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Der Israelit · 1896-02-10 · Heft 12 (10.2.1896) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 12 (10.2.1896)
Date
1896-02-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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287 Der Mensch zerfällt seinem Wesen nach in zwei Theile, in Seele und Körper. Der erstere Theil repräsentirt den eigentlichen Menschen, während der Körper nur die Hülle der Seele ist, durch w lche sie in die Erscheinung tritt. Die Seele ist ewig, der Körper vergänglich. Jene war schon vorhanden, bevor der Mensch geboren wurde und überdauert auch den Tod, der ja nichts anders ist als die Trennung der Seele vom Körper. Ohne Verbindung mit dem Körper ist die Seele, also der eigentliche Mensch, für unsere Wahrnehmung nicht vorhanden. Deßhalb sprechen wir von dem Eintritt des Meuschen in die Leiblichkeit und Zeitlichkeit als von dem Moment seiner Schöpfung, was aber in Bezug auf den eigentlichen Menschen d. i. die Seele nicht zutreffend ist. Diese hat sogar vor der Verbindung mit dem Körper ein freies und deßhalb glücklicheres Dasein. Ihre zeitweilige Vereinigung mit dem Körper ist nur erfolgt, unr durch diese Verbindung aus dem geistigen Leben in das der materiellen Thal zu treten. Ein Mensch, der nur der Idee lebt, diese Ideen aber nicht durch die That seines Lebens verwirklicht, der wäre gewiß besser und glücklicher, ohne diese Vereinigung mit dem ihm beengenden und beschränkenden Körper geblieben oder kurz, nicht geschaffen worden. Die Frage, welche die beiden Schulen beschäftigte, war somit: Ob es für den Menschen nicht ersprießlicher gewesen wäre, ungeboren und ohne Vereinigung mit dem Körper sein geistiges Leben weiter zu leben. Die zahlreichen Existenzen, welche den Zweck ihres Daseins verfehlen, bei welchen nicht die Seele den Körper beherrscht, sondern der Körper den göttlichen Funken, der in ihm glüht, zu verlöschen droht, mag diese Erwägung veranlaßt haben. Die Millionen von Menschen, welche geboren werden, und dann nur den Regungen ihres Körpers Rechnung tragen, für die Ansprüche ihres eigentlichen besseren Jch's aber jedes Verständniß eingebüßt habe?., scheinen das Resultat zu rechtfertigen, zu welchem sich die beiden Lchrhäuser endlich einigten. Daß sie aber zu einem solchen Resultate kamen, welches doch thatsächlich der göttlichen Weltordnung widerspricht, beruht darauf, daß sie die Menschen zählten — nDJn uöj — und dennoch ihr Urtheil bildeten. Wohl können Millionen verfehlte Existenzen ein solches Urtheil begreiflich erscheinen lasten. Aber die wenigen Vereinzelten, die sich trotz ihrer irdischen Hülle zur göttlichen Höhe emporschwingen, rechtfertigen glänzend die Schöpfung des Menschen, indem sie das Ideal verwirklicht zeigen, dessen Erreichung jeden: Einzelnen möglich ist. Eine einzige in diesem Grade vollendete Persönlichkeit wiegt die Mängel und Gebrechen von Hunderttausenden auf. Menschen dürfen aber nicht gezählt, sondern müssen gewogen werden. So heißt von Moscheh nun D'tft* “MD nro, daß er mit seiner Vollendung Hunderttausende mit ihren Fehlern und Jrrthümern aufwiegt. Deßhalb handelte es sich bei der Streitfrage zwischen den beiden Lehrhäusern nicht um eine muffige Spekulation. Sondern sie hat einen ungemein praktischen Endzweck gerade durch das betrübende Resultat, zu dem sie führte. Wenn es bester für den Menschen ist nicht in die Wirklichkeit zu treten, weil die That vielfach ausbleibt, die aus der Vereinigung von Seele und Körper erblühen soll, so ist die nächste Consequem die Untersuchung unseres bisherigen Thuns und Lassens und die gewissenhafte Prüfung selbst des als gut erkannten Thuns für alle Zukunft. Es ist dies das einzige Mittel, um nicht auf Grund der an sich selber gemachten Lebenserfahrungen zu demselben betrübenden Resultate zu gelangen. Es ist gewiß nicht zufällig, daß unsere aufs Materielle gerichtete Zeitströmung vom „Zählen" sich so viel verspricht, wie vielleicht noch nie zuvor. Die Wissenschaft der Statistik, die Volks- und anderen Zählungen beherrschen unser Urtheil in viel höherem Grade als dies in früheren Zeiten der Fall war. Und doch haften alle diese Zählungen und Schätzungen nur an der Außenseite der Personen und Dinge und ignoriren den inneren Gehalt und Werth, der doch allein den Ausschlag gibt. Deshalb hat der Schekelruf, der nicht die Zahl, sondern die Leistung zu schätzen lehrt, noch heute, und vielleicht heute m hr denn je, seine tiefe Bedeutsamkeit. Er verlangt unsere Leistung, wie gering und unscheinbar sie uns auch scheinen möge, als erste Bedingung des wiederkehrenden Menschenfrühlings. Erst wenn diese Anforderung gewürdigt und bewilligt ist, erfolgen die andern Maßnahmen, welche die jüdische Gesetzesrepräsentanz im Adar-Monat vornahm, und die w!r nun der Reihe nach uns in gedrungenen Zügen vergegenwärtigen wollen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Mainz, 6. Februar. Die hier erscheinenden „Mainzer Neuesten Nachrichten" berichten: Die große antisemitische Versammlung, für welche zuerst die „Stadthalle" und dann der „goldene Pflug" gemiethet war, hat gestern Abend, unter erschwerenden Umständen in den „Vier Jahreszeiten" (Grebenstraße), eine kleine Weinkneipe, stattgefunden. Die Einberufer hatten die Wirthin, — der Mann liegt krank zu Bette, — über den Zweck der Versammlung getäuscht. Sie gaben an, daß circa b0 Herren eine carnevalistische Abendunterhal-

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