Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1896)
- Date
- 1896-01-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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flösse der Produktenbörse tv'S Feld zu rücken, so indifferent erwieS sie sich gegenüber den antisemitischen Arabesken, welche die genannten Redner um die Frage der Auswüchse der Getretdespekulatton zu schlingen wußten. Der Aufforderung, dem Getreidewucher an den Leib zu gehen, wird Keiner die Gefolgschaft verweigern, der den Pflichten der Menschlichkeit Nachkommen will, aber es schien doch nicht ganz so den Interessenten und Bestrebungen der beiden Nationalitäten zu entsprechen, als ihnen Herr Gebler den Vorschlag unterbreitete, den nationalen und politischen Kampf einzustellen und stch gemeinsam auf die Juden zu werfen, welche die eigentlichen Feinde der beiden heimischen Volksstämme. die vaterlandslose Vampyre seien. Herr Jro, der sich gleichfalls eiferte, die Czechen zum Guten htnzuleiten, ist schon in der ^ntroduction vom Oberstlavdmarschall au^gehalten worden, so daß er mit seinen Worten hinter der Zahl der Worte sl ines Vorredners Herrn Gebler zurückblteb. Die Redner erhielten eine scharfe Zurechtweisung von dem Führer der Deutschen Herr Dr. Ruß und von dem Vertreter der Prager Josefstadt LandtagS-Abgeordneten Scharf, welche dagegen protesttrte», die Scenen aus dem niederösterreichlschen Landtage in die Prager Landesstube verpflanzen zu wollen. Frankreich. Pari-, 25. Januar. Vor ca. 3 Wochen erschien in einem hiesigen jüdischen Blatte, „UniverS", ein Artikel, der sowohl seines Inhaltes wegen wie auch deshalb, weil nach Ansicht etngeweihter Personen einer der ersten „Kirchenfürsten" des französischen Judenthums sein Verfasser ist, viel Staub aufgewirbelt hat. Der Aufsatz lautet: „ans eröatiou urgente“ und bringt den nagelneue« Vorschlag, wegen Mangels an Zuschauern, Pardon! The lnehmern am Sabbatgottesdtenst eine feierliche Ceremonte am Sonntag abzuhalten. Er beklagt tief den Mangel an Wissen in religiösen Sachen bei unserer Jugend, die durch Ueberbürdung in der Schule nicht dazu kommt, stch jüdisches Wissen anzuetgnen und findet, daß auch den jüdischen Geschäftsleuten, die doch unmöglich an mir vom Büreau wegbletben können, ein Dienst geleistet sei. wenn ein Gottesdienst am Sonntag gefeiert würde. Dies in kurzen Zügen der Aufsatz. Man sieht wiederum, wie wenig Einfluß die Orgel, der Chor und die Erlaubntß, an rar bei großer Entfernung zur Synagoge fahren zu dürfen, auf den Synagogenbesuch ausüben. In den nächsten Nummern des „UniverS" erschien nun eine Reihe von Briefen, die alle den Vorschlag mit tr ftigen Gründen widerlegten und zeigten, daß es nicht Mangel an Zeit, sondern IndlfferenttSmus ist, der unsere neologen Brüder vom Gang ins Gotteshaus abhält, während der erstgenannte Artikel das Gegentheil behauptet. Besonders hervorzuheben ist das Schreiben des Hr. Wetskopf rabbin de la Soci6t6 des Etudes talmudiques k Paris. Auch die „Archives", deren Chefredacteur Hr. Pcague noch voll und ganz auf dem Boden des überlieferten Judenthums stcht. brachten einen sehr guten Gegenartikel, der mit den Worten endigte: ob ein solches Blatt wie der „UniverS" sich auch noch Organ du Jud&isme conservateur nennen dürfte, wie es dies thut. Den Nagel auf den Kopf trifft aber ein in den „Archives" (Nr. 3) veröffentlichter Brief eines Hm. Dr. med. Eudlttz, dessen Uebersetzung ich hier folgen laffe der Gründe wegen, die betr. Herr auführt, ohne sich gegen den Sonntagsgottesdienst zu wenden: Geehrter Herr Redacteur! Ich las mit vielem Jnterefle den in Ihrer letzten Nummer veröffentlichten Artikel bezgl. der Sonntagsfrage und ebenso die in einem anderen Blatte erschienenen die»- bezgl. Briefe, fand aber nirgends einen Vorschlag, der dem jetzigen Zustande entsprechen würde. Mir scheint, daß man, bevor ein Unterricht für die Gesetzestreuen eingerichtet wird, einen solchen nothwendigerweise für unsere Rabbinen einsetzen sollte. DaS Seminar scheint, wie einige Beispiele lehren, seinen Bestimmungen nicht nachzukommen und den Herren nicht die Grundsäulen des JudenthumS gelehrt zu haben, denn ein Rabbiner läßt in seinem Hause und vor Aller Augen den rar entweihen und erklärt eS für erlaubt, der andere Oberhirte langt zum großen Erstaunen seiner Gemeindemitglieder am Freitag Abend spät mit der Eisenbahn in seinem Orte an. Leidet die Autorität ihres Unterrichtes nicht unter dem Hinwegsetzen über unsere Ueberlieferung. ihr Unterricht, der nur darin besteht, Reden über Menschlichkeit und Nächstenliebe zu halten, die ebenso gut für den Salle des Capucines auf den Boulevards stch eignen, Regeln, die jeder gebildete Mensch einem solchen geben kann, der es nothwendtg hat? Bon wirklich jüdischem Unterricht ist selten die Rede. Weit davon die Menge von dem Wege der Jrreligion abzuhalten, haben sie mit strafbarer Zuvorkommenheit da- Volk thun lasten, was sie fs leicht hätten verhüten können. Seit 30 Jahren sind eine Reihe franz. Rabbinen das Werkzeug ihrer Gemeinden statt deren Leiter. Wir hätten geschwiegen, wenn sie allein die Folgen zu tragen gehabt hätten, aber es ist dem nicht so. Die kürzlichen Skandale, in die so viele Juden verwickelt sind, die seit Langem jedes Band mit dem sie noch am Judenthume hängen, gelöst haben, haben gezeigt, wohin der Abfall fuhrt. Dagegen fand sich kein einziger Vertreter des wahren Judenthums darin verwickelt, weil dieses unzertrennlich ist von Ehre, Rechtlichkeit und allen anderen Tugenden. Es ist gleichgültig, ob derartiger Unterricht Samstag, Sonntag oder gar nicht ertheilt wird. Man muß weiter gehen, um dem Niedergang der „Jüdischkeit" in Frankreich entgetzen zu steuern. Diejenigen, die die^Menge leiten in religiöser Beziehung, müssen mit ihrem Leben als Beispiel dienen. Roch ist es Zeit, aber man mutz sich hüten und darf nicht auf alle Juden die Verantwortlichkeit wälzen, die einige wenige durch da- Berlaffen der väterlichen Religion