Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1896)
- Date
- 1896-02-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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219 WWW Schweiz. Glsrus, 3. Februar. Trotz der vielen Correspondenten, welche der „Israelit" in der Schweiz hat, dürfte demselben vom hiesigen Orte noch kein Bericht zugeqangen sein. Es lebt im ganzen Kanton nur eine einzige jüdische Familie, die in ihrem still Zurückgezogenen Leben wenig Stoff zur Berichterstattung liefert. Ein solches Stillleben einer so auf sich selbst angewiesenen Familie aus eigener Anschauung einmal kennen zu lernen, war schon lange mein lebhafter Wunsch. Am vergangenen Sabbat nu b bot sich mir durch eine Bar Mizwa Gelegenheit, welche die Familie hier beging. Durch Verwandte und Bekannte, welche dazu geladen waren, fand sich ein vollzähliges Minjan zusammen, auch für eine r,*vn -'bd war gesorgt und so trafen wir wohlgemuth Tags zuvor in Glarus ein. Glarus mit c. 6000 Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Cantons, ist in wunderschöner Lage gelegen. Es ist im Südosten vom Glärnisch, im Nordosten vorn Schilt und im Nordwesten vom Wiggis umgeben und imponirt außerdem durch seine schmucken neuerbauten Häuser, da der Ort im Jahre 1861 gänzlich abbrannte unddann wieder neu aufgebaut wurde. Der erste Bekannte, den ich hier traf, war der „Israelit." Er ist das eigentliche Medium, durch welches die Familie L. Gnth, die Verbindung mit der Welt draußen unterhält. Ich war freudig überrascht über den ächten, jüdischen Sinn und über das treue Festhalten an der Vätersitte, welchem ich in der Familie auf Schritt und Tritt begegnete, zumal ich mit ganz anderen Voraussetzungen hierherkam. In einer solchen, von der jüdischen Welt abgeschnittenen Familie, deren Kinder unter nichtjüdischer Umgebung geboren und erzogen werden, setzte ich voraus, sei es nicht denkbar, daß das jüdische Leben sich ungetrübt erhalten könnte. Doppelt freudig wurde ich daher überrascht, als diese Voraussetzung in gar keinem Punkte zutraf. Ich denke mir, wenn diese Familie in einer der größeren schweizerischen, jüdischen Gemeinden lebte, daß dann das schlechte Beispiel der großen Mehrheit die jüdische Erziehung vielmehr erschwert, als dies hier der Fall ist. Die Familie hat auch einen tüchtigen, talmudisch gebildeten Hauslehrer, der die Kinder in einer Weise unterrichtet, die selbst dem Lehrer einer großen Gemeinde alle Ehre machen würde. Es war ein Vergnügen zu sehen und zu hören, wie schön der Bar Mizwa-Knabe seine ncens und später eine Rede vortrug, welche sich an die Worte der Sidra lehnte: D3’» hon' \d rvnt Ovd nwn m:j;n ns. Eine derartige Feier in einer solchen alleinstehenden Familie, mit solchem Geiste gefeiert, ist ein lautes Zeugniß für die Lebenskraft des Judenthums, die eine Kinder in jede Umgebung begleitet und die keine Vereinsamung zu brechen oder auch nur zu erschüttern vermag. Diese und ähnliche Gedanken erfüllten die Theilnehmer der schlichten Feierlichkeit, die uns den Sabbat hindurch freudig vereinte, bis uns die neuanbrechende Woche wieder nach allen Richtungen auseinanderführte. Mich aber hat dieses schlichte Erlebniß mit einer großen Erfahrung bereichert. Sie hat mir die Eigenart Israels in einem concreteu Beispiel vor Augen geführt. Wie diese eine Familie in ihrem von Bergriesen eingeschlossenen Kanton, so lebt Israel dieses jnt« m« ’U sein nach göttlichem Willen geregeltes Leben, einsam, unv rstanden von seiner Umgebung und treu seiner Ueberlieferung, bis es Gott gefällt seine zerstreuten Kinder wieder in ihr Heim zu bringen. . od'p npi rnyo 3’3D 'n nb 3'üd doh D^tenv Amerika. Balt rnore, 31. Januar.*) Wie der Telegraph Ihnen bereits mitgetheilt hat, ereignete sich hier am letzten Freitag Abens, 27. Dezember eine schreckliche Panik, während der Vorstellung des jüdischen Theaters, bei welcher 23 isr. Personen ihr Leben verloren und mehr als 30 Personen schwer verletzt wurden. Der Vorhang hatte sich kaum zu dem Stücke „Alexander, Kronprinz von Jerusalem" erhoben, welches in dem Jüdisch-deutschen Jargon dargestellt werden sollte, als jemand aus dem Publikum der Gallerte, der einen scharfen Gasgeruch bemerkt batte, sich aufmachte, mit einem Streichholz nach der Ursache desselben zu suchen. Eine leichte Flamme schoß hervor, welche stundenlang ohne Schaden hätte brennen können, als irgend ein heißköpfiger Mensch Feuerlärm erhob, welcher von der ganzen Menge ausgenommen wurde, worauf ca. 2700 Männer, Frauen und Kinder sich auf die Treppen zu stürzen begannen, trotzdem die Schauspieler dagegen protestirten und das Orchester einige Takte Musik spielte. Um den Schrecken der Situation noch zu erhöhen und die Menge noch mehr aufzureizen, stürzte ein Bediensteter des Theaters nach dem Keller und drehte den Gasometer ab, um das ausströmende Gas auszulöschen. Das Theater ist ein altes und historisches, einst eines der besten der Stadt, die Ausgänge und Stufen sind breit genug, um ein Entleeren des Theaters in kurzer Zeit zu gestatten. Vor einigen Jahren verließ ein Auditorium von 3000 Personen vas Gebäude in 8 Minuten. In ungefähr ebenso viel Zeit fand die schreckliche Katastrophe statt, dadurch daß Männer, Frauen und Kinder vollständig den Kopf verloren. Nach dem Aussehen der Tosten zu urtheilen, wurde die Hauptanzahl in dem Gedränge erdrückt, während andere die Treppe heruntergefallen sein muffen und *) Verspätet eingetroffen. Red.