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Der Israelit · 1896-02-03 · Heft 10 (3.2.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 10 (3.2.1896)
Date
1896-02-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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205 „C’est impossible!“ rief Pierre verblüfft aus. „Sie ist ja eine Jüdin! — Siehst Du? — Dort kommt der jüdische Pfarrer und nimmt die Richtung nach dem Schlosse; er wird ihre Leiche einsegnen wollen." Jetzt erblicken wir auf der Straße, die nach dem Schlosse führt, einen Mann in bestem Mannesalter, der mit gravitätischen Schritten einherging. Er war ein Mann von mittlerer Größe. Sein blonder Bart, der sein blasses Gesicht umrahmte, war sorgfältig gepflegt. Seine Augen, die in scheinheiliger Verzückung schauten, waren von stahlgrauer Farbe und blickten unstät umher. Seine Züge wären vielleicht weniger unangenehm zu nennen, wenn nicht Neid und Mißgunst verschiedene Furchen und Linien in dieselben gezogen und wenn nicht das ewige Lächeln um den großen sinnlichen Mund verriethe, daß er sich für eine sehr wichtige Persönlichkeit halte. Seine Kleidung war von dunkler Farbe und von fast peinlicher Sauberkeit; ganz besondere Sorgfalt schien er auf die weiße Binde um seinen Hals verwendet zu haben, als sei in dieser die ganze Würde seines Amtes enthalten. Jener Mann war Rebb Bloser, der Unterrabbiner von R . . . . mon. Er hat eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich. In Galizien geboren wanderte er bettelnd durch alle Gallen Deutschlands, bis er sich in R . . . mon in Frankreich niederließ. Dort betrieb er zuerst einen Hausierhandel mit Band und Tüchern; als jedoch dieses Geschäft nicht genügend für seine Familie abwarf, legte er das Metermaß beiseite und legte dafür die weiße Binde an und gebärdete sich als Seelenheilbeförderer. Er gab nämlich an, ein großer Gelehrter und ganz besonders frommer Mann zu sein, der nur einen Abschnitt von der Mischnah für das Seelenheil der Verstorbenen zu lernen nöthig habe, und die Pforten des Himmels seien ihnen weit geöffnet. In R . . . . mond waren zu jener Zeit wenig Thorakundige, so fand er Glauben und durfte sogar öffentliche Vorträge im Vereine halten, bis ein glücklicher Zufall ihm das Amt eines Unterrabbiners verschaffte. Und das trug sich so zu. Die gesetzestreuen Juden sonderten sich von der Hauptgenleinde ab, weil diese llnjüdische Elemente in ihren Gottesdienst ausgenommen hatten. Vergebens waren die Vorstellungen und Proteste seitens der Gesetzestreuen, sie wurden mit Hohn und Spott abgewiesen, und so errichteten sie sich mit schweren Opfern ein Gotteshaus. Rebb Bloser, der es sich bisher nicht nehmen ließ, die Neuerungssucht des Oberrabiners in jederWeise zu geißeln und zu verwerfen, machte plötzlich kehrt und fing an über die Orthodoxen zu schimpfen, indem er sie als Friedenstörer, die die Gemeinden entzweien und zersplittern, brandmarkte. Sein Eifer fand Anerkennung in den Augen des Oberrabbiners und dieser erhob ihn zu seinem Unterrabbiner. Seit jener Zeit war Rebb Bloser das Faktotum der Hauptgemeinde und der Vertreter des Oberrabbiners, wenn derselbe nicht anwesend war. Auf dem Friedhofe war er Herr und Meister und seine Predigten erfreuten sich ganz besonders seines eigenen Lobes, wiewohl es Jedem in den Ohren vor seiner krächzenden Stimme gällte und das Sprachgefühl ob seiner Fehler sich empörte. Rebb Bloser betrat das Portal des Schloffes. Jean, der mit rothgeweinten Augen sich in der Vorhalle des Schlosses befand, sah den Ankömmling mit erstaunten Blicken an. „Ich bin Rebb Bloser, der Unterrabbiner," stellte er sich Jean vor und schaute ihn dabei mit herablassender Freundlichkeit an. „Die gnädige Comtesse haben sich geruht, mir zum Audienz zu empfehlen." „Ich glaube Eure Ehrwürden kommen zu spät," versetzte Jean, „Herr Dr. Marpua, der Rabbiner der strenggläubigen Gemeinde, zu welcher die verstorbene Frau Verwalterin gehörte, war schon hier und hat seine Anordnung bereits getroffen." „Was? der Marpua, der Fanatiker?" lächelte Bloser selbstbewußt. „Was ist er sich gegen mir? Ich bin Rebb Bloser, der freidenkerische Unterrabbiner und mich hat die gnädige Comtesse zum Audienz besohlen! — Verstanden? He?" „Ich bitte, treten Sie hier ein! Ich will Sie bei der gnädigen Comtesse melden!" Kopfschüttelnd öffnete Jean die Flügelthüren und ließ Bloser eintreten, der mit siegesbewußtem Lächeln die Augen fromm und demüthig verdrehend auf einem gepolsterten Sessel Platz nahm. 14. Capitel. Für Geld Alles. Die Comtesse trat gleich daraus in den Salon. Ihre schlanke Gestalt war in ein einfaches Trauerkleid gehüllt und die dunkle Farbe des Kleides ließ ihr Gesicht blässer erscheinen. Reb Bloser schnellte von seinem Sitz empor, als er die Gräfin eintreten sah. „Eure Gnaden mögen sich mir entschuldigen! Mein Namen ist Bloser und bin mir der Unterrabbiner der hiesigen Gemeinde. Sie haben mir sich rufen zu lassen geruht; was steht sich Euere Gnaden zu Diensten?" Die Comtesse maß Rebb Bloser mit einem erstaunten, fast überraschten Blick vom Kopf bis zum Fuße und die Prüfung schien nicht zu Gunsten Bloser's ausgefallen zu sein; denn sie machte eine Geberde, als wolle sie das Gemach ivreder-'verlafferr.- Vor einer halben Stunde ungeftihr Pänd vor <thr auf dem nämlichen Platze Doktor Marpua, der Rab-

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