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Der Israelit · 1896-01-23 · Heft 7 (23.1.1896) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 7 (23.1.1896)
Date
1896-01-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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135 den! Der Elternsegen will nicht, daß die Knaben Millionäre, nicht daß sie einst unter die irdischen oder geistigen Großen gezählt, sondern daß sie wie Ephraim und Menascheh werden mögen. Das heißt: Sie sollen trotz veränderter Verhältnisse Juden sein und Juden bleiben. Diesen Wunsch aber in der Eingangsstunde des Sabbat ausgesprochen, wünscht den Kindern dieses göttliche Kleinod, diese kostbare Perle ungetrübt und unversehrt erhalten, wie sehr auch die Zeiten die Hetlighaltung des Sabbat erschweren mögen. Hat dieser Wunsch, hat dieser Segen noch einen Sinn im Munde derjenigen Eltern, welche bis 8 Uhr Abends den Sabbat entweihen, die ihrem Sabbat nicht einmal die wenigen Stunden widmen wollen, die zwischen dem Sabbat-Eintritt und ihrer gewöhnlichen, geschäftlichen Feierstunde liegen? Auf diese Dämone der Habsucht und des Krämergeistes sollten die Rabbiner auf der Kanzel und im privaten Verkehr Hinweisen und sie mU ihren wahren Namen nennen, und statt dessen wird dies alles entschuldigend, „veränderte Verhältnisse" genannt, bet welchen man stillschweigend vom Sabbat dispenstrt ist, wenn man nur die Freitag-Abend-Feier mti macht. Welch' veränderte Verhältnisse waren es doch, die bet Sara, und Rebekka, bei Rahel und Lea zwischen dem elterlichen Hause und zwischen dem Leben und Wirken walteten, das sie als Mütter unseres Volkes entfalteten! Und diese freie Überwindung alles Schlechten, Unedlen, Unjüdischen, diese Verkörperung alles Edlen und Wackeren könnten für ihre Töchter, Eltern von Gott als Segen erflehen, die nur die Phrase von den veränderten Verhältnissen im Munde zu führen brauchen, um das älteste Heiligthum der Menschheit, den Sabbat, skrupellos entweihen zu dürfen? Ist der „Kiddusch", den ein erst um 8 Uhr seine Arbeit unterbrechender Vater im Kreise seiner Familie spricht, wirklich noch das was seine Name sagt, eine Heiligung des Sabbat? Ist er nicht eine Profanisirung und Blasphcmirung des trn rrs '22 vai ’ra, des Zeichens, das Gott eingesetzt hat, um daran zu erkennen, wer von uns noch zu den Seinen zählt? Wie könnte ein solcher, der dem Sabbat, der seiner Familie, nicht die paar Stunden Geschäftszeit zu opfern vermag, wie könnte ein solcher auch nur, ohne vor sich selber zu erröthen, die Einsetzungsurkunde des Sabbat vortragen, welche uns erzählt, wie Gott den Sabbat gesegnet und geheiligt hat. von dessen Entweihung er soeben nach Hause kommt? Es bedarf keines großen Scharfsinns, um das Widersinnige und Unmögliche dieses ganzen Unterfangens zu veranschaulichen, daß man einen Freitag Abend ohne Sabbat feiern könnte. Man kann schon so thun, aber es ist dann nur so getha». Eine so erkünstelte Freitag-Abend-Feier, von Sabbat- Entweihern in Scene gesetzt, verhält sich zur richtigen, alten, jüdischen, wie eine künstliche Blume zu einer lebendigen, wie eine abgestandene Lache zu einem sprudelnden Springquelle, wie Theatertugend aus Schminke und Pappe zur wahrhaftigen. Als Kinder glaubten wir, wenn wir jeden Tag Purim- Kuchen hätten und verkleidet umhergehen dürften, so wäre das ganze liebe Jahr hindurch Purim. Aber so weit hat sich selbst unsere Kindereiufalt nicht verstiegen, zu glauben, wenn man nur Lichter anzünde, die Kinder segne und Kiddusch macht, dann wäre auch der naw schon fix und fertig. Wäre das, was hier et« Rabbiner empfiehlt und jüdische Zeitungen anpreisen, nur kindliche Gedankenlosigkeit, so könnte man darüber lächelnd hinweg gehen. Aber eS liegt dasselbe heillose System in dem ganzen Gebühren, dem wir auch sonst auf Schritt und Tritt begegnen. Die Kinder in Unwissenheit über ihre heiligsten Anliegen aufwachsen lassen und sie dann zu confilmiren, für die Makkabäer zu schwärmen, aber keine Chanukah-Lichter anzuzünden, am Feste der Freiheit sich für Freiheit in gereimtem und ungereimtem Pathos zu begeistern, aber am Peßach Chomez zu essen, mit unserer Vergangenheit brechen und verächtlich auf unser heiliges Schriftthum herniederzublicken, gleichzeitig aber sich für jüdische Geschichte und Litteratur zu interessiren und dafür Vereine zu gründen, den Sabbat zu entweihen und den Freitag Abend zu feiern, das sind alles Symptome einer und derselben Verirrung, die täglich größere Dimensionen anzunehmen scheint. Dieser Zwiespalt erklärt sich auf folgende Weise: Das Reformjudenthum ist todt. Selbst diejenigen, welche dieser Modepuppe noch Lrben vindiciren, stellen nicht in Abrede, daß fie von der großen, bösen Welt längst unter die Todten geworfen ist. Das gelichtete, zählige Häuflein von Gevattern und Taufpathen der klanglos Verstorbenen, hat nicht einmal den Geist und den Muth, die Steinwürfe zu pariren, welche die Auflösung beschleunigt haben und noch über das Grab fortdauern. Es will keiner dabei gewesen sein. Und sie sind tm Herzen doch noch ganz dieselben Reformjuden, wie sie es anno Braunschweig, Frankfurt, Leipzig, Cassel und Augsburg waren; aber sie dürfen nicht als solche gelten. Das Dccorum, die Lebensklugheit und noch ein ganzes Schock ähnlicher Rücksichten verbietet das heutzutage. Es ist sogar nöthtg, durch Herausstreiwung orthodoxer oder doch conservativer Allüren sich den Anschein zu geben, als schwärme man geradezu für das alte, über-

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