Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1896)
- Date
- 1896-02-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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_ 298 Aber die jüdische Lehre lehrt gerade aus der Gebundenheit des Todes die Freiheit und Reinheit des Lebens gewinnen. Sie verschließt sich nicht der Thatsache, daß alles Zeitliche, Irdische dem Staube verfällt, sondern sie bringt diesen ganzen Vorgang durch ihre Symbolsprache erst recht zum Bewußtsein. Ein Thier so voller Lebenskraft, daß die rothe Lebensfarbe sich noch im Haar bemerkbar macht, läßt sie dem Tode erliegen und durch Verbrennung Staub und Asche werden. Diesem Untergang verfällt alles von der Ceder auf dem Libanon bis zum Psop an der Wand, alles, nur der Blutstropfen, nur der Sitz und Träger der Seelenkräfte nicht, welche die Richtung zum Heiligthum Gottes genommen haben. Hier hört die Macht des Todes auf. Wen je die Berührung mit ihm verunlautert hat, der gewinnt durch die Berührung mit diesen Symbolen die Reinheit des Lebens wieder. Denn sie lehren, wie eben nur das Irdische der Vergänglichkeit anheim fällt und beleben so die Zuversicht des Psalmwortes: „Denn Du überlässest meine Seele nicht der Gruft, Du bestimmst Deinen Frommen nicht den Untergang zu erfahren, Du lehrst mich den Weg, der zum Leben führt, die Sättigung der Freuden an Deinem Angesicht, alles Herrliche aus Deiner Rechten, ewiglich." (Ps. XVI, 10. 11.) Daß es Gottes Wunderwaltung nicht nur hier, sondern überhaupt in dem erziehenden Geschick, das über der Menschheit im allgemeinen und über Israel im besonderen waltet, so zu fügen weiß, daß der Tod im Dienste des Lebens steht, daß die Unreinheit der Reinheit und das Schlechte der Förderung des Guten dienen muß, das ist die erste Anmerkung, welche die Weisen zu Paraschat Para Adumah machen. Via ,tin n^ ncdd -ppd p' 'v rvtfi npn nw ’ycrc wo ,pcNv rw«' ,ihnd rrpfn ,mnD dd-ün 'v ,p nry 'v , mn D^iyo Nnn ubiyn , mcisc bNiv?o'">y bv mv n1? ,p nn D, p n« „Folgendes ist das Gesetz (der Para Aduma) Hier ist das Wort verwirklicht: „Wer gestaltet Reines aus Unreinem, ist es nicht der Einzige?" (Hiob C. XIV, V. 4.) „So stammt Abraham von Terach, Chiskia von Achas, Zoschia von Amon, Mordechai von Schimöi, Israel von den alten Völkern, die kommende Welt aus der gegenwärtigen, wer hat solches gethan, wer es zum Gesetz gemacht, wer es angeordnet, ist es nicht der Einzige der Welt?" Wie ist doch mit diesem Gesetz und dem ihm zu Grunde liegenden Gedanken der einstige, ewige Menschenfrühling trotz winterlicher Rückfälle verbürgt und gesichert! Wer wollte an der Zukunft wegen der betrübenden Erscheinungen der Gegenwart verzweifeln, wenn er sich diese Fingerzeige der göttlichen Wallung vergegenwärtigt. Die ganze Menschheit hatte das Bewußtsein vom Dasein Gottes verloren und war in krassen Götzendienst versunken; und einer der fanatischsten Götzendiener und Verbreiter des Götzenthums, Terach, mußte der Vater eines Abraham, des ersten Verkünders Gottes im Kreise der Menschen, werden. Ein Achas, der seine königliche Stellung und seinen ganzen mächtigen Einfluß dafür einsetzt?, jede Spur oes Göttlichen aus Israel zu verdrängen und den Götzencultus an dessen Stelle treten zu lasten, gab einem Chiskija das Dasein, der die Treue gegen Gott und die Vertrautheit m t der Thora so tief in alle Schichten des Volkes pflanzte, daß man in seinen Zeiten von Dan bis Beer-Scheba, keinen Mann und kein Weib, keine Knaben und keine Mädchen finden konnte, die nicht mit den subtilsten Bestimmungen des Gottesgesetzes vertraut gewesen wären. Angesichts dieser und der anderen von unserem Midrasch erwähnten geschichtlichen Thalsachen, die sich noch bedeutend vermehren ließen, dürfen auch wir trotz aller entgegen stehenden Erscheinungen die Hoffnung auf eine Wendung zum Besseren nicht aufgeben. So trübe und Besorgniß erregend unsere Zeit auch erscheint, es gab schtiminere, trübere Epochen in der Geschichte unseres Volkes, welchen trotzdem eine herrliche, ungeahnte Zukunft folgte Gerade der betrübende Abfall, der sich in ganzen Gemeinden, ja in Länderstrichen von dein alten überlieferten Judenthum vor unseren Augen vollzieht, trägt die Bürgschaft einer Aenderung und Besserung in sich. Als man vor 60— 70 Jahren die ersten schüchteren Versuche machte, des Judenthums sich mit Anstand zu entledigen, indem man vorgab es reformiert und verbessern zu wollen, konnte allerdings dieses Unterfangen, wie alles Neue und Ueberraschende nicht verfehlen, vielfach Anhänger und Nachbeter zu finden. Aber weil rnan in der Reform so fortgeschritten ist, daß eben gar nichts mehr zu reformiren übrig bleibt, hat sich doch von Tag zu Tag die Zahl derer vermehrt, die sich nicht länger über den Abgrund täuschen, zu welchem diese ganze Richtung unaufhaltsam hintreibt. Nicht nur die materielle, auch die geistige und ideale Noth muß am Höchsten gestiegen sein, wenn Gottes Hilfe nahe sein soll. Wie die Nacht, ehe sie den Morgen weiht, noch einmal ihre tiefen Schatten gegen das anbrechende Licht aufbietet, wie der Winter gerade in den Tagen, die dem Frühling zusteuern, noch einmal mit seiner stärksten Kälte den jungen Lenz am Einzug erfolglos hindern möchte, so sind die Achas, Amos und Schimeis die sicheren Vorboten der Chiskia, Joschia und Mordechai. Es sind alles Wege, die zum Heiligthum führen, aus derselben Grabestiefe, in welcher Tod und Moder ruhen, entspringen die Quellen der Reinheit. Dieses tröstliche Bewußtsein kann uns oft ge-