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Der Israelit · 1896-01-30 · Heft 9 (30.1.1896) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 9 (30.1.1896)
Date
1896-01-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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172 derjenige ein Feind des Staates und der gesellschaftlichen Ordnung ist. der einen großen Theil der Bürger in eine Lage bringt, welche unfehlbar zu einer Lockerung des religiösen Pflichtbewußtfeins führen und eine Lösung der Bande frommer Scheu bewirken muß. Aber — das ist nicht geschehen. Und so traten auch bei dieser Gelegenheit einige jugendliche Krakehler in den Vordergrund. Die jüngst in der Frage abgehaltene Versammlung enthüllte die ganze Misöre unseres inneren Gemeindelebens. Auf einer Versammlung, die in erster Reihe die Kaufleute angeht, spielten die erste Geige ein paar junge Doktoren verschiedener Facultäten, welche in so maßloser und taktloser Weise vor allen Dingen gegen die Vertreter der Juden im Grmeinderath loszogen, die doch immerhin ältere Herren find, meist eine verdienstvolle Vergangenheit haben, daß man den Eindruck gewinnen mußte, daß die jungen Herren vor Begierde brennen, die Plätze Jener einzunehmen. Und so groß war der Krakehl, daß die eigentlichen Kaufleute und Gewerbetreibenden gar nicht zu Worte kommen konnten. Närrische, abgeschmackte Phrasen, leere Drohungen gegen den im Lande herrschenden Stamm, die offenbar nur den Zweck hatten, eine Zettungspolemik hervorzurufen, in der die Namen von ein paar jungen Maulhelden „gedruckt" werden, was den Ehrgeiz manches kleinlichen StrebenS ausmacht — alles dies hat viel dazu betgetragen, die Sache der Juden zu verschlimmern. In einer Angelegenheit wie diese, wo in erster Reihe politischer Takt und Mäßigung im Vorgehen vonnöthen sind, umsomehr, da es ja eine Minorität ist, die ihre Rechte verficht, haben die sinnlosen Ause'manderfttzungen der „Redner" auch diejenigen besonnen und gerecht fühlenden Elemente unter den Christen, die auf der Seite der Juden standen, in das Lager der Gegner gedrängt. Es ist traurig, und einzig die Folge des systematischen Fernhaltens besserer und reinerer Elemente vom Getriebe des öffentlichen Lebens, daß es einigen nicht ausgereiften „Brausepolitikern" bei uns möglich ist, die Oeffentlichkeit zu beherrschen und ihre Stimme am Unrechten Orte hören zu lassen. Schon der Umstand, daß der Gemeinderath eS abgelehnt hatte, an jenem Abend, da die Erregung der Gemüther zu hoch ging, einen endgilttgen Beschluß über die Frage zu fassen, muß als eine, wenn auch vorläufig geringfügige Corcesston an die gerechte Sache aufgefaßt werde». ES stand zu hoffen, daß die Angelegenheit eine friedliche Beilegung finden würde, wenn die jüdischen Interessenten würdevolle und der Aufgabe gewachsene Wortführer gefunden hätten. Jetzt aber ist die Erbitterung, von den berufenen Hetzern veranlaßt, und geschürt von einer gewissenlosen und verlogenen Presse, welche die Gelegenheit zu einem Feldzug gegen die Juden gern herrrief, so hoch gestiegen, daß cs besonderer Geschicklichkeit und ungewöhnlichen Glücks bedarf, um die Erregung zu beschwichtigen. Gebe Gott, daß es gelinge! Zeitrmg-rrachrichte« trab Ikorrefpondeuzen. Deutschland. A. B. Berlin, 28. Jan. Ja voriger Woche hielt der „Central Verein deutscherStaatsbürger jüd. Glaubens" eine ordentliche Versammlung ab. Auf der Tagesordnung stand ein Vortrag des Rechtsanwalts Dr. HugoSonnenfeld üb r die staatsbürgerliche Stellung der Juden in Theorie und Praxis. Der Vortragende entledigte sich in zweistündiger Rede glänzend seiner Aufgabe, und entwicktelte in interessanter Weise ein Bild von den gegenwärtigen Rechtszuständen. Er wies an der Hand von mit unendlichem Fleiß gesammelten Material nach, daß trotz Verfassung und Gesetz die Juden an der vielberühmten Gleichberechtigung den ihnen zukommenden Antheil nicht genießen und wie in allen Zweigen des Staatslebens eine Benachtheiltgung derselben zu verzeichnen sei. Der Redner geißelte auch in scharfen und treffenden Worten die verschiedenartigsten Auffassungen der Strafrichter und eine befremdliche Handhabung der Gesetzesparagraphen da, wo es sich um eine Beleidigung der Juden und ihrer Religion handle. Der Vortragende ermahnte zum Schluß stch nicht durch falsche Bescheidenheit abhalten zu lassen, den Beschwerdeweg zu verlassen, sondern da unentwegt einzutreten, wo die Interessen des Judenthums es erfordern, doch ermahnte er auch fest zu stehen in treuer Pflichterfüllung den staatlichen Gesetzen gegenüber. Auch noch verschiedene andere Punkte wurden im Laufe des VortragS vom Redner gestreift, er entkräftete den Vorwurf der Feigheit, den man den Juden stets vorwerfe, dadurch, indem er statistisch nachwies, daß die Juden wegen Bestrafung zum Zweikampfe leider mit einem größeren Prozentsätze bctheiltgt seien, als die Christen, wonach indeß am eklatantesten bewiesen wäre, daß es dem Juden an persönlichem Muihe nicht fehle. Später lieferte Herr Dr. H. Hildesheimer in der Diskusston zu diesem Punkte noch einige werthvolle Beiträge, indem er kurz entwickelte, wie die Juden in hervorragender Weise im Feldzuge 1870 theilgenommen und dekorirt worden wären, noch mehr aber in solchen Ländern dem Vaterlande treue Dienste geleistet hätten, in welchen sie als voll gleichberechtigt zu den höchsten Chargen zugelaffen seien. Er wies auf

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