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Der Israelit · 1896-01-10 · Heft 6 (10.1.1896) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 6 (10.1.1896)
Date
1896-01-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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118 rer in die schäumende Tiefe stürzt. AlS ob Israel oder Israels Gesetz von irgend einem Zeitgeiste abhängig wäre! Als Israel die Offenbarung erhalten, erzählen unsere Weisen, wären alle Seelen der Menschen aller Zeiten, welche noch in der fernsten Zukunft den Erdball betreten werden, zugegen gewesen und hätten mit am Berg Sinai gestanden und ausgerufen yö*w nryj. Der Glaube Israels ist unabhängig von der Zeit. Wohl gibt es einen Fortschritt. Das Judenthum ist gewiß zuallerletzt einem solchen feindlich. Doch besteht der nicht im Umreißen und Umstürzen, sondern in der reiferen Erkenntniß unserer Thora. Dieser Ueberzeugung leben die Andern, welche gleich ihren Vorfahren am Meere auf Gott ihre Hoffnung, in Gott ihre Zuversicht setzten. Sie halten fest an den Fahnen, zu denen ihre Stammväter geschworen und ihr Blick geht weiter als der Blick derjenigen, welche sich dem Wellenspiel des Zeitgeistes aussetzen. Gleich einem Leuchtthurm, an welchem die schäumenden Wogen zerschellen, stehen sie in ihrer Zeit bereits auch über ihrer Zeit, nämlich in der wahren Erkenntniß und tieferem Verständniß der Religion Israels. Und in der That! Steht denn der Glaube Israels wirklich im Widerspruch zur Aufklärung? Was ist es denn “po *n no, was Israels Religion von Israeliten verlangt? Das Judenthum kennt keinen Zwang des Herzens und Hirnes, des Gewissens und Denkens. Es verlangt vielmehr, daß sich jeder Einzelne seiner Bekenner selbst von seiner Wahrhaftigkeit überzeuge, durch Thorastudium, durch positives Wissen, daß jeder herantrete und sich labe aus seinem quellenden Borne lebenden Wassers, reiner Menschenliebe und Sittenlehre. Außer dem freien, schon im Begriffe Mensch vorausgesetzten Glauben — denn Unglaube und Gewissenslostgkeit ist bei keinem Volke, vom zivilistriesten bis zum wildesten, ursprünglich vorhanden, sondern immer nur aus der skeptischen Untersuchung der bestehenden Religion entstanden — also außer dem Glauben an den Höchsten und seine Güte, außer dem yottf kennt das Judenthum kein Dogma. Denn das Dogma hat nicht die Form einer Wissenschaft und könnte vor dem schärfer werdenden GeisteSauge der fortschreitenden Menschheit nicht bestehen. Der Glaube Israels ist eine sichere Empfindung, ein bestimmtes Fühlen und Erkennen der Wahrheit. Und wahrlich! Er hat sich als allen Stürmen des Zeitgeistes trotzend bewiesen, wo er rein und echt erhalten wurde ohne Anlehnung an Fremdes. Er hat den Talisman« gebildet, den sein Volk durch die Grausamkeit des Alterthums und durch die Finfterniß des Mittelalters geführt und wird auch sein Talisman sein auf dem Durchzuge durch die Wogen moderner, falscher Aufklärung. Er bringt die Hoffnung mit, die seine Bekenner weit über die engen Grenzen des Erdenlebens hinaus auf das Gebiet unendlichen Lebens und der ewigen Glückseligkeit leitet. Er reinigt den Menschen von den ihm anhaftenden Schlacken und läßt ihn siebenfach geläutert das ruhelose Meer des menschlichen Lebens durchschreiten und ihn ein Stegeslied anstimmen. Dieser Gedanke erhebt das Lied am Meere über das Niveau der anderen Siegeslieder der Bibel und giebt ihm die hohe Bedeutung, welche ihm zukommt. Das Siegeslied am rothen Meere hat nicht nur historischen und poetischen Werth, sondern namentlich religösen und deshalb wohl hat es auch Aufnahme in die Liturgie gefunden. Alltäglich soll es den Israeliten kraft des Glaubens im Hinblick auf die Zukunft lebensfroh und lebensmuthtg stimmen. Treffend lautet eine Midraschstelle: »6 m 'n^> m»r nvH pTny YnyV ,Yff’ nVn “iönj Es heißt nicht: „Damals sang," sondern, „dann wird singen," das will sagen in Zukunft und durch alle Zukunft wird Israel das Siegeslied singen, es wiro mit dem Stegessang des Glaubens auf den Lippen Länder und Erdtheile durchziehen. Es wird, indem es seinen Glauben zur That macht, durch sein Leben und Wirken darthun Hu nr, so daß sein ganzes Dasein ein harmonievoller Gottesdienst ist und es die Völker einsehen und ausrufen: yby 'n otpn: Diese singen den Namen Gottes! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz. Man schreibt der „Pr. Lhztg." aus Berlin: Der Kultusminister hat, wie den Lesern des „Israelit" wiederholt mitgethellt worden ist, an den Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin ein vom 27. Dezember datiertes Schreiben gerichtet, worin auszusühren versucht wird, daß der bereits mehrmals besprochene Erlaß des Provinztal-Schulkollegiums, die Anstellung jüdischer Lehrerinnen betreffend, nicht als eine Ausschließung solcher von dem Gemeindeschuldtenst zu verstehen sei, wie miß. verständlich angenommen werde. Das Provinzial- Schulkollegtum habe nichts weiter angeordnet, als daß künftighin bei Vertretung von Lehrerinnen die Vertreterin derselben Konfession anzugehören habe wie die zu Vertretende. — Vorstehende, im „Berl. Börs.-Kur." mitgetheilte Notiz ist unklar. Der Erlaß des Provtnzial-Schulkollegiums schließt die jüdischen Lehrer von einer Reihe von Disziplinen aus und beschränkt sie überhaupt der Zahl nach. Es

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