Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-01-16 · Heft 5 (16.1.1896) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 5 (16.1.1896)
Date
1896-01-16
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448614--41112-2490054
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

107 ‘ nur den größten Schaden zufügen. Gestatten Sie mir deßhalb für nachstehende Zeilen einen kleinen Raum in Ihrem weitverbreiteten Organ: Es ist von jeher ein trauriges Zeichen derZeit gewesen, wenn Juden die Ceremonien und kirchlichen Gebräuche anderer Confesfionen nachgeabmt und diese dem Geiste des Judenthums fremdartigenElementen gewaltsam in das jüdische Leben einzuführen bestrebt waren. Ist es nun klar, das der Hauptgrund solchen Strebens darin bestand, nur so viel als möglich, „den Schimpf" im öffentlichen Leben als Jude erkannt und angesehen zu werden, von sich zu weisen und durch solche Handlungsweise Annäherung und Gleichstellung mit den christlichen Mitbürgern sich zu verschaffen, so suchen sie doch durch allerlei vermeintliche Entschuldigungen ihr Benehmen zu rechtfertigen und zu beschönigen. Dieser Bestrebung verdankt auch die ganze Reform ihren Ursprung, und welche Verheerungen und Verwüstungen haben nicht solche Bestrebungen in dem Gesammtkörper des Judenthums schon angertchtet? Beruhen doch alle Einrichtungen und Institutionen der „Reform" auf solchen Grundsätzen, ihren Gottesdienst durch Orgel und Damenchor rc. dem anderer Confesfionen möglichst ähnlich zu machen! Solche allgemeine Gottesläugnung muß natürlich auch auf das religiöse Leben des Einzelnen einen gefährlichen Einfluß ausüben. Oder sind die Fälle heute nur vereinzelt, wo ein Jude, um dem Lächeln eines Nichtjuden sich nicht auszusetzen, es unterläßt, das schöne Chanukka- Fest mit Licht und Gesang im trauten Familienkreise zu feiern, sich dagegen nicht scheut, durch Anzünden eines Weihnachtsbaumes seinen christlichen Mitbürgern gegenüber seine Toleranz zu zeigen und sich ihre Anerkennung zu erwerben? Angesichts solcher Umstände kann es einem nicht Wunder nehmen, wenn der Antisemitismus kühn sein Haupt erhebt und sich gegen solche Einmischungen seitens Andersgläubiger in christl. Gebräuchen energisch wehrt. Ein neuer Beweis hierfür liefert uns ein Fall, der sich in jüngster Zeit hier ereignete. Die hier erscheinende „Bayer. LandeSz.", ein Blatt dessen Tendenz jeder, der auch nur einen flüchtigen Blick auf dasselbe wirft, erkennen muß, brachte kurz nach dem Weihnachtsfeste an leitender Stelle einen Artikel mit der Aufschrift „Weihnachtsbaum-Schweinsblase," welcher die angebliche Thatsache enthalte, ein Würzburger jüd. akad. Verein habe an Weihnachten in seinem Kneiplokale einen Weihnachtsbaum angezündet, denselben mit Schwünsblasen geziert und auf diese Weise die Symbole der christl. Kirche verhöhnt und verspottet. Sie ergeht sich natürlich, wie es von ihr nicht anders zu erwarten ist, weiter in unzähligen Vorwürfen und Ausfällen gegen das Judenthum im Allgemeinen, dessen Bej kenner dazu natürlich angehalten seien, Gebräuche anderer Konfessionen zu verdunkeln und in den Staub zu ziehen. Nun bestehen hier thatsächlich 3 jüdischacademtsche Vereine, wovon der eine, der acad. Verein für Geschichte und Literatur, in diesen Blättern, wegen des echt-jüdischen Geistes, der unter seinen Mitgliedern herrscht, öfters erwähnt wurde, ferner noch zwei andere jüd. Studentenverbindungen, Wtrceburgia und Salta, deren Mitglieder fast alle den Boden des traditionellen Judenthums verlassen, um gleiches Ansehen wie die anderen studentischen Vereine zu erlangen, was ihnen bisher aber trotzdem nicht gelungen! Die beiden erstgenannten Vereine haben den von der „Bayer. Landesztg." gemachten Vorwurf entschieden zurückgewiesen, während die „Salta" wohl oder übel zugeben mußte, fragliche Weihnachtsfeier mit Baum und Verlosung veranstaltet zu haben; jedoch erklärt sie — vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Stern — keineswegs eine Verhöhnung oder Verspottung des Christenthums im Auge gehabt zu haben, sondern ein jüngeres Mitglied des Vereins habe sich ein Scherz erlaubt an der Spitze des Baumes eine Schweinsblase anzubringen. Wenn nun auch mit dieser Erklärung der Vorwurf der „Bayer. Landesztg." nur auf eine falsche Auffaffung zurückzuführen ist, so steht das ganze Verhalten in schroffem Gegensätze zum religiös-jüdischen Leben. Kennzeichnet also ein solches Gebühren an und für sich schon die religiöse Richtung der gen. Verbindung, so hat sie doch das große Verdienst antisemitischen Ausfällen Vorschub geleistet zu haben. r. Burgpreppach, 6. Januar Dem soeben zur Ausgabe gelangenden Jahresbericht der hiesigen Jsr. Präparandenschule „Talmud-Thora" für das Jahr 1894/95 entnehmen wir: Die erste Stelle in dem Bericht, den der Unterzeichnete Vorstand der israelitischen Präparandenanstalt den hohen und höchsten königlichen Behörden sowie allen Freunden und Förderern der Schule über das abgelaufene Jahr — das zwanzigste der Gründung — erstattet, muß die Mtttheilung einnehmen, daß der langjährige, verdiente Leiter der Anstalt, Herr Dr. Hermann Deutsch, infolge seiner jBerufung zum Direktorate der israelitischen Waisenanstalt für das Königreich Bayern in Fürth am 1. April c. mit dem hiesigen Rabbinate auch das Schulamt niedergelegt hat. — Das Wohlwollen, dessen sich unsere Schule m. G. H. in weitesten Kreisen zu erfreuen hat, und das Interesse, das demzufolge auch die regelmäßig erscheinenden Berichte über ihre segensreiche Entwickelung finden, lassen die Annahme berechtigt erscheinen, daß die mannigfachen Verdienste, die sich Herr Dr. Deutsch in hingebungsvoller Thätigkctt erworben hat, all-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.