Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 8 (27.1.1896)
- Date
- 1896-01-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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159 „Warte, warte!" keuchte Edmond und drückte seinen Bruder an den Boden, wahrend er gewandt aufsprang. „Ich werde Dich schon lehren, anständige Damen zu belästigen!" „Du mich? Deinen älteren Bruder?" schrie Charles mit heiserer Stimme und stieß mit seiner nervigen Faust Edmond von sich, daß er zurücktaumelte und in die Arme seines ihn auffangenden Vaters fiel. Charles sprang vom Boden auf und machte Miene sich auf seinen Bruder zu stürzen, als er aber seinen Vater erblickte, wich er erschreckt einige Schritte zurück. „Was ist geschehen?" donnerte Graf Pierre ihn an. „Charles wollte jene Dame belästigen, Papa," erklärte Edmond, und feine blauen Augen sprühten Feuersunken des edlen Zornes, „ich folgte dem Hilferufe jener Schutzlosen." „Wie? eine Dame! Ha! Ha! Warum nicht gar?" brach Charles in ein höhnisches Lachen ans, „Pah! eine Judendirne!" „So willst Du Dein schmachvolles Benehmen entschuldigen, Du Ehrloser?" schrie Edmond außer sich. Seine sonst so sanften Augen rollten in wildem Glanze, er ballte seine Faust und machte eine Geberde als wollte er sich noch einmal ans seinen Bruder stürzen. „Ist der Jude kein Mensch? Oder kennst Du das Judenthum, daß Dil glaubst, seine Anhänger in dieser niedrigen Weise beschimpfen zu dürfen? Ich sage Dir, daß jene Religion jedem edeldenkendem Menschen Achtung gebietet, denn sie ist vom reinsten Lichtglanze der Wahrheit umflossen! Gesegnet sei die Republik, die allen Menschen gleiche Rechte gewährte und Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit auf ihre Fahne schrieb, dadurch der Aristokratie ihren Selbstdünkel und ihrer Ueberhebung entriß!" „Ha! Ha!" brach Charles in ein schallendes Gelächter aus. „Du bist mir ein famoser Edelmann! Du sprichst ja wie ein Jude und Republikaner!" „Jawohl, wie ein Jude," entgegnete Edmond mit gesteigerter Schwärmerei, „ich würde stolz darauf sein, Jude zu werden, denn dieser Glaube ist nicht blos der älteste, sondern auch der wahrhafteste. Ich beneide jenes Mädchen dort, das Du in Deiner Ueberhebung zum Opfer Deiner Wollust ungestraft herabzuwürdigen zu dürfen glaubtest, daß es ein Mitglied jenes großen Volkes ist." „Und fo spricht ein Peloufe?" rief Graf Pierre bestürzt und erstaunt zugleich aus. „So muß jeder Mensch sprechen, der die Wahrheit über alles liebt," rief Edmond in wahnsinniger Verzückung aus. „Die Wahrheit giebt mir den Muth, solche Worte in Gegenwart meines Vaters, dessen verrostete und vorurtheilsvolle Ansichten ich kenne, zu sprechen. Wisse, lieber Vater, auch ich war früher von der Wahrheit weit entfernt. Meine Erziehung, die durch Vorurtheile, Ueberhebung und Selbstdünkel genährt worden ist, machten meine Augen blöde, und sie vermochten das glänzend leuchtende Licht der Wahrheit nicht zu schauen, als ein glücklicher Zufall mich mit jenem edlen Mädchen zusammenführte. Als ich vor einem Jahre ungefähr nach R . . . . mond lustwandelte, bot sich mir ein herzzerreißendes Bild des Jammers und Elends dar. Am Eingänge der Stadt lag auf offener Straße eine an den Blattern erkrankte christliche Fran. Alle Vorübergehender! wandten sich mit Abscheu und Eckel ab, ohne der arrnen Kranken ein Wort des Trostes zu sagen, Hilfe zu leisten. Auch ich wollte schnell vorübereilen, als ich plötzlich, wie durch einen Zauber gebannt, stehen bleiben mußte. Aus der Stadt kam jenes liebreizende Mädchen, es schien ebenfalls einen Spaziergang in's Freie machen zu wollen, als es jedoch die Kranke erblickte, blieb es stehen und eine mitleidige Bewegung ging durch seine schönen Züge. Mit liebevollem Lächeln beugte es sich über die durch die Blattern ganz entstellte Frau und frug sie, was sie für sie thun könne itnd als es von der Kranken vernahm, daß sie ganz fremd und verlassen hier sei, versprach sie bald Hilfe zu holen. Das Mädchen eilte nach Hause und kam bald mit seinem Vater, einem ehrwürdigen Greise und einem Diener zurück. Die verlassene kranke Frau fand eine liebevolle Aufnahme und die hingehendste Pflege im Haufe des Vaters. Damals rvaren meine Vorurtheile und meine Einbildung auf meine Geburt noch so groß, daß ich keine Scham empfand, müßiger Zuschauer bei einem solchen Werke menschlicher Liebe zu sein. Die Gutmüthigkeit und das selbstlose Handeln, jedoch noch mehr aber die Schönbeit des jungen Mädchens, erweckten mein Interesse und übten auf mich zugleich einen solchen Zauber, daß ich mich erkundigte, wer das Mädchen sei. Die Auskunft überraschte mich in hohem Grade. Ich erfuhr, daß es die Tochter des Ortsrabbiners Levisohn sei, und Sara heiße. Also solche Werke der reinsten Menschenliebe übt jenes Volk, von welchem mir gesagt worden ist, daß eS sich seinen Gott, als einen Gott der Rache denke? Während die andern mit Abscheu und Ekel vorübergingen, unbekümmert darum, daß ein Menschenleben dadurch freud- und trostlos zu Grunde gehe, war es ein jüdisches Mädchen, das dem armen Geschöpf Rettung brachte. Gar bald trieb inich der holde Zauber, der das reine Wesen des Mädchens um mich gesponnen, öfters in die Stadt. Bei dieser Gelegenheit lernte ick auch ihren Vater kennen, denen streng rechtlichen Sinn ich ebenso achten mußte, wie seine große Weisheit. Unmerklich entbrannte mein Herz in gliihender Leidenschaft für Sara und ich versuchte sie zu über-