Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1896)
- Date
- 1896-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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139 Feuilleton. Der Letzte seines Stammes ErMhlrmg von Alphonfe de la Haye> 6) (Alle Rechte Vorbehalten.) „Onkel Isidore!" rief der Knabe aus, „Elchonon will nicht glauben, daß eine Stunde genügt, um nach genossenem Fleisch Milch trinken zu dürfen, und weigert sich, die warme Milch, die uns Claudine gab, zu trinken!" „Elchonon will keine Milch trinken, Onkel Doktor," erklärte der Knabe mit weinerlicher Stimme. „Mamachen sagt, Elchonon muß drei Stunden nach dem Fleische mit Milch trinken warten!" Doctor Blum streifte die Comtesse, die wie im Traume verloren dasaß und von ihrer ganzen Umgebung keine Notiz zu nehmen schien, mit einem höhnischen Blick. Elchonon mit seiner echt jüdischen Erziehung der Angehörige einer gräflichen Familie? Unmöglich. „Sei ruhig, mein Kind!" sagte Dr. Blum und streichelte mit Wohlgefallen die blühenden Wangen des Knaben. „Niemand soll Dich zum Milchtrinken zwingen, wenn Du nicht willst. Laß ihn in Frieden, Lucien! Hörst Du?" Jetzt bemerkte Elchonon die Comtesse, er riß sich von Lucien los und eilte auf sie zu. „Hat Tante Comtesse dem Elchonon den Wagen mitgebracht? Weißt Du? den Du ihm vorige Woche versprochen hast." Die Comtesse erwachte aus ihrem Traume, und als sie Elchonon wahrnahm, glitt ein freudiger Schein über ihr Gesicht. Sie hob den Knaben zu sich empor und küßte ihn auf seinen rosigen Mund. „Du hier, oder Gaston?" ries sie verwundert aus. „Elchonon heißt Elchonon, nicht Gaston!" protrftirte der Knabe. „Wo hast Du den Wagen, Tante Comtesse?" „Den werde ich Dir zu Hause geben, eher enfant!" Jetzt bemerkte sie Jean. „Mon Dieu, Jean!" herrschte sie ihn mißbilligend an. „Wie unvorsichtig von Ihm, den jungen gnädigen Herrn hierher zu führen! Hat sein alter Schädel verlernt, was sich für vornehme Herrschaften ziemt!? Führe Er den jungen gnädigen Herrn sofort nach Hause, oder noch besser. Er bediene sich dazu meines Wagens, der vor dem Hause hält; vergesse Er aber nicht mir ihn nachzuschicken, daß er mch holt. — Verstanden?" „Den jungen gnädigen Herrn?" stotterte Jean ganz erstaunt uno schüttelte verwundert sein graues Haupt. In seiner Bestürzung vergaß er sogar die pflichtschuldige Verneigung. „Mit Erlaubniß, gnädige Frau!" warf Doktor Blum ärgerlich ein und Zornesgluth färbte sein sonst blasses Gesicht mit Purpurröthe. „Ueber Elchonon habe ich zu bestimmen, den» ich bin sein Vormund und will, daß er vorläufig noch hier bleibt." „Ueber diese Vormundschaft will ich eben mit Ihnen verhandeln, mein Herr!" versetzte die Gräfin mit Würde und rümpfte die Nase. „Jean!" wandte sich die Comtesse an den Diener. „Will er den Grafen Gaston nach Hause bringen? Warum steht er noch immer mit offenem Maule da?" Jean bot ein Bild des Jammers; er stand da mit geöffnetem Munde und betrachtete die Gräfin ängstlich prüfend; er schien die Befürchtung Doktor Blum's hinsichtlich des geistigen Zustands der Comteffe zu tyeilen. „Sie entschuldigen, Frau Comtesse." erklärte Doktor Blum, „wenn ich mir erlaube, Ihrem Befehle zuwiderzuhandeln und nicht gestatte, daß der Knabe sich von hier ertfernt. Seine Mutter wünschte es so, und ihr Wunsch ist mir heilig." Sie warf Doctor Blum einen vernichtenden Blick zu, er, der Jude, der Plebejer, wagte es, einem Befehle der Repräsentantin der hochwohlgeborenen gräflichen Familie Pelouse zuwiderhandeln zu wollen!? Sie wollte ihn darüber zur Rede stellen; aber sie besann sich. „So. so!" lenkte sie ein. „Comtesse Judith wünschte es? Na, mag der Knabe meinetwegen hier bleiben! Aber führe Er die Kinder in den Garten, Jean! Ich habe mit dem Herrn zu sprechen." 9. Capitel. Unberechtigte Hoffnungen. Die Kinder wurden in den Garten geführt und Comtesse Delphine blieb mit Doctor Blum allein zurück. Eine peinliche Pause entstand. Doctor Blum betrachtete die Gräfiin mit gerunzelter Stirn und zusammcngezogeneu Brauen; ein finsterer Argwohn stieg in seine Seele. Man behauptete allgemein, die Gräfin sei eine große Gönnerin des Jesuitenordens. Sollte sie nicht etwa gar inseinen Diensten stehen und zum Ruhme Gottes eine Judenseele einfangcn wollen? Nein, nein! so niedrig vermochte er von einer Dame, die so stolz aus ihren Namen und ihre Ahnen ist, nicht zu denken! Aber was sonst? Er mußte zu seiner früher» Annahme zurückschreiten, die Aristokratin ist von einem plötzlichen Wahnsinn befallen worden und der Name Pelouse, den Elchonon und seine Mutter ebenfalls führen, ist schuld daran. Die Gräfin dagegen schien nachzudenken, in welche Worte sie die Einleitung zu der Unterhandlung zu kleiden habe und wie sie dem Arzte am schnellsten und sichersten imponiren