Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1896)
- Date
- 1896-01-30
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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189 alle Juden seiner Stadt eingekerkert hatte, um sie umzubringen, so tief rührte, daß er die Gefangenen frei gab. Am meisten erregte die Theilnahme das Schicksal der „Nachtigall", jenes Wunderjünglings, besten Augen so leuchteten, wie die Sterne und dessen Stimme, wie die einer Nachtigall klang. Die Schloßgräfin hatte ihn belauscht und trug sündhafte Gelüste nach ihm. Er floh, aber die böse Frau verfolgte ihn überall hin und drohte der ganzen Gemeinde mit ihrem Zorn. Da betete er zu Gott, daß ihm daS Licht aus den Augen und die Stimme aus der Kehle genommen werden möchte. Seitdem hatte Niemand mehr einen Laut aus seinem Munde vernommen, stumm und blind irrte er von Stadt?u Stadt und von Ort zu Ort . . . Reb Sekel war bei der Erinnerung an diese Geschichten so gerührt, daß er heiße Tropfen in den Augen hervorquellen fühlte. Dabei stand ihm der Rebbe, wie er, den Bartzipfel kräuselnd, horcht, die große Stube mit ihren dunkel flackernden Kerzen, Alles so lebendig vor der Seele, daß er erst, als seine Sohlen tiefer in den Schnee versanken, aus dem Sinnen erwachte. Hier schien der Weg aus seiner Versenkung hervorzutreten und auf gleicher Höhe mit den Feldern sich hinzuziehen, man mußte also gut aufpaffen. Der Schnee lag hier nicht etngestawpft, und Gott weiß, was für Untiefen die weiße Decke verbarg. Auch die grimmige Kälte glaubte er jetzt zu fühlen, denn seine Füße waren trotz des eilenden Ganges ganz erstarrt und die Finger froren ihm an den Aermeln, wohin er die Hände, wie in ein Muff gesteckt hatte. Sogar die Brauen waren ihm eingefroren, und Reb Sekel mußte lachen, wenn er seinen Bart besah, der voller Eiszapfen hing und den aus Watte gemachten Bärten ähnlich war, wie sie die Vermummten am Purim zu tragen pflegen. Er fühlte eine große Ermüdung und verlangsamte seine Schritte. Spähend wandte er den Blick nach rückwärts, ob nicht eine Holzfuhr angelaufen käme, der Bauer würde ibm gegen ein kleines Trinkgeld auf dem Stoß ein Plätzchen gewähren. Vernimmt man den Klingklang einer Schelle, so ist ein Gefährte in der Nähe. Reb Sekel lauschte, aber eS war nichts zu hören. Ein wenig enttäuscht ging er seines Wegs und wadete in dem lockern Schnee. „Hu. wie kalt!" dachte er. „Wer jetzt zu Hause und beim Ofen säße und sich den Rücken daran riebe! .... Wenn ich erst den Wald hinter mir hätte, es wär nicht mehr so weit. Dann kommt gleich ein Dorf und dann ein zweites und gleich zeigen sich die ersten Häuschen der Stadt. Wenn nur der Schnee nicht wäre, in dem ich jedesmal bis über die Knöchel versinke. Und keine Wegspur ist wahrzunehmen, eS scheint fürchterliches Schneeungewitter die Nacht gewesen zu sein, alles ist verweht. Und dabei ists kalt, daß einem das Blut in den Adern stockt." . . . Reb Sekel schlug im Gehen die Hände mehrmals gegen den Körper über einander, um sich zu erwärmen. Die Füße schmerzten ihm vor Kälte und es half nichts, daß er sie in heftigen Bewegungen gegen einander stieß. Inzwischen bemerkte er, daß die Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte, und nun begann, abwärts zu rollen. Trotz der großen Ei schöpfung verdoppelte er seine Schritte, um sobald als möglich den Wald zu erreichen, und nahm sich vor, abseits von demselben sich zu halten. Und der Frost wurde mit jedem Augenblick stärker, bet jedem Schritt war die Schneedecke weicher und der Wald war fern. Reb Sekel begann, sich nach demselben zu sehnen, wie nach einem Zufluchtsort, denn nicht wett dahinter winkte das Heim und lockte mit seiner Wärme und seinem Frieden. „Wo nur der Wald htngl kommen sein mag", dachte er, „ich gehe und gehe und noch kein Zeichen von einem Walde habe ich gesehen. Nur Schnee und Schnee, auf der Erde und am Himmel, denn auch der Himmel steht aus wie ein Eisdach. Die Sonne entflieht, und wenn sie nicht da ist, gleicht die Welt einem Eiskeller. DaS wäre nicht übel, wenn ich mich verspäten würde. Geld Hab' ich bei mir, eine volle Tasche Kupfermünzen, und eine ganze Menge Sachen dazu. Soll ich eS etwa wegwerfen? . . . Oder soll ich eS bis in die späte Sabbatnacht hineintragen? ... Hu, der Frost geht mir durch die Knochen, ich fühle ihn schon im Bauche, ja, er krampst mir die Gedärme zusammen. Nur schnell gegangen, Sekele, keine langen Pausen. Muß doch wenigstens nicht zu spät kommen. Ja, wenn man nur schnell gehen könnte, aber der Schnee ist weich, wie Teig, bevor ich den einen Fuß herausziehe, sinkt der andere hinein. Eine schreckliche kalte Hölle, mich däucht, die heiße wäre schon lieber. O, Gott, hilf mir nur, die Füße etwas leichter zu rühren! Warum aber nur der Schnee hier so tief und so locker ist. Eine Straße muß doch ausgefahrcn sein. Anfangs war.'s nicht so. Oder .... Hab' ich mich gar verirrt?! . . Bet diesem Gedanken fuhr ihm lähmender Schreckeu durch die Glieder, die ihm beinahe die Besinnung raubte. Kein Zweifel, er hatte sich verirrt und war querfeldein abgebogen. Plötzlich fühlte er, wie ihm sehr heiß wurde, seine Hände sanken herab und die Füße schienen ihm den Dienst versagen zu wollen. Der Schweiß stand ihm in großen, eingefrorenen Tropfen an der Stirne. Ec hätte sich am liebsten in den Schnee htngestreckt. um auszuruhen. Aber rechtzeitig kam ihm Aleksej's Mahnung in den Sinn, daß man keinen Augenblick sitzen bleiben darf, weil man sonst sterben muß. Wie ein Lichtblick kam ihm der Gedanke, rückwärts seine eigenen Spuren zu ver-