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Der Israelit · 1896-02-10 · Heft 12 (10.2.1896) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 12 (10.2.1896)
Date
1896-02-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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236 auf den Beistand Gottes zählen zu dürfen. Unser Beitrag wird immer unscheinbar und gering sein, aber Gott verlangt auch nur einen halben Schekel. Die fehlende Hälfte ergänzt seine Liebe. „Es liegt dir nicht ob," sagt in diesem Sinne ein jüdischer Weiser, „das ganze Werk zu vollenden, aber du bist deshalb nicht frei, dich deiner Pflicht ganz zu entziehen." Im Dienste Gottes verwendet, fließen alle Einzelkräfte zu einem großen Ganzen zusammen. Die Einzelleistung würde spurlos verschwinden. Aber vereinigt, gestaltet sie sich zu einem ewigen Denkmal und Gedächtniß, das alles menschliche Fehlen und Irren auszugleichen vermag. Deshalb dürfen auch die einzelnen Personen bei uns nicht gezählt werden. Die einzelne Person ist so wenig, wie das einzelne Hälmchen auf der großen Wiese. Menschen, Meinungen, Leistungen dürfen nicht gezählt, sie müssen gewogen werden. Das gilt schon für gewöhnliche, irdische Zwecke, viel mehr aber noch, wo es sich um die höchsten geistigen Anliegen handelt. Wenn hundert Kämpfern tausend Gegner gegenüberstehen, so liegt in der größeren Zahl der einen noch keine Garantie für den Sieg über die Minderheit. Die Hundert können stark, die Tausend schwach, die Mehrzahl kann aus ungeübten, die Minderheit aus gewandten Kämpfern bestehen, die einen können sich des göttlichen Bestandes erfreuen, der den anderen vielleicht abgeht. Die Zahl entscheidet nicht. Wo es sich bei uns darum handelt die Zahl von Personen sestzuftellen, benützt die sinnige jüdische Sitte die Gelegenheit uns zu erinnern, daß nicht in der Zahl der zu zählenden, sondern bei Gott allein alle Hilfe und jeder Segen ruht, um den wir daher bitten, gerade wenn wir Menschen zählen. Nicht die Menschen sondern auf Gottes Beistand zählen wir, selbst wenn wir Menschen zählen. Wir zählen nicht sie, sondern die zehn Worte: -ry cn*ji cjni n« 1121 -jcy n« njrenn „Hilf Deinem Volke, segne Dein Erbe. Weide und trage sie bis in Ewigkeit." Uns hat Gott gesagt: Ci’Djn ayon onx „Ihr seid die Minderheit unter allen Völkern". Würden wir unsere Leute zählen, wir wären längst in dem Kampfe unterlegen, den wir seit Jahrtausenden zu kämpfen haben. Nicht die Person, sondern das, was sie leistet, schafft und wirkt, das zählt, und das allein giebt den Ausschlag. Will man unsere Zahl kennen, so muß jeder geben, spenden, leisten, und wenn es auch nur halbe Schekel wären. Das, was dann die einzelnen zusammen gewirkt und zu Wege gebracht haben, bringt das zum Ausdruck, was und wieviel wir zählen. Diese Einmüthigkeit des gemein« samen Wirkens macht den halben Schekel ganz. Dar ist der Schekelruf und die weckende, spornende Kraft, die ihm inne wohnt. Nach seinen Leistungen gezählt, erscheint Israel um so größer, je kleiner die numerische Größe ist, die es repräsentirt. Wenn etwas geeignet ist uns das Haupt zu erheben, so ist die Forderung: umi zu spenden, beizusteuern und zu helfen und die Art und Weise, wie wir ihr gerecht geworden sind. Die Erklärer der Thora erinnern an die Eigenthümlichkeit des Wortes Mi, daß es nämlich vorwärts wie rückwärts gelesen immer gleich lautet. Es ist die Pflicht, die, in welcher Stellung und Lage auch immer befrachtet, sich ewig gleich bleibt, deren Erfüllung uns obliegt, ob es vorwärts oder rückwärts mit uns geht. Diese Pflicht und ihre Erfüllung entscheidet über den sittlichen Werth von Menschen und Völkern. Sie ist der Gradmesser für die zutreffende Beurtheilung ihres innern Werthes. Diese Wahrheit dürfte auch einem dunklen Ausspruch unserer Weisen zu Grunde liegen, der sich im Talmud Traktat Erubin fol. 13. findet. Derselbe lautet: 77n n’2i ’NQ&y rro 1,77m nynui dubt >rw pm un 177m «"dot nnv n-qj n7bt o“in7 17 nu cmcis i77n nu nmi um ML7O mv chn7 17 m: dhdin vtffyßü tycttfD’ N-DJty vttoyi N“o:tPD inv tnaa N7w Oittd 17 . vnyyoa wnVD* ’Idni „Zwei und ein halbes Jahr stritten die Schulen von Schammai und Hillel. Die einen sagte, es wäre bester für den Menschen, wenn er nicht geschaffen wäre, als geschaffen zu sein. Die anderen sagten, es ist bester für den Menschen, daß er geschaffen ist, als nicht geschaffen zu sein. Sie zählten und tarnen zu dem Schluffe, es wäre besser für den Menschen nicht geschaffen als geschaffen zu sein. Jetzt aber, da er geschaffen ist, untersuche er seine Thaten und nach anderen: prüfe er seine Thaten." Von den Schwierigkeiten dieses Ausspruches wollen wir nur zwei hervorheben. In den Worten: es wäre für den Menschen bester, er wäre gar nicht geschaffen, liegt ein logischer Widerspruch. Wäre der Mensch gar nicht geschaffen, so existirte er überhaupt nicht; für ihn wäre dann weder etwas bester noch etwas schlechter. Noch schwieriger ist der Umstand, daß zwei Weisen über eine Frage streiten können, die durch Gott doch längst durch die Thatsache entschieden ist, daß er den Menschen wohl erschaffen hat. Daß sie nun füglich gar zu einem Resultat kamen, das gegen die Erschaffung des Menschen spricht, erhöht die Schwierigkeit noch in wesentlichem Grade. Wir haben von Oberrabbiner Ettlinger in Altona folgende Erklärung dieses Ausspruchs gehört. Die zuerst betonte Schwierigkeit findet sich auch in dem bekannten Spruche der Väter rwy u ni ivif»n n-oj nu. „Wer lernt, aber das Gelernte nicht übt, für den wäre es besser nicht erschaffen worden zu sein."

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