Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1896)
- Date
- 1896-01-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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136 lieferte Judenthum. Dabei will man sich aber doch keine allzuplnmpe Prinzipien- und Charakterlosigkeit nachsagen lassen. Es ist wahrlich kein Leichtes, mit Anstand aus diesem Dilemma zu kommen, und die goldene Mitte zu finden, auf der man äußerlich conservativ scheine und dabei innerlich doch seinen reformjüdischen Veilletäten nachgehen kann. um Aus dieser Zerfahrenheit haben sich solche Erscheinungen gebildet, zu welchen auch der Freitag Abend ohne Sabbat gehört. — Wenn auch Niemand einen solchen Vorschlag ernst nehmen wird, als Zeichen der Zeit verdient er es doch, hiermit ein wenig niedriger gehängt zu werden. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. A. B. Berlin, 17. Jan. Der Centra l- Verein sür die Interessen der jüd. Gemein d e hatte für Dienstag Abend eine Versammlung anberaumt, die leider nicht zu den besuchtesten ge hörte, die der rührige Verein sonst zu verzeichnen gewohnt war. Das Thema des Referats lautete: „Vor und nach den Wahlen." Nachdem man über verschiedene Punkte debatttrt und diskutirt hatte, wurde ein Antrag eingebracht, nach welchem der Crntral-Verein eine Resolution annehmen solle, die besage, daß man bei der bevorstehenden Rabbinerwahl darauf zu achten habe, daß ein Rabbiner gewählt werde, der wissenschaftlich tüchtig sei und auf dem Boden des traditionellen Judenthums stehe, der frohen Herzens alles befestige, was das Judenthum zur Blüthe bringen könne. Der Antragsteller wünschte in seinem Anträge, daß die ge wählten Repräsentanten hiervon in Kenntniß zu setzen, damit die Wünsche der Wähler Berücksichtigung finden möchten. Der erwähnte Antrag wurde mit Stimmenmehrheit abgelehnt, weil derselbe nicht auf der Tagesordnung gestanden habe, es bleibe aber dem Antragsteller überlasten, den Antrag nochmals schriftlich etnzureichen, damit über denselben ordnungsmäßig dcbattirt werden könne. Dieser Beschluß wird dem Antrag fihr zu statten kommen, denn in richtiger Form und genauer Abwägung seines Inhaltes nochmals eingebracht und von einer größeren Versammlung vernommen, wild er sicherlich mit Stimmenmehrheit angenommen werden. Wie ich höre, sind von der Gemeinde auch die Herren Dr. Selver in Darmstadt, Dr. Litt mann in Zürich und Dr. Seltgmann in Hamburg als Kandidaten für die Rabbinerposten in Aussicht genommen. Hoffentlich wird die ganze Angelegenheit zur Zufriedenheit aller zur baldigen Erledigung gelangen. Marburg. 20. Januar. Herr Provinzial- Rabbiner Dr. Munk dahier sprach an der Bahre des Herrn Selig Goldschmidt b"i die folgenden Worte: Werthe Trauerversammlung! Wenn es mir als Gewissenspflicht erschien, auf die plötzliche, erschütternde Kunde von dem schweren Verluste, der so viele, weite Kreise bebetroffen, zur Bestattung des Mannes zu eilen, dessen irdische Hülle wir nunmehr ihrer letzten Ruhestätte übergeben wollen, so war es vor allem der Gedanke, der mich hierzu bewog, daß alle die auswärtigen Familien, alle die auswärtigen gemeinnützigen Zwecke, die von ihm so reiche Hlfe und Unterstützung und Förderung zum Theil durch meine Vermittelung erfahren haben, an seiner Bahre vertreten sein mußten, um hier ihren Schmerz und ihren Dank zu bezeugen, so war es der Gedanke, daß dieses in erster Reihe durch einen Rabbiner des Bezirks geschehen müsse, in dem sein Geburtsort, seine erste Heimath gelegen, der Ort, der dem Verblichenen so viel zu verdanken hat, an welchem er mit so viel Innigkeit und Liebe und Hingebung hing. Aber nicht das, was er seiner Heimath gewesen, was er für die vielen auswärtigen Familien und gemeinnützigen Zwecke gethan, möchte ich ausführen; gilt ja auch von diesem, wenn es gestattet, jenes Bibelwort auf ein Menschenleben anzuwenden, daß n^nn rvftn, daß die schweigende Anerkennung die größte ist, da die volle Würdigung seines Wirkens durch Worte kaum möglich erscheint. Aber ein Gedanke ist es, dem ich Ausdruck geben möchte, ein Gedanke, an den ich so häufig erinnert wurde, wenn ich mit ihm ober von 'hm zu sprechen Veranlassung hatte. Es war vor vielen Jahren, bald nachdem ich die Freude, die Ehre hatte, den Verblichenen kennen zu lernen, da erzählte er mir, wie er in seinem Heimathsorte zu den Knaben gehörte, die am Ausgange des Sabbats und der Festtage, da kaum das 013 vom Vorbeter gesprochen, aus der Synagoge eilten, um ein Jeder zuerst am Platze zu sein, damit ihm ein kleiner, geringfügiger Verdienst von wenigen Pfennigen für die nothwendigen Bedürfnisse des Lebens nicht entgehe. Das war es. was unter vielem Anderen mir an diesem Manne imponirte. Der Mann, der seit Jahren schon auf einer so hohen socialen Stufe stand, schämte sich nicht nur nicht seiner früheren Bedürftigkeit, er dachte vielmehr gern an dieselbe zurück, er war in jedem Augenblick von Dank zum Allgütigen erfüllt, daß Gott, ihn zu dem geführt, was er erreicht, er war von wahrhafter Demuth und Gottesfurcht beseelt. An ihm, m. W-, hatte sich das Wort bewährt, das einst R. Jochanan gesprochen, R. Jochanan, der selbst in seiner Kindheit ein armer Waisenknabe gewesen, in seinem Alter der große, hochangesehene, von Allen vererthe Mann geworden war. DM inm -KEnj? nw? nm; hnti nwy nup? d“n nur DT01 aus 1MV dmi nDDffi. Wenn ein Mentch die .T37, das Verdienst hat, wahre Demuth und Gottesfurcht zu besitzen, wird er auch zu wahrem, bleibenden Reichthum, wahrer Ehre und Weisheit gelangen; wo aber Demuth und Gottesfurcht fehlt, da findet sich bald glühende Hitze, bald eisiger Frost, da wechseln gar oft die irdischen Güter, bald sind sie in reicher Fülle vorhanden, bald schwinden sie dahin. Wie der Verblichene von wahrer Demuth und Gottesfurcht beseelt war, das zeigte sich noch jüngst, als er von Behörden und Privaten, von Hoch und Niedrig bei der Einweihung des Gotteshauses in seinem Heimathsorte, dessen Erbauung nur durch seine Munificenz ermöglicht war, gefeiert wurde und auch hier von seinen kleinen Anfängen und von der Gottesgnade, die ihm zu Theil geworden, sprach — und so hat er nicht nur durch das, was er für seinen HeimathSort und für alle die auswärtigen gemeinnützigen Zwecke gethan, ein bleibendes Gedächtniß sich gesichert, er ist für uns Alle, in welchen Verhältnissen wir immer leben, welche soziale