Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-02-06 · Heft 11 (6.2.1896) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 11 (6.2.1896)
Date
1896-02-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448620--41227-2490175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

216 stände, daß es auch unter uns Unredliche giebt, nur dann geltend machen, wenn ste auch Christen, Mohamedaner und Heiden haßten, weil dort ebenfalls nicht alle redlich sind. Einstweilen haben die Juden so sicher das Recht einen Pöbel zu besitzen, wie sich unsere Feinde sich dieses Rechtes erfreuen und einen recht ausgiebigen Gebrauch davon machen. Dasselbe gilt natürlich in noch höherem Grade von unseren wirklichen und angeblichen Schroffheiten, Extremen und Eckigkeiten. Es ist ja ein sehr großes Compliment, das den Juden ihre Feinde machen, wenn sie an diese den Maßstab von Engeln legen, *6 “irn inaVa '3Ddie kein Haarbreit vom rechten Pfade abweichen. Aber, wer möchte denn im Ernste glaubm, daß unsere Feinde ihr Rischus aufgeben würden, wenn wir wirklich ausnahmslos Engel wären? Solche engelreine Ideale in den Juden verkörpert, wären der Verworfenheit unserer Gegner ja erst recht ein Dorn im Auge. Um ekurz zu sagen, alle die von der „Allg. Ztg. des Judenth." uns angedichteten, oder den Antisemiten nachgebeteten Mängel, Gebrechen und Auswüchse mögen dem Rischus wohl einen fadenscheinigen Vorwand für seine Existenzberechtigung liefern. Aber sie machen das Rischus nicht; das Rischus macht sie. Mehr aber als alles bisherige ist der folgende Passus geeignet das Kopfschütteln aufmerksamer Leser zu erregen. „Nicht der fromme, glaubenstreue, für seine Geschichte und sein Schriftthum begeisterte Jude verbreitet den Krankheitsstoff, sondern viel eher derjenige, der mit Ostentation seinen Glauben verleugnet, fremde Gebräuche nachäfft oder gar mit seiner Abtrünnigkeit prahlt. Alle anständigen Nichtjuden aber achten den, der ruhig und bescheiden seines Weges geht, der die Fahne seines Glaubens hochhält, der für die Erhaltung seiner Religion Sorge trägt, der sich nicht aufdrängt und nicht vordrängt und dessen eifriges Bemühen, im Gegensatz zu den Anderen, ist und bleibt: Kiddusch haschem im Leben zu verbreiten." Man traut seinen Augen nicht; und sieht unwillkürlich nach dem Kopf des Blattes. Ist das wirklich die „AllgemeineZeitung desJudenthums?" Dieselbe „Zeitung des Judenthums", die nun seit bald sechs Decennien Schmutz und Steine auf das überlieferte, historische Judenthum, seine Bekenner und Vertreter wirft? Deren Begründer bei der Taufe des Reformjudenthums Gevatter gestanden, der diese seine „unparteiische" Zeitung in den Dienst seiner jungen Religion gestellt hat, und dieselbe Zeitung verdächtigt heute ihre eigene Sache und deren Vertreter in solcher Weise! Was liegt in diesen wenigen Zeiten doch für eine Bankerolt-Erklärung des Reformjudenthums ohne Rückhalt und Winkelzug von dem eigenen Anwalt anerkannt und ohne jede Provokation der Welt verkündet! Und welche Anerkennung des orthodoxen oder desjenigen Judenthums, deffen Bekenner die Fahne seines Glaubens Hochhalten und für die Erhaltung seiner Religion Sorge tragen! Also den Krankheitsstoff des Judenhasses verbreitet 1) derjenige, welcher seinen Glauben verleugnet, 2) wer fremde Gebräuche nachäfft 3) wer gar mit seiner Abtrünnigkeit prahlt. Kann man das Reformjudenthum und seine Reformjuden kürzer und treffender charakterisiren, als es in dieser Selbfterkenntniß und diesem Selbstbekenntniß geschieht? Also, der Jude, der seinen Glauben verleugnet, macht Rischus. Run ist der Glaube für Juden glücklicherweise kein so uncontrollirbares, verschwommenes, kautschuknes Etwas, über das sich viel disputiren ließe. Wir besitzen dreizehn Grundwahrheiten, die in das Gebetbuch — wenigstens in das nichtreformirte — aufgenommene, und auch in die meisten jüdischen Katechismen und Re'igionsbücher als die „dreizehn Glaubensartikel" übergegangen sind. Darin heißt es z. B. u. a.: nNttJun nDN n’N»3jn Man ^aty nia^ ruieNa pond ’jn D’N’Djb aN n*n wm htidn nrvn "bvn vby ww iwo NM uh»3 nny mmn bsv ,mriN d’nd^i moTipb Nnn n^> minn nNW ,'i^bm rby u*an nvo'? ruirun , Vond ’JN ,id» *parv tnian nxo mriN min Nnn n^i i m bi tay nonon’Bf »d by *)ni mwan nN’aa noto ruiONa . Na*ff ov!?aa £ nanN „Ich bin von der vollkommenen Ueberzeugung durchdrungen, daß alle Worte der Propheten wahrsind, daßdiePro pH etie unseres Lehrers Moscheh Wahrheit ist, daß er der erste unter den Propheten ist, derjenigen, die vor ihm waren und derjenigen, die nach ihm kamen, daß die ganze Thora, wie sie sich jetzt in unseren Händen befindet, diejenige ist, die Moscheh übergeben wurde, daß diese Thora niemals reformirt und auch niemals eine andere Thora erfolgen wird von dem Schöpfer, gesegnet sei sein Name. Ich bin mit vollkommener Ueberzeugung durchdrungen von dem Eintreffen des Messias und wenn er auch zögert, so harre ich trotzdem jeden Tag, daß er kommen wird." Es sind dies einige Fundamentalsätze, aus dem jüdischen „Glauben", wer sie leugnet, der hat den jüdischen Glauben verleugnet und macht nach der „Allg. Ztg. d. Judenth." Rischus. Wenn es der Judenthums-Zeitung damit Ernst ist, dann soll sie sich einmal das Gros der hiesigen Rabbiner, Lehrer, Gemeindewürdenträger und Gemeindemitglieder ansehen, dann geht von Berlin nicht nur das Rischus, sondern auch der Anlaß dazu aus. Dann soll sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.