Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 14 (17.2.1896)
- Date
- 1896-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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284 lich, aber als Gäste, als Fremdlinge betrachtet zu werden.*) Der dritte Standpunkt sei der: gewisse üble Eigenschaften, die man besonders entwickelt bei den Juden annimmt, bekämpfen zu wollen. Da sei es doch erst zu entscheiden, ob es berechtigt sei, diese Üebel in unserem Volke, die allerdings zu bekämpfen seien (Wucher, Auswüchse der Spekulation und Anderes), den Juden zuzuschreiben. Müffe er (v. E.) die Frage mit „Ja" oder „Nein" beantworten, so sage er „Nein". Die Christen sind doch seit Hunderten von Jahren Herren im Lande, sind da Fehler gemacht worden, so ist das ihre Schuld; fielen den Juden bisher gewisse Berufe und Beschäftigungen zu, weil andere ihnen verschlossen, so ist das nicht ihre Schuld. Man verlieh ihnen die Bürgerrechte und betrachtete sie doch nicht ganz als zu uns gehörig, und das rächt sich. Es wäre doch aber eine Schande, und er als Deutscher würde sich^schämen, auch nur die Besorgniß zu äußern, daß 49 Millionen Deutsche sich von noch nicht einer Million Juden vergewaltigen lassen würden, oder deren etwaige schlechte Eigenschaften annähmen. Bor 25 Jahren wußte man nichts von Antisemitismus. Vor etwa 30 Jahren war dagegen die Abneigung zwischen den deutschen Stämmen so groß, daß es für einen^preußischen Offizier fast unmöglich war, ein badisches oder sächsisches Evelfräulein zu heirathen. So veraltet uns das jetzt berührt, so unzeitgemäß wird uns'auch, einst die Abneigung gegen die Juden erscheinen. A. B. Berlin, 14. Febr. Wie den Lesern dieses Blattes noch erinnerlich sein wird, hatte der Buchhändler Glöß in Dresden gegen denRedacteur der „Jüd. Presse" Dr. Hirsch Hildesheimer eine Privatktage wegen Beleidigung erhoben, weil derselbe gegen die „Antisemitischen Bilderbogen", die seiner Zeit von Glöß herausgegeben wurden, einen Artikel zur Abwehr in der „Jüd. Presse" veröffentlicht hatte, in welchem der Verlag des Klägers eine „berüchtigte Lügenfabrik" genannt, der Inhalt der betreffenden Bilderbogen als „Blödsinn" bezeichnet wurde, und nur darauf berechnet sei, die Christen gegen die Juden aufzuhetzen, u. s. w. Gegen die erhobene Klage erhob Dr. Hildesheimer Wiederklage, die er in der Hauptsache darin begründete, daß durch sämmiliche Bilderbogen die gefammte jüdische Religionsgesellschaft^beleidigt worden war, da durch ein Bild, welches die Ueberschrift „das Blutgeheimniß" trug, vom Verfasser die Behauptung aufrecht erhalten werde, daß die jüdischen Ritualmorde thatsächlich ftattgefunden hätten. Kläger und Beklagter wurden zu je 25 Mark verurtheilt,ßgegen welches Erkenntniß beiderseitig Berufung eingelegt worden war, weil die Parteien behaupteten, daß der Gegner zu gelinde bestraft worden sei. In vorigertzWoche^ nun kam *) Man vergleiche unseren heutigen Leitartikel. Red. die Angelegenheit in zweiter Instanz zur Verhandlung. Beklagter Glöß erbot sich zum Antritt des Beweises, und nach längerem Hin- und Herreden behauptete er zuletzt, daß die angebliche Beleidigung aus dem Bilderbogen 10 (auf diesem war der Widerkläger inmitten einer Gruppe jüdischer Geschäftsleute abgebildet, welche wegen Veruntreuung zu schwerer Strafe verurtheilt worden sind), bereits verjährt sei. Dr. Hildesheimer dagegen erbot sich zu beweisen, daß in dem Geschäfte des Glöß noch im Herbst 1891 der fragliche Bilderbogen verabfolgt worden sei. — Der Gerichtshof beschloß an einem anderen Tage die Verhandlung fortzusetzen, um die Verjährungsfrage zu erörtern. Wir werden in der Lage sein, über die Endverhandlungen demnächst zu berichten. Bereut, 9. Februar. Ein unübersehbarer Trauerzug bewegte sich am Donnerstag Nachmittag den 6. d. M. durch die Straßen unserer Stadt. Herr Dr. Michaelis, der sich seit vielen Jahren in hiesiger Stadt und Umgebung einer ausgedehnten ärztlichen Praxis und besonderer Achtung zu erfreuen hatte, wurde unter großer Theilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen Die Geistlichen beider Kirchen, die Lehrer und die Direktoren am Gymnasium und Seininar, die königl. Beamten des Amts- Gerichtes, sowie eine große Anzahl der vornehmsten christlichen Bürger erwiesen dem Heimgegangenen die letzte Ehre. In der Leichenhalle, die nur einen Theil der Bersammlung zu fassen vermochte, hielt unser Rabbiner Herr Dr. I. Münz die Grabrede. In geistvoller Weise schilderte der Redner die hohen Geistesgaben des Verblichenen, das reiche, gründliche Wissen, das scharfe, sichere ttrtheil, das ihm eigen war. Von einer tiefen, innigen Trauer wurde die Versammlung ergriffen, als der Redner in den alten Klageruf ausbrach: H oVijntp man ba ^öj. In der Blüthe seiner Jahre, noch nicht 40 Jahre alt, sinkt er in das Grab und mit ihm gehen auch all' seine Kostbarkeiten, seine geistigen Schätze, seine Kenntnisse zu Grunde. Nichts habe er seiner Familie zurückgelassen, nur die namenlose Trauer und die Verzweiflung im Herzen. — Möge der Allgütige der armen Wittwe und ihren 4 kleinen, unmündigen Kindern Trost und Heilung senden. — Noch eine andere Mittheilung verdient hier hervorgehoben zu werden. In der letzten General-Versammlung des hiesigen Vaterländischen Kreis-Frauenvereins wurde Frau Dr. Rosa Münz, die Gattin unseres verehrten Herrn Rabbiners, einstimmig als Vorstandsmitglied gewählt. Oe st er r.-Ungar. Monarchie. Wien, 14. Febr. Das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung hat in seiner Plenarsitzung nach Anhörung des vom Schatzmeister Herrn Sigmund Ritter | v. Bauer pro 1894/95 erstatteten Kassenberichtes,