Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1896)
- Date
- 1896-01-30
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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188 eilte ihn Aleksej, der nachlief, um ihm eintqe Rathschläge zu geben. Der Schnee hätte die Wrgspuren verweht, man müsse sich daher an der Hauptstraße halten und nur keine Seitenwege aussuchen. Und wenn einem die Nase oder Finger zu friereu be ginnen, dann gleich eine Handvoll Schnee greifen und kräftig einreiben, denn Schnee fresse die Kälte fort. Aber sitzen bleiben, um auszuruhen, das dürfe man beileibe nicht und wenn einem auch der Schweiß in Scheffeln vom Körper strömte, denn sofort packt einem der Frost und läßt nicht los. bis man eine Leiche wird. „Paßt gut auf, panie Sekcl, und Gott geleite Euch!" Der Bauer lüftete freundlich grüßend die Mütze und machte Kehrt. Reb Sekcl verschwand bald in einer Biegung der Straße, wo ihn die schneebedeckten Felder umfingen. Der Frost war stark und lastete bedrückend auf der Erde, welche mit einer dünnen Glaskrust überzogen schien, so glitzerte es auf ihr überall von den schrägen Strahlen der Sonne, die nahe dem Himmelsrande hinweg und nur leuchtete, aber nicht wärmte. Bei jedem Schritt ließ sich ein scharfer, knisternder Ton vernehmen, wenn Reb Sekel athmete legte sich ihm gleich ein Reif über Bart und Schnurrbart. Er ging rasch, um sich warm zu halten, und da er Langweile spürte, ließ er seine Gedanken vorauswandern und gedachte der Frau, die seines Kommens harrt und jetzt emsig schafft, um diesen besonderen Sabbat würdig zu feiern. Wo die Arme nur das Geld dazu bekommen haben mag? Denn von seiner letzten Sendung war gewiß schon kein R.st mehr vorhanden. Ohne Zweifel hat sie die Leuchter verpfändet. Auf dem Tisch werden ihn die Sabbatlichter steckend in zwei großen, aüsgehölten Kartoffeln begrüßen. Aber was thms. Freude und Jubel ohne Ende werden trotzdem jeden Winkel ttts kleinen Stübchens erfüllen, und die Semtroth werden erschallen und die Fische werden auf der Tafel dampfen. Denn Fische hat sie gewiß besorgt. Wer in der ganzen Welt verstand denn auch so Fische zu bereiten, wie seine Frau! Die dufteten md schmeckten . . . na! . . . Hier begann ihm der Mund zu wäsfirn und der leere Magen knurrte ein wenig. Reb Sek.l schämte sich, jetzt gerade so ohne weiteres ans Essen zu denken und bemühte sich, seinen Gedankln cme andere Richtung zu geben. Ec malte sich au-", wie er nach dem Mahle an den Tisch des Rebbe ging. Alle machten Platz, er erhielt einen Sitz zur Seite des Zaddik, eine herzliche Begrüßung folgte und der Rebbe begann bald „Thora" zu sagen, alle hielten den Athem an und lauschten, indem die Hinteren Reihen auf den Schultern ihrer Vordermänner lagen, man kletterte auf die Bänke, in die Rahmen der Fenster, aber nur Wenige bekamen etwas zu hören, denn der Raum war weit und die Hörerzahl groß. Reb Sekel aber verlor kein Wort. Dann löste sich die Spannung ein wenig und der Rebbe sagte scherzend: „Reb Sekele es ist eigentlich unrecht von mir, daß ich Dich Lcho-Daudi singen lasse," dabei streichelte er ihm die Wange. Wenn ich nachher zu beten beginne, kann ich die Gedanken nicht Zusammenhalten. Sogleich kommen Deine Triller und hüpfen und tanzen mir im Kopfe herum, daß ich keine zwei Worte zusammenbringe." Reb Sekel lächelte etwas verlegen, und der Rebbe legt ihm die Hand auf die Schulter und fährt fort: „Aber, was soll ich sündiger Mensch thun! Ich muß Deinen Lcho-Daudi hören. Es thutmir wohl und ich fühle, baß mir bei Deinem G-sarrge die Neschomo-jefero kommt. „Ja, ja." Jctzt ruht die Hand des Rebbe wie segnend auf Reb Sekels Haupt, dessen Gesicht von einem glückseligen Lächeln erstrahlt, während die Anderen ihn neidvoll und wohlwollend zugleich ansehen. Ja, wer auch so singen könnte! Aber singen, das kann nur Reb Sekel allein. Wohl hat man schon viele Chasanim in der Welt gehört, aber Keinem ward in dem Maße die Gabe zu thetl, die Seelen zu rühren. „Wisset ihr Rabausaj", nimmt der Rebbe wieder das Wort, „mein Großvater, gesegneten Andenkens erzählte." . . Hier senkt er etwas die Stimme, und beginnt zu erzählen von jenem berühmten Chasstd, der so wunderbar sarg, daß kein Mensch ihm wtedecstehen konnte. Einmal verirrte er sich in einem wilden Wald, er wanderte und wanderte und konnte keinen Ausweg finden. Räuber überfielen ihn, schlugen ihn in Bande und wetzten schon die Messer, um ihm den Garaus zu machen. Da besann er sich, daß es Freitagabends war, und er wollte nicht ohne Gebet aus dieser Wclt scheiden. Er flehte die Mörder an, ihn noch ein Sründchen am Leben zu lassen, um nur das Sabbatgebet zu verrichten. Darauf begann, er zu singen und sang ohne Aufhör, bis die Banditen, überwält'gt und zerknirscht, sich ihm zu Füßen warfen und um Verzeihung baten. Sie bereuten, rhaten Buße und wurden fromme Leute. Unzählige Male halte man diese Geschichte v-rnommen, ober jedesmal war sie den Hörern neu, und jedesmal überlies sie von neuem ein Grauen, welches sich in einen wonnigen Schauer auflöste. Dann folgte eine Reihe Geschichten von Chasanim und Synagogensängern, eine wunderbarer als die andere. So von Jenen, der am Jom Kippur, während er den Psalm „Aus den Tiefen" vortcug, in himmlischer Verzückung seine Seele aushauchte; oder von jenem Andern, dessen Gesang einen Fürsten, welcher