Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1896)
- Date
- 1896-01-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVH. Jahrgang. Erste Beilage zu M 9 -es „Israelit“. Leitender Artikel. ChmW-Uor-KetrWiiW». (Schluß.) Mainz, den 26. Januar. Die Erwägungen, welche den Neujahrstag der Bäume mitten in die rauhe Winterszeit versetzt, werden im Talmud sRosch Haschonah Fol. 14 a) dahin zusammengefatzt, daß wenn auch der größere Theil der Wtnterzett noch aussteht, so seien doch die meisten atmosphärischen Niederschläge bis dahin erfolgt. .rur 'Ove> 3i") iNit'i Vwn pnao n&ipn 3i->^ »» by Die Regengüsse und Schneestürme, welche dem oberflächlichen Blick als Bestätigung des Winters erscheinen, sind dieser Anschauung im Gegentheil die Garantie des Frühlings. Mag die Wtnterzeit noch immerhin andauern; die Schnee- und Regenmassen, die bereits niedergegangen sind, halten, eben dadurch, daß sie bereits niedergegangen sind, den Einzug des Frühlings nicht auf. Der milde, stetig an Stärke zunehmende Strahl der Frühlingssonne bewältigt sie nicht nur, sondern führt, indem er Eis und Schnee schmilzt, den Saugwurzeln der Bäume das befruchtende Naß zu, das neu belebend Stamm und Zweige bis zum höchsten Wipfel durchdringt. Dieser Sonnenstrahl ist es, derben Winter überwindet, der den tödtlichen Frost in eine Lebensquelle umwandelt. und trotz Schnee und Eis, ja geradezu mit Schnee und Eis das Werk des Frühlings an den vom Sturm geschüttelten und vom Frost geborstenen Bäumen beginnen laßt. Diesen göttlichen Sonnenstrahl und die Wunder, die er bewirkt, hat die jüdische Erziehungsweisheit in die Schulstubm der ihrer Pflege anvertrauten Kinder geleitet. Das Wunder, welches jeder Keim darstellt, dessen winzige, beharrliche Kraft Eis und Schnee überdauert, die ihm begegnende Scholle durchdringt, dem der Frühlingsstrahl das Grab sprengt und ihn himmelwärts hebt, dasselbe Wunder vollzieht sich in ungleich höherem Grade an jeder Menschensprosse, die zum Leben erstarken und durch Erziehung für dasselbe ausgerüstet werden soll. Schwach und hilflos an Körper und Geist tritt das neugeborene Kind in die Zeitlichkeit, so schwach und hilflos, daß die meisten Neugeborenen dieser Schwäche erliegen und der Tod unter ihnen seine reichsten Ernten hält. Mit den ersten kritischen Wochen und Jahren sind auch für die junge Menschensproffe rw w an die schwersten, widrigsten Einflüsse überwunden, welche das ganze zarte Dasein in Frage stellten. Die Sorge für die Erziehung und Ausbildung des Kindes ftssellt dasselbe nunmehr an die Schulbank. Wie hart und drückend diese Fessel für das Kindesgemüth und den nach Freiheit ringenden kindlichen Geist ist, das hat jeder Lehrer und Erzieher erfahren und erfährt es täglich auf's Neue. Von der Nothwendigkett und gar Annehmlichkeit des aufzunehmenden Lehrstoffs können die Kinder kein Verständniß in diesem Alter haben, so oft man ihnen dies auch begreiflich machen möchte. Dabei haben sie Quecksilber oder lebendige Ameisen in den Adern rollen, in welchen bei unS träges Blut fließt. Das treibt sie hinaus und wir sperren sie ein, sie möchten ihrer Natur gemäß sich bewegen, lachen und jubeln und wir verurtheilen sie zum Stillsttzen und zum schweigenden Ernst. Dies lastet wie die Scholle auf dem Keim, wie ein Alp auf der Kinderseele, wie wird sie die Scholle bewältigen und sich von dem Alp befreiend Wenn das Kind selbst das Leben der Schule verläßt, um in die Schule des Lebens einzutreten pinao mV neipn an, so wartet seiner dort erst recht der wahre, eigentliche Ernst des Lebens. Wo nähme der werdende Mensch die Kraft zur Ueberwindung dieses Ernstes her, wenn ihm nicht der Sonnenstrahl zu Hilfe käme, der ihm die Wirklichkeit erhellt und verklärt? Die Leckerbissen, welche die das Kind wenig anmuthende geistige Kost versüßen, das Stück Zucker, welches der Maloch wirft, die Kuchen und Früchte, die der Ehamischo Osor reicht, sind solche Sonnenstrahlen, die in das ernste Leben des Kindes fallen und es verschönen. Es ist das ein Abglanz jener nnör nwo bw, welche das gesammte jüdische Leben verklärt. Sie hat nichts gemein mit wn roVpi pirw, mit lachendem Leichtsinn, sie ist um Himmelsfernen entfernt von nusyi roVsv, von lässiger Trübseligkeit, es ist die Freude mit der erfüllten Lebenspfltcht, welche die Herrlichkeit Gottes in den Kreis der Kleinen und der Großen zieht. Wer diese Freude weckt, wer sich ihr hingibt, der hat in seinem Wirken und Schaffen das Beispiel befolgt, mit dem uns Gott selber vorangeht. Das lehrt kein Moment des ganzen Jahres eindringlicher als der Neujahrstag der Bäume, dessen Sonnenstrahl im harten Winter sein Wunderwerk der Neubelebung beginnt. Wer will den Antheil ermessen, den die Nichtbeachtung dieser Ehamischo-Oser-Mahnung an dem religiösen Verfall hat, der sich in so erschreckender