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Der Israelit · 1896-02-10 · Heft 12 (10.2.1896) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 12 (10.2.1896)
Date
1896-02-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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238 tung abhalten wollten. Nachdem die Wirthin ersah ren hatte, was für eine Sorte Narrhallesen sie beherberge, war sie untröstlich darüber und hegte den lebhaften Wunsch, die unter falscher Flagge Segelnden, so rasch wie möglich aus dem Lokale wieder entfernen zu können. Es wäre aber wirklich Schade gewesen, wenn die Versammlung nicht stattgefunden hätte, sie bewies ad oculos, daß der Antisemitismus hier keine Pflanzstätte hat. Unser Berichterstatter incl. hatten sich im Ganzen innerhalb 2—3 Stunden 17, sage und schreibe siebzehn Personen eingefunden, von denen 6 aus Mainz und die Uebrigen aus Wiesbaden waren und von welchen Herr Ledig und der Präsident der Versammlung, Herr Schuhmachermeister Jakob Kaiser die Hautevolee bildeten. Herr Präsident Kaiser sprach während des ganzen Abends über sckmmtlich: Greuelthaten der Juden und wurde nur hie und da von einem Mainzer Bundesbruder eeftört, der nicht mehr ganz nüchtern war, aber trotz seines Dusels sehr treffende Zwischenbemerkungen machte, wie: „Langweilig", „Pappelt zu lang", „Nit einverstanne", „Unverschämt", „Annre wolle aach was redde" :c. 2C. Die „Mainzer Neuesten Nachrichten"*) lagen in mehreren Exemplaren auf dem Tische des hohen Hauses und bildeten einen Hauptgegenstand der Verhandlung, wodurch wir uns selbstverständlich sehr geschmeichelt sühlen. Ein denkwürdiger Moment war es, als ein „Hartekuchesritz" in das Lokal trat und den Insassen frischgebackene „Mazzen" offerirte. Erst etwas verblüfft, machten sie gute Miene zum ungesäuerten Brode, kauften einige Exemplare und hängten Eines derselben, in Ermangelung eines Besseren an den Gasarm auf, um sich zu neuen Thaten zu begeistern. Wir hoffen und wünschen, daß ihnen die „Mazze" ebenso gut bekommen ist, wie die Versammlung. Darmstadl. Wie alljährlich fand am verflossenen Sonntag die Generalversammlung des hiesigen Talmud-Thora-Vereins statt, in welcher auf Grund des Jahresberichts eine erfreuliche Zunahme des Vereinsvermögens konstatirt wurde. Dieses günstige Ergebniß ermöglichte dem Verein die Verleihung einer größeren Anzahl von Stipendien an strebsame, dem religiöswissenschaftlichen Studium obliegende junge Leute und namhafter Zuwendungen an diesbez. Anstalten, sowie andererseis eine ansehnliche Vermehrung des Reservefonds. Daß dieser Erfolg nicht zum mindesten den hingebenden Bemühungen der Vorftandschaft zuzuschreiben ist, wurde von allen Seiten dankend anerkannt. Dank der aufopfernden Thätigkeit Sr. Ehrw. des Herrn Rabb. Dr. Marx, des verehrten Gründers des Vereins, konnte sich auch die andere ideale Seite der Pereinsaufgabe, die begeisterte Pstege und *) Das einzige von den sechs diesigen Lokalblättern, das einen jüdischen Redacteur hat. Red. Verbreitung von min innerhalb der Jsr. Religionsgesellschaft schönstens entfalten. Und dieses Bewußtsein erhöhte bei allen Anwesenden die fröhliche Festesstimmuna, welche das sich an den geschäftlichen Theil des Abends anschließende Festessen beherrschte. Sr. Ehrw. Herr Rabb. Dr. Marx und das Ehrenmitglied des Vereins, Herr H. Bodenheim er, beehrten die Versammlung durch Erscheinen, und der erstere entwickelte in trefflicher Rede unter Zugrundelegung der Thorastelle: d-i$> brnf, t-N-ty' opi fei pr^ ro"> D’pSn rtffo p.n oy ein geistvolles Bilo einer jüdischen Festversammlung nach der Auffassung der Thora. Gleich den vpi sollen sich wißbegierige, für min begeisterte Leute, um ihre geistigen Führer schaaren, ihre festlichen Mahle nicht zu bloßen Lustbarkeiten gestalten, sondern sie opfe« bereiten und daraus neue Kraft und neuen Eifer für die ideale Aufgabe schöpfen. Daß auch der hiesige Talmud-Thora-Verein seine Festlichkeiten mit solch heiliger Absicht stets begehe und dieselben in würdiger Weise in den Dienst seiner ernsten Bestrebungen stelle, war der Wunsch, welchen der verehrte Herr Rabbiner zum Schluffe an die Anwesenden richtete. Erst in später Nachtstunde trennte man sich, nachdem vorher Humor und frohe Laune durch mehrere Toaste der HH. A. Mainzer und Lebermann in ihre Rechte getreten waren. Dem strebsamen Vereine, welcher im nächsten Jahre s. G. w. sein 25jähriges Jubiläum in Verbindung mit einem weiteren frohen Anlaß in unserer Gemeinde begehen wird, wünschen wir eine an ähnlichen Erfolgen und Festen reiche Zukunft! Dom Rhein. In V., einer Stadt in der Nähe von Coblenz, amtirt seit langen Jahren ein Religionslehrer, der zugleich Kantor, Schochet und Mohel ist. Sein Einkommen ist nicht so bedeutend, daß er bei seiner großen Familie auf Nebenverdienste verzichten könnte. In liebenswürdiger Weise gedachte nun ein Rabbiner, dem Familienvater einen einträglichen Nebenverdienst zu verschaffen. Es handelte sich nämlich nur Vornahme einer Trauung, die wegen der nsfen verboten war. (Ich muß vorcntsschicken, daß das zu trauende Paar von mehreren Rabbinern abgewiesen worden war). So gerne auch der Kultusbeamte aus V. die 50 M., denn so viel sollte er erhalteil — verdient hätte, so mußte er doch ein solches sündhaftes Anerbieten, selbst dem Rabbiner gegenüber, zurückweisen. Allein der Rabb. wollte aus Rücksicht „auf die Heiligkeit der Sache" weder die Trauung selbst vornehmen, noch mochte er die Sporteln, die er erhalten sollte, entbehren! In seiner Noth wandte er sich nun an den Kultusbeamten der benachbarten Gemeinde B., der wie jener eben-

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