Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1896)
- Date
- 1896-02-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448620--41231-2490179- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
220 von den Nachkommenden zertreten wurden. Eine Frau, außer sich vor Schrecken, stürzte sich von dem oberen Range in das Parquei. Von Mitgliedern des Auditoriums, Fremden, Beamten, Juden und Christen wurden viele heroische Thaten verübt. Die Polizei und Feuerwehr wurden schleunig herangerufen und ihr erstes Werk bestand darin, die erregte Menschenmenge von den Thüren wegzutreiben, um das Rettungswerk beginnen zu lassen. Schreckliche Scenen spielten sich dabei ab. Wasserstrahlen mußten auf die Menge losgelassen werden und diese mußte fortwährend von Ambulanzen und Hilfswagen fortgetrieben werden, damit die Verwundeten und Sterbenden nach den benachbarten Apotheken, Privathäusern und dem städtischen Spital gebracht werden konnten. Dies letztere ist nicht weit von dem jüdischen Viertel, in welchem das Theater sich befindet und auch hier herrschte während mehrerer Stunden die größte Aufregung. welcher die Polizei kaum Herr werden konnte. Vier Männer kamen bei der Panik ums Leben, 14 Kinder, das jüngste 3 Jahre alt und 5 junge Mädchen. Die Anwesenheit der Kleinen wurde durch den Familiensinn der Russen erklärt, welche sie veranlaßt, alle ihre Lieben an dem freudigen Sabbat einer solchen Vorstellung beiwohnen zu lassen. Trotz des Sabbat wurde von allen Seiten Hilfe und Unterstützung organisirt. Die Spitzen aller Wohltätigkeilsinstitute kamen sofort zusammen, um das Nöthige zu veranlassen. Die allgemeine Theilnahme des Platzes wurde durch die sofortige Eröffnung einer öffentlichen Sammlung bekundet, bei welcher der Bürgermeister von Baltimore sich mit 100 Dollars betheiligte. Die jüdische verrichtende Beerdigungsgesellschaft bot ihre unentgeltliche Dienste sofort an, sie wurde indessen nur in einigen wenigen Fällen angenommen, theils weil einige der Betroffenen vermögend waren, theils, weil einige Familien darauf bestanden, daß die Beerdigung noch Samstag gegen Mitternacht stattfinden sollte, welche außergewöhnliche Zeit trotz des Minhag der polnischen Juden für schleunige Beerdigung, die deutschen Juden nicht gestatten wollten. Die Betroffenen — so weit sie es annahmen — erhielten während der Schiwah Speise, Lebensmittel und Feuerung. Die öffentliche Untersuchung ergab, daß bei der am Weihnachtsabend stattgefundenen Vorstellung des jüdischen „König Lear" mehrere Personen des Auditoriums durch Ausströmen des Gases betäubt wurden, ohne raß genügende Abhilfe dagegen geschaffen wurde. Der Ausspruch der Behörden geht dahin, dem Auditorium die alleinige Schuld des Unglücks zuzuschreiben, da es leicht die Katastrophe vermieden hätte, wenn es besonnen geblieben wäre. Feuilleton. Per Letzte seines Stammes Erzählung von Alphonse de la Hayr. 10) (Alle Rechte Vorbehalten.) „Also, das sind die Bitten Euerer Gnaden?" frug Rebb Bloser, „und dafür wollen sich Euere Gnaden tausend Franken zahlen? — No! — der Rebb Bloser ist sich freidenkerisch! Und warum? Weil er sich kein Fanatiker ist. Warum ist er sich kein Fanatiker? Weil er sich Rebb Bloser und nicht Marpua ist. Also wird er sich auch gestatten, die Judith Pelouse in Blumenkränzen und in silberbeschlagenem Sarg beerdigen zu lassen." „Das ist aber niederträchtig von Ihnen! Pfui! Sie sollten sich schämen, des Geldes wegen Ihr Amt und Ihre Religion in dieser Weise bloszustellen!" donnerte Dr. Blum. Doktor Blum trat mit noch einem Herrn in das Gemach, als Bloser in seinen rhetorischen Auseinandersetzungen seine Bereitwilligkeit zu der Erfüllung der Wünsche der Comtesse zu erkennen gab. Während sich in dem geistreichen, schönen Gesichte des Fremden ein schmerzliches Staunen malte und seine Lippen sich zu einem wehmüthigen, trüben Lächeln kräuselten, schaute Dr. Blum mit wechselnden Gefühlen auf Bloser wie mit Abscheu und Befremden, Ekel und Entrüstung; dann verlieh er seiner Entrüstung die oben berichteten Worte. Rebb Bloser wandte sich rasch um, und als er den fremden Herrn erblickte, murmelte er bestürzt vor sich hin: „Da ist sich ja der Marpua! — Ach! — es ist sich schade um lausend Franken." 15. Capitel Ein unerwarteter Schlag. „Sie müssen unfern plötzlichen Ueberfall gütigst entschuldigen, gnädige Frau!" wandte sich Doetor Blum an die Gräfin. „Wir müssen Sie in einer wichtigen Angelegenheit sprechen und wurden hierher gewiesen. Wir klopften mehrere Mal und Niemand lud uns ein einzutreten. Wir halten natürlich keine Ahnung, daß Sie sich in so interessanter Gesellschaft befinden!" „Au contraire, messieurs! “ lächelte die Comtesse, „Sie kommen mir sogar zu sehr gelegener Stunde; ganz besonders Sie, Herr Dr. Marpua! Wie sie soeben gehört haben, hat Herr Unterrabbiner Bloser erklärt, daß er gegen eine Beerdigung in der von mir angegebenen Weise Nichts einzuwenden habe. Es wird mir daher angenehm sein, wenn die Herren Rabbinen sich ins Einvernehmen setzen und sich über diese Frage einigen."