Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1896)
- Date
- 1896-01-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448618--41180-2490126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
171 ermöglichen, und habe gar keinen konfessionellen Charakter, so daß dasselbe nicht zu Gunsten der einen und zum Schaden der anderen Confesston gehandhabt werden dürfe. Ebenso richtig war die Frage des Abgeordneten Goldmanns, wozu man eine Religion erst durch weltliche Gesetze schützen müffe, und warum denn die gläubigen Katholiken nicht lieber das Beispiel der Juden befolgen, welche den ganzen Samstag hindurch ihre Arb eit einstellen, obwohl kein Gesetz sie dazu zwingt, vielmehr das Gesetz ihnen alle möglichen Hindernisse in den Weg legt. Es ist jedem Einstchttgen klar, daß es sich hier lediglich um einen ganz materialistischen Zweck handelt, nämlich die Existenz der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden zu Gunsten ihrer christlichen Konkurrenten zu untergraben. Es ist ein empörendes Schauspiel, wie hier mit dem Allerheiligsten, was der Mensch besitzt, mit der Religion, schnöde Heuchelei zur Erreichung materieller Zwecke getrieben wird. Was würde denn die Christen daran hindern, am Sonntag ganz oder thetlweise zu ruhen? Die Juden könnten ihnen doch ohnehin keinen Vorsprung abgewinnen, da diese ja am Sabbat den ganzen Tag uneingeschränkt sich jeglicher Arbeit, jeglichen Handelsverkehrs enthalten. Aber nein! Der Jade soll am Sonntag nicht arbeiten dürfen, oder die durch das heuchlerische Gesetz gewährte Freiheit, zu arbeiten, soll für ihn illusorisch gemacht werden. Daß er trotzdem sich n!cht entschließen wird den Sabbat zum Werktag zu machen, das wissen die Herren nur zu gut. Was dann? Ja, dann ist eben der Jude konkurrenzunfähig gemacht, dann muß er im Kampf ums Dasein den Kürzeren ziehen. Mag er Wucherer werden, mag er jeden unehrlichen Erwerb ergreifen, um so schlimmer für ihn, aber um so bester für „uns" für „die Herren des Landes," denn dann können wir ja auf die Unehrlichkeit der Juden, auf ihre Neigung zu unredlichem Erwerb Hinweisen und tüchtig darauf losschtmpfen. Man steht, es ist dieselbe Tendenz wie im Mittelalter, den Juden alle Wege zu ehrlicher Arbeit zu versperren, nur ist die Methode eine andere. Wozu hätten wir denn sonst gesetzgebende, vom „Volke" gewählte Körperschaften? Es war wahrscheinlich ein blutiger Scherz, von Seiten deS Herren Profeffor Pientak, wenn er sagte, wenn die Juden unter keiner Bedingung am Sabbat arbeiten und Handel treiben wollen, so wüsten sie sich schon entschließen dies geringe Opfer „dem Vaterlande" zu bringen und auch noch am Sonntag zu feiern! Der gelehrte Herr hat wohl kaum eine Ahnung, was er für ein Opfer von den Juden verlangt. Es muß mit Anerkennung her- ‘ vorgehoben werden, daß die Herren Byk und Gold mann sehr energisch und eindringlich die Interessen ihrer Glaubensgenossen vertheidiqt haben. Hätte der Erstgenannte seinerzeit im Retchsrarh ebenso muthtg und treu seine Schuldigkeit gethan, wir hätten heute vielleicht andere Verhältnisse. Der endgtlttge Beschluß über den Sectionsantrag wurde vertagt. Doch hatte die Angelegenheit außer der Gemeindestube zwei sehr merkwürdige Nachspiele. Erstlich raffte sich ein Verein namens „Katholische Lesehalle" auf und beglückwünschte den Herrn Pientak und seine G.nassen dazu, daß ihr Auftreten „die katholische Religion gerettet habe." Auch viele christliche Bürger der Stadt, die früher, als das Gesetz noch keine Sonntagsruhe nomtrt hatte, an einem jeden Sonntag munter darauf los gehandelt und gefeilscht hatten, fühlten mit einemmale ihr katholisches Gewissen erwachen und gaben ihre Visitenkarten bei den genannten Herren ab. Sie wußten warum. Ist doch d ese vielbesungene Sonntagsruhe eines oer besten Mntel, um die jüdische Konkurrenz lahmzulegen. Was thaten aber die Juden? Sie beriefen wieder eine Versammlung! Hier muß dem Schmerz und der Enttäuschung darüber Ausdruck gegeben werden, daß bei einer Angelegenheit, in der eine so eminent religiöse Frage mit in Betracht kommt, unser geistiges Oberhaupt, wir meinen Sr.EhrwürdenRabbi JsakSchmelkes, in keiner Weise seine Initiative ergriffen hat. Gewiß sind es gewichtige Gründe, welche diesen rm Dienste des überlieferten Judenthums ergrauten Rabbiner bestimmt haben, in dieser Frage nicht hervorzutreten. Aber man kann sich eines Gefühls der Scham nicht erwehren, wenn man bedenkt, baß die ganze Angelegenheit, welche viele Zehntausenden Juden vor die Alternative stellt, entweder das heiligste Gebet der Religion zu verletzen, oder aber stch dem ökonomischen Ruin zu überantworten, lediglich als eine reine Brodfrage abgehandelt wird, wie herrlich wäre es gewesen, wenn unser Oberrabbtner, zu dem als an Jahren und an Rang ältesten die ganze Judenheit Galiziens mit Ehrfurcht emporbltckt, in seiner Weise bei den berufenen Behörden eingeschlitten wäre, und ihnen dargelegt hätte, welch' hohe und unvergleichliche Bedeutung die Sabbatruhe nicht bloS als religiöses Gesetz hat, sondern wie eng dtchlbe mit dem ganzen geistigen Leben der Juden verwachsen ist, nnd wie mit dem Erlöschen desselben, oder mit seiner allmähltgen Umwandlung in einem Werktag — was Gott verhüten möge, — das ganze religiöse Judenthum rn einer Verödung und Zerstörung anhetmfullen würde. Es hätte gewiß mehr als sämmtliche Protestattonen und Kundgebungen gewirkt, wenn der Rabbiner den maßgebenden Faktoren klargelegt hätte, daß