Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1896)
- Date
- 1896-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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240 einer collosalen Menge Nichtjuden, sowie auch der politischen Gemeindeverwaltung in der Synagoge beredtes Zeugniß ablegten. Den Schluß des Gottesdienstes bildete wiederum ein Chorlied. Bei dem später stattgefundenen Festessen überreichte Herr Cultusvorstand Ullmann im Namen der israelitischen Cultusverwaltung, deren Mitglied Herr Fuchs seit 18 Jahren ist, einen prachtvollen Becher. Begeistert wurde in die große Zahl der auf das Jubelpaar ausgebrachten Toaste eingestimmt. Die Synagoge sowohl als die Fest- Säle waren dem Feste entsprechend sehr schön decorirt und wird die erhabene, seltene Feier in aller Theilnehmer Erinnerung bleiben. K. M. N. Vermischtes. Mannheim, 18. Januar. Der antisemitische Pfarrer und Dekan a. D. Einwächter, welcher in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Hüffenhardter „Heiligen- und Kirchen-Almosenfonds" Unterschlagungen in Höhe von ca. 38,OM Mark begangen hat, ist zu sieben Jahren Gefängniß verurtheilt worden. Feuilleton. Der Letzte seines Stammes Erzählung von Alphonfe de U Haye. 10) (Alle Rechte Vorbehalten.) Es war ein Schrei der wildesten Verzweiflung, der sich aus dem geängstigten Herzen der Comteffe emporrang. Wie von jähem Blitze getroffen zuckte sie zusammen nnd sank in ihren Sessel wie vernichtet zurück. Doktor Blum empfand unwillkürlich Mitleid mit der leidend aussehenden Frau. Nein, sein Verdacht war unbegründet, diese Frau hatte den Knaben nicht geraubt. „Ja, der Knabe ist spurlos verschwunden," berichtete er, „auch Susanna ist nirgends zu finden . . . keiner von den Dienern wußte mir über den Verbleib Auskunft zu geben. Ich glaubte, Sie gnädige Frau, würden in der Lage sein, mir darüber Aufklärung zu geben; aber ich sehe, daß ich mich in meinen Voraussetzungen getäuscht habe und bitte um Entschuldigung!" Mit geschloffenen Wimpern hörte die Gräfin Doctor Blum's Bericht zu. Sie sah in diesem Vorfall die Vernichtung ihrer Hoffnungen und Pläne. Ach, wie schön hatte sie sich die Zukunft ihres Hauses ausgemalt! Mit welchen Beweisen der zärtlichsten Liebe wollte sie den Letzten ihres Stammes umgeben! Wie seinen Charakter bilden und ihn zu einem vollendeten Edelmann machen. Jahrelang hatte sie in diesem Gedanken gelebt und geträumt nnd jetzt, da sie endlich zum Ziele ihrer Hoffnungen und Wünsche angelangt zu sein schien, da die heiß herbeigesehnte Stunde endlich geschlagen, da sollten ihre Hoffnungen vernichtet, ihre Pläne zertrümmert werden! Nein, nein! Tausendmal nein! Der Stamm Pelouse darf nicht aussterben, das duldet sie nicht; und ihre ganze Kraft zusammennehmend, stand sie plötzlich hochaufgerichtet vor Doctor Blum. „Wenn Jemand über Gastons Aufenthalt Näheres wissen soll und muß, so sind Sie es, mein Herr!" schrie sie wie eine Rasende, „Ihnen allein fällt die Verantwortung für etwaige Folgen zu! Sie sind fein Vormund und müßten besser Ihres Amtes walten! Sollten Sie aber, was ich glaube, den Knaben irgendwo verborgen halten, um ihn so meinem Einfluss.' zu entziehen, dann hüten sie sich vor der Rache einer Frau, der Sie ihr Theuerstes, ihr Alles entrissen haben!" Eine dunkle Nöthe stieg langsam in die Wangen des Doktor Blum; er wollte heftig werden, aber er bezwang sich. „Ob dieser schweren Beleidigung bin ich deßhalb nicht berechtigt, mich zu beklagen, gnädige Frau, weil ich leider vorhin in meiner Kurzsichtigkeit eine solche gegen Sie ebenfalls ausstieß. Wir siud also quitt, gnädige Frau, und ich habe die Ehre, mich bestens zu empfehlen. — Kommen Sie, Herr Doktor", — wandte er sich an Doctor Marpua, der stummer Zeuge des heftigen Auftritts gewesen war — „wir wollen unsere ganze Kraft anfbieten, um eine Spur des verschwundenen Knaben aufzufinden." Damit verließ er mit Doktor Marpua das Zimmer. Die Comteffe blieb allein zurück und rannte wie eine Wahnsinnige im Gemache auf und ab; ihre Brust hob und senkte sich keuchend, und ihre Augen rollten in wildem, düsteren Glanze. Sie drückte ihre Hände an die Schläfe, um die heftige Erregung der Pulse zu beschwichtigen. Die Frau, die sich sonst so meisterhaft zu beherrschen verstand, vermochte in diesem Augenblicke ihre leidenschaftliche Erregung, den Sturm ihrer Gefühle nicht zu bändigen Endlich ward sie etwas ruhiger. Sie ließ sich auf einen Stuhl nieder und sann eine Weile nach, dann sprang sie wieder auf, goß aus der Karaffe Wasser in ein Glas und leerte es in einem Zuge, dann trat sie an den Glockeuzug und läutete, Jean eilte herbei und mit tiefer Verbeugung blieb er an der Thüre stehen. 17. Capitel. Die Nachforschung. „Tritt näher, Jean!" redete die Comteffe bcu Diener an, „wie lange bist Du schon im',Dienste der Pelouse?" „Ueber fünfzig Jahre, Euere Gnaden!" erwiederte Jean und richtete sich stramnl auf. „Ich war schon Reitknecht bei dem hochseligen Vater Euerer Gnaden." „Fünfzig Jahre? — Welch' lange Zeit!" — die Gräfin wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. „Darf ich auf Deine Treue und Ergebenheit zählen?"