt und Tritt begegnet, daß der Judenhaß nicht den orthodoxen, sondern nur den Reformjuden gelten. Hier dünkt sich das Rischuß berechtigt, wenigstens glaubt es keine himmlische Vergeltung fürchten zu inüssen, sie sind ja nicht leichtsiliniger als ihre Opfer, wenn sie den alten Judengott nicht mehr fürchten und deßhalb, wie die neuesten Vorgänge an den Berliner Gerichtshöfen lehren, Ihn auf das Entsetzlichste zu schmähen wagen. Wenn sie diese Furcht von Hause aus noch mitbrachten, von den Juden konnten sie lernen, wie man dieselbe ablegt. Aber sie haben ihre Rabbiner, wirft Achaschwerosch ein, die das Gewissen des ganzen Volkskörpers repräsentiren, und wenn dieser auch in lässige Schläfrigkeit versunken ist, ihnen wird es gelingen die träge Masse wieder aufzurütteln und sie auf das Sacrilegium aufmerksanl zu machen, welches die Sucht, den göttlichen Willen llmmodeln zu wollen, bedeutet. Darauf folgt die, auf den ersten Augenblick dunkle Einwendung Hamans: IN tik oy Sie bilden ein Volk. Hätte Haman in unserer Zeit gelebt, hätte er unsere Mte-milieu-Rabbiner, unsere Rabbiner für Alles gekannt, die nicht Leben und Lehre den Gemeinden, denen die Gemeinden Lehre und Leben vorschreiben, dann hätte die Entgegnung nichts Befremdliches. Dann würde sie sagen: Von den Rabbinern ist eine Erweckung aus der Lethargie oder der Aenderungssncht der großen Maffe nichts zu fürchten, sie und ihr Volk sind über einen und denselben Leisten geschlagen, sie bilden ein Volk, sie finden ja ihren ganzen Beruf darin, sich eins mit ihrer Heerde zu wissen. Jedoch in Hamans Zeit existirte diese Species von Rabbinern noch nicht. Aber er hat sie vielleicht als solche Kreaturen hingestellt, wie er sie gerne wünschte, die nicht in der Lage wären der Lässigkeit und Neuerungssucht der Massen zu steuern und eine Regung zum Bessern anzubahnen, weil sie die Einigkeit mit ihrem Publikum nicht gefährden wollten und hat so die Bedenken seines königlichen Herrn gegen eine Judenverfolgung beschwichtigt. Wenigstens hat nach diesetn Argument die Gegenrede des Königs aufgehört. In den nun folgenden Argumenten übernimmt Haman allein Rede und Gegenrede. Aber das ist alles nur noch bloße Staffage und Decoration. Ihre Zerstreuung durch alle Länder und Völker soll ihre Vaterlandslosigkeit und ihren Kosmopolitismus in ein verdächtiges Licht stellen. Auch die Phrase von der Unproduktivität der Juden hat schon der alte Haman gekannt. Aber der kluge Rath unserer heutigen Hamane, die Juden sammt und sonders „Nach Jerusalem" zu verweisen, das entsprach nicht der damaligen Staatsraison und deshalb hat er dieses Moment mit der nomadenhaften Unseßhaftigkeit der Juden abgethan. Da die absonderlichen Gesetze der Juden keinen genügenden Vorwand für ihre Vertreibung in einem aus 127 Ländern bestehenden Reiche bieten, wo doch jedes Land seine Eigenart hat, die naitfai m.-ou die bis auf Schrift und Sprache regierungsseitig respectirt wurde, so legt Haman den jüdischen Gesetzen einen Menschen-, Völker- und Monarchenfeindlichen Beigeschmack bei und illustrirt seine Denunciation in drastischer Weise. Achaschwerosch hätte seinem Kanzler einwenden können, wenn die Juden mit den anderen Völkern nicht essen und sich nicht verheiraten, ob denn die anderen mit den Juden essen und sich verschwägern wollen? Die Juden hätten für ihre Zurückhaltung wenigstens ihr ihnen von Gott vorgeschriebenes