Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1896)
- Date
- 1896-01-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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138 Prag, 20. Jan. Im Landtage arrangirten dte Deutschnationalen bei der Verhandlung des Antrages auf Behebung des die Landwirthschaft schädigenden Einflusses der Produktenbörse eiue Judendebatte. Der Deutschnationale Gebier forderte die Czechen auf, den nationalen Streit fallen zu lasten und sich vereint mit den Deutschen auf dte Judeu zu werfen. Ihm ftkundirte leidenschaftlich der Deutschnationale J ro. Von den Jungczechen ergriff kein Ntchljude das Wort. Der jüdische Abg. Scharf erklärte, daß es nicht gelingen werde, dte Skandale des niederösteireichstchen Landtages nach Prag zu verpflanzen. Der Abgeordnete Ruß wies die antisemitischen Argumente zurück, worauf dte Verweisung des Antrages an die Kommission erfolgte. Wereinsnachrichten. Frankfurt a. M. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 13. Jan. Herr Rabbiner Dr. Ludwig A. Rosenthal aus Pr. Stargard über das jüdische Geistesleben in Alexandrien vor zweitausend Jahren. Nach der Zerstörung von Tyrus trat Alexandrien dessen Weltstellung an. Wahrscheinlich waren schon beim Bau dieser Stadt Juden betheiligt. Schon vorher müssen Juden in Egypten gewesen sein. Bei jeder Bedrückung in Palästina fanden Auswanderungen dorthin statt, selbst die Weisen nahmen ihre Zuflucht daselbst. Judenverfolgungen fanden erst nach christlicher Zeit, hauptsächlich durch Cyrillus, den Bischof von Alexandrien, Anfangs des 5. Jahrh. statt. Vorher jedoch beschäftigten sie sich mit Allem, was Alexandrien groß machte, mit Handwerk, Kunstgewerbe und Großhandel. Ihr Viertel befand sich im sog. Delta, ihre Synagoge war ein ungeheures Gebäude, deren Besucher so zahlreich, daß mit einer Fahne das Zeichen gegeben werden mußte, damit die hinten Stehenden zur rechten Zeit das Amen sprechen konnten. Auch in wissenschaftlicher Beziehung zeichnete sich Alexandrien aus, hier entstand die erste Wasseruhr, die erste mechanische Maschine, hier war auch der erste Büchermarkt der Welt, hier herrschte ein reges geistiges Leben, an dem die Juden in nicht geringem Maße bethriligt waren. Unter anderen ist uns bekannt der Dramatiker Ezekielos, von dessen „Auszug aus Egypten" uns Bruchstücke erhalten sind, ferner die Geschichtschreiber Demetrios, Eupolemos und Artapan, welche freilich die jüdische Geschichte recht phantastisch behandelt haben. Anderer Art sind die Dichtungen des Dositheus, der die heilige Stadt Sichem besingt, während Philo der Aeltere ein Gedicht „Jerusalem" schrieb; ein dichterischer Kampf zwischen den Samaritanern und Juden. Auf dem Büchermarkt waren auch die angeblichen orphäischen und sibyllinischen Bücher zu haben — sie enthielten Angriffe gegen die heidnischen Götter und Verherrlichung des einen Gottes, denn es waren Schriften alexandrischer Juden. Aristobulos führte ähnlich lautende Aussprüche der altgriechischen Dichter an; auch dies war Tendenzdichtung. Von diesem stammt der Ausspruch: „Das Wort Gottes ist die That Gottes," welcher in den Targum überging, dann zu Philo dem Jüngeren, im weiteren Verlauf dazu geführt hat, einen Vermittler zu suchen, und schließlich eine neue Religion in die Welt gesetzt hat. Dir jüdischen Dichter und Philosophen Alexandriens haben den Zusammenhang mit ihrer Religion niemals verloren, aber für das Judenthum haben sie dennoch nicht gewirkt, man hat sich ihrer Gedanken und Werke bedient, um! dem Christenthum Bahn zu brechen. So wies der Kirchenvater Alexandrinus auf Artapan hin, der nachgewiesen habe, daß der Lehrer des Orpheus Musäus gewesen, und wer könne Musäus anders sein, als Moses? Und was hätten Orpheus und die Sibylle gesagt? Sie hätten das Götzenthum angegriffen, ebenso die Dichter die Aristobulos anführte. — Der Vortrag, aus dessen interessanten Ausführungen wir hier nur einen ganz knappen Auszug geben können, wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Stuttgart. Der Verein zur Unterstützung von Wittwen und Waisen armer israel. Lehrer und Vorsänger Württembergs hatte im Rechnungsjahr 1894/95 eine Einnahme von 6161 M., denen 4968 M- Ausgaben gegenüberstehen. Er besitzt ein Vermögen von 47,562 M., 10 Wittwen mit ihren Waisen genossen die Hilfe des Vereins. vermischtes. Berlin, 22. Januar. Dem Schachmeister Emanuel Lasker, der gegenwärtig mit dem Amerikaner Pilsbury um die Siegespalme ringt, wurden beim Betreten des russischen Gebietes Schwierigkeiten gemacht: Man wollte ihm als Juden den Aufenthalt in Rußland nicht gestatten. Es bedurfte dazu erst einer Intervention der Petersburger Schachkleise, von denen die Einladung ausgegangen war. Aus Nordtzeutschlaud. Herr Rabbiner Dr. Singer in Coblenz hat eine Eingabe an den Cultusminister gerichtet, daß dem Rabbiner der Rheinprovinz die Inspektion des jüdischen Religionsunterr chtes in den Gemeinden übertragen werden möchte. Dieselbe ist in so schlechtem Deutsch abgefaßt, daß der Minister wahrlich keinen Respekt vor der Competenz der Rabbiner bekommen wird, wenn sie emen solchen Wortführer haben. Es wäre Sache des rheinischen Rabbinerverbandes gewesen, die wichtige Sache in die Hand zu nehmen. Herr Dr. Singer sollte aus den Beurtheilungen seines Stiles, die er schon so oft erfahren, endlich einmal die gebührende Bescheidenheit lernen und sich nicht unberechtigter Weise vordrängen. L. Wir werden aus die Eingabe, an der außerdem noch Manches auszusetzen, noch zurückkommen. Red. Stratzburg i. C. Der kaiserliche Statthalter hatte in Verbindung mit den Spitzen der weltlichen und geistlichen Behörden aller Consessionen hier eine Aufforderung ergehen lassen, die Neujahrsgratulationen durch Spenden zu Gunsten wohlthätiger Zwecke abzulösen. Das Ergebniß dieser Spenden überstieg die Summe von Mk. 3000, der Statthalter hat diese Gelder im Einvernehmen des Bürgermeisters für verschiedene wohlihätige Zwecke der Stadt veriheilt. Der israelitischen Gemeinde wurden für ihre Armencasse dabei Mk. 200 überwiesen. Sidney (Australieu). Auch hier erscheint jetzt eine im großen Stile angelegte jüdische Wochenschrift unter dem Titel „The Australian Hebrew". Die ersten Nummern dieser Zeitung liegen uns vor und wird in denselben sowohl über Politik, sowie über alle Verhältnisse der Juden Australiens berichtet. Wir wünschen unserer gegenfüßlerischen Collegin ein rasches Emporblühen und Gedeihen. Briefkasten der Redaetion. I. B. in B: Wir danken für Ihre freundl. Offerte, doch wollen wir von der Aufnahme des Bildes der genannten Frau absehen. _ Briefkasten der Expedition Simou Löwy-Fürth: Betrag dankend empfangen. M. B.: Nein! M B. in N.: Der Israelit, durch die Post bezogen, kostet im Halbjahr Mk. 6 — per Streifband jedoch Mk. 7. N. 9t., Friede«: M. 3 zur Beförderung erhalten.