Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1896)
- Date
- 1896-01-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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178 Weise vor aller Augen fühlbar macht. Die Reliligionsschulen sind da, die Lehrer sind da, aber der Sonnenstrahl fehlt, das Leben, Heiterkeit, Freude in die Herzen der Kleinen leuchten läßt. Wenn cs nicht gelingt mit dem gr lehrten Pensum auch die Freude mit in die kindliche Brust zu senken, wenn heitere Freude nicht der Grundzug des ganzen Unterrichts ist, dann speichert derselbe einen kalten, tobten Ballast in den jungen Köpfen auf, der sie zu Boden senkt, statt neues Leben zu gebären. Leider, leider geht einer erschreckend großen Zahl von Lehrern und Erziehern selber dieses Leben und diese Freude ab, die sie mit ihrem Unterricht und ihrer Erziehung in die jungen Herzen pflanzen sollte». Nicht die Methode, nicht die Pädagogik, nichts von allen diesen Schablonen, die Persönlichkeit des Lehrers allein entscheidet über die Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit seines Unterrichts. Wer will die Schüler zählen, welche der Religionsunterricht unreligiös gemacht hat? Das schrecklichste Gespenst, das die Kinder am meisten fürchten, ist die Langeweile. Sie ist nirgends heimischer als in den sogenannten R°ligionsstundem Das Grauen und der Widerwille vor ihr überträgt sich auf die Religion, die in ihr gelehrt wird; und die Unreligiösität ist fertig. Unsere modernen Schulen verstehen sich vielleicht besser auf die Veriheilung des Lesestoffs, auf die Aufrechterhaltung der Dtsciplin und noch auf manches andere, was dem alten „Cheder" abging. Aber das bet allen Mängeln aus letzterem mehr religiöse Menschen als aus unserer modernen Religionsschulen hervorgtngcn, das wird kein Unbefangener in Abrede zu stellen wagen. Dieser betrübende Mißstand fließt gewiß aus vielen Quellen. Aber eine der wesentlichsten ist: daß es nur so schwer und so selten gelingt, die Bitte unserer Birchas Thora erfüllt zu sehen: wea “}m?n nai tn w 'n kj mym. „Laß' doch, Gott unser Gott, angenehm sein die Worte Deiner Thora in unserem Munde"! Daß dieser Bitte so selten die Erfüllung folgt, liegt aber zum großen Theile gewiß darin, daß den Betenden die Innigkeit und das Berständniß dafür abgeht, wie ihre Erfüllung oder Nichterfüllung über das Vorhandensein oder Schwinden der Thora in unseren Reihen entscheidet. Wir haben an Auszügen aus den volksthümlichen Schriften unserer Altvordern die Bedeutsamkeit gezeigt, welche sie diesem Momente zuerkannten. Wenn das in jener Zeit der Fall war, als die Thora noch die Lebensseele unseres Volkskörpers ausmachte, wo sie nicht nur in unseren heiligen Schriften, sondern in thatsächlicher Wirklichkeit als „unser Leben und die Dauer unserer Tage" gefeiert wurde, mit welcher Hingebung müßten wir heute jene Mittel hervorsuchen und anwenden, die dazu bestimmt find, unseren Kindern die Thora angenehm zu machen. Je eisiger die Kälte ist, die unseren jüdischen Anliegen allgemein entgegen gebracht wird, desto milder, stärker und nachhaltiger müßte doch der Sonnenstrahl sein, der sie bewältigen soll. Unsere Zeit ist so groß im Dressiren, Maßregeln und Strafen und so klein im Anerkennen und Belohnen des Guten! Ob unsere Z-it bester und glücklicher, zufriedener und heiterer geworden ist aus diesem Wege? Wie man diese Frage auch beantworten möge, bet uns, in unserem heimischen jüdischen Kreise, werden wir für unsere heiligsten Anliegen den harten Winterfrost. unter welchem alle leiden, nur durch Liebe und Freude bewältigen, so gewiß es nur der Sonnenstrahl ist, der unseren von Sturm und Frost heimgesuchten Bäumen am Chamischo Osor das neue Leben wiedergiebt. In Kunst und Wissenschaft, in Industrie und Handfertigkeit mag uns die außerjüdische Welt überlegen sein und wir mögen bescheiden zu ihren Füßen I sitzen, um uns ihre Kenntnisse anzueignen. Aber in der Kunst des Lernens und Lehrend dürfte die jüdische Erziehungsweishett in so unerreichter Mustergiltigkeit dastehen, daß wir an den Lippen unserer eigenen heimischen Meister hangend, ihnen die Art und Weise ablauschen sollten, mit welcher sie ihr Wissen zum Gemeingut eines ganzen Volkes in allen Schichten und Ständen zu machen veistanden. Wenn wir unsere überbürdeten Kleinen entbürden und ihnen eine Erholung gönnen wollen, so geben wir ihnen — frei, und haben ihnen schon damit gesagt, so lange sie lernen seien sie nicht frei, seien sie geknechtet. Die jüdische Anschauung lehrt: pDiytf ’D pin p Z'X „Frei ist nur derjenige, welcher lernt." Wer nicht lernt, ist ein Spielball seiner Laune, seines Müsstggangs und aller seiner Ausgeburten. Sie verbietet am nationalen Trauerfafttage die Beschäftigung mit der Thora, „weil die Gesetze Gottes das Herz erfreuen." Aber sie ist auch wahrhaft erfinderisch mit dem ernsten Studium der Thora Freude und Frohsinn unzertrennlich zu verknüpfen. Wie sie das Herz der Kleinen zu erfreuen lehrt, als Lohn für ihre Leistungen, das haben wir aus den alten Erbauungsschriften gesehen. Wenn die Großen ihr Pensum erledigt, wenn sie alljährlich vor versammelter Gemeinde die Thora zu Ende gelesen haben, dann ist der Lohn dafür Simchas-Thora, die Freude mit der Thora. Aber die Freude mit der zu Ende gelesenen Thora erreicht ihren Gipfelpunkt erst dann, wenn die Gemeinde sofort die soeben gelesene Thora wieder aufs Neue von vorn zu lesen beginnt. Diese Freude mit der Thora wiederholt sich im Laufe des