Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-02-03 · Heft 10 (3.2.1896) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 10 (3.2.1896)
Date
1896-02-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448619--41218-2490165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

208 dem dortigen jüdischen Restaurant zu speisen pflegen. Weiter stürmt das nichtermüdende Dampfroß und führt uns in wenigen Minuten zu dein palmenreichen Bordighera, desien weltberühmte Myrthen- und Palmenpflanzungen alljährlich tausende von frommen Glaubensgenossen zum nwv-Feste mit den vorgeschriebenen Fruchtarten versorgen. In Ventiniplia, der zweiten Station nach Bordighera beginnt der französische Theil der Riviera. Wir müflen die Wagen verlaflen und unsere Gepäckstücke dem Zollbeamten vorzeigen. Der Beamte jedoch ist nachsichtig, und die Büchsen mit koscherem Fleisch xtract und die geräucherten Würste, die wir als rm mitgenommen und mittels welcher wir uns an jedem Orte ein rituelles Diner zuzubereiten in der Lage sind, passiren zollfrei die Grenze. Wir besteigen wieder den Wagen und an blühenden Orangenhainen vorbei dampft der Zug nach Mentona das uns, von den letzten Strahlen der Abendsonne beschienen, einen feeenhaften Anblick bietet. Auch hier, in Mentona, befindet sich ein jüdisches Restaurant und soll sich dasselbe in Folge ritueller Führung eines zahlreichen Besuches erfreuen. Schon hat sich die Nacht über die Hügel gebreitet als der Wagen jenes Miniatur-Fürftenthum betritt, besten regierende Herrin sich jüdischer Abstammung rühmen darf. Ob sie sich dieser Abstam mung jedoch rühmt, die Frau Fürstin von Monaco, nee Heine, — haben wir nicht in Erfahrung bringen können. Monte Carlo liegt hoch über der Bahnstation und ein Aufzug führt für wenige Centimes den Fremden in das Eldorado hinauf. Hier am Bahnhof kann man während des Jahres so manches Gesicht beobachten, besten Inhaber, nachdem er sechs Monate des Jahres in der deutschen Heimath über den Mammonismus des Judenthums öffentlich gewettert, die übrigen 6 Monate dazu benutzt hier praktische Versuche mit dem Mammonismus zu machen. Der Zug fliegt weiter durch die stille Dezembernacht, vorbei an würzigen Citronenwäldern zur Metropole der Riviera, zum alten Nizza. Nizza macht auf den aus dem Norden kommenden Besucher einen geradezu überwältigenden Eindruck. Die Vegetation des Nordens und die des Südens hat sich hier zur schönsten Gemeinsamkeit geeinigt. Die bevorzugte Promenadeftraße, Promenade anglaise, ist eine stundenlange Palmenallee, rechts das unendliche, spiegelglatte, von stolzen Seglern durchzogene Meer, links der blumengeschmückte „Jardin public“ und an diesen sich anschließend, die stolze von unzähligen Luxusgefährten durchzogene „Avenue de la gare" mit ihren prächtigen Hotels und Kaffeehäusern. Der Kalender verzeichnet den 20. Januar Vom azurnen Himmel strahlt die belebende Sonne, die verschiedensten Blumengerüche umgaben uns und unwillkürlich tritt die Frage an uns heran, ob wir uns denn in dem Monate befinden, den wir uns bisher ohne Eis und Schnee, ohne Pelzröcke und erfrorene Nasen gar nicht vorstellen konnten. Nizza wird nicht allein von Leidenden, sondern in ungleich höherem Maße von Vergnügungsreisenden ausgesucht, und die Mittagsglocke ruft manch auf der Hochzeitsreise sich befindendes junges Ehepaar zu der gastlichen Tafel des Hotels Levy. Zu den hervorragendsten Institutionen der Stadt, die selten ein jüdischer Fremder unbesichtigt läßt, gehört die jüdische Kuranstalt des „A8ile internationale israelite“. Das im gesundesten Viertel der Stadt gelegene, von reizenden Anlagen umgebene Institut, welches einer hochherzigen Stiftung eines hierlebenden Deutschen entstammt, und Patienten zu mäßigen Preisen (Unbemittelten kostenfrei) Aufnahme gewährt, untersteht der Leitung der Frau Tercelline Levy, einer Dame von seltenem Seelenadel, die vor Kurzem erst mit einem Tugendpreis gekrönt wurde. Durch den Umstand, daß das dirigierende Comite denen eine Wiederholung des Kuraufenthaltes verweigert, die durch aufhetzendcs und aufwieglerisches Benehmen den inneren Burgfrieden stören und die für Kranke doppelt nothwendige Gemüthsruhe gefährden, erfreut sich die Anstalt weit und breit einer seltenen Achtung. — Und gerade dieser gute Ruf der Anstalt hat gefeierte Namen des zeitgenössischen Judenthums veranlaßt, dem Comitee beizutreten. Wenn man bedenkt, wie viel Brustleidende alljährlich an Mangel einer geordneten Anstaltspflege zu Grunde gehen, so sollte kein jüdisches Herz es versäumen durch pekuniäre Beihilfe dies Asyl in die Lage zu setzen eine möglichst große Zahl von Aufnahmegesuchen zu berücksichtigen. Betheilige ich mich doch durch den kleinsten Beitrag, den ich der Sache widme, an der Rettung eines Menschenlebens; hier gilt es im buchstäblichsten Sinne die Erfüllung des Gebotes : im oi nopn nS Wer vom „Asyle" redet, wird unwillkürlich auf Herrn Meiß zu sprechen kommen, der in seiner Eigenschaft als Rabbiner die erste Anregung zu der trefflichen Institution gegeben hat, für die er bis heute mit unermüdlichem Fleiße thätig ist. — Herr Meiß, ein geborener Elsäster und glühender Patriot, gehört zu den ersten Persönlichkeiten der Stadt. Die Akademie hat ihn zum Offiziere ernannt. Sein amtlicher Wirkungskreis als Rabbiner erstreckt sich nicht allein über Nizza, sondern über das ganze Gebiet der „Alpes maritimes.'* In feiner Synagoge, wo ein vorzüglicher Hebräist,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.