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Der Israelit · 1896-01-16 · Heft 5 (16.1.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 5 (16.1.1896)
Date
1896-01-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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1XXTIL Jahrgang. Erste Beilage M M§ des „Israelit". I Leitender Artikel. Ars §etchr«begäugn!ß Ketig GoldsWM'r. Mainz, 14. Januar. Wie daS ganze Lebe« des theuren Heimgegangenen ein großer Ktddusch Haschem gewesen, so gestaltete sich auch sein Leichenbegängniß zu einer Trauer-Kundgebung — man kann ruhig sagen — der gesammten Stadt und des Umkreises. Da war ein Unterschied zwischen Hoch und Niedrig, Reich und Arm, Jude oder Nichtjude nicht zu merken. Alle, Alle wollten theilnehmen au der Bezeugung der letzten Ehre für den großen Menschenfreund. Geraume Zeit vor der festgesetzten Stunde war der freie Platz vor dem Sterbehause mit Menschen, die Kopf an Kopf dicht gedrängt standen, überfüllt. Außer den Vorstehern der verschiedenen Frankfurter jüdischen Gemeinden gewahrten wir auch noch die Spitzen der Gemeinden aus den Nachbarorten. An Equipagen und Wagen zählten wir deren 72. Eine unabsehbare Menge von Freunden begaben, sich vor Abgang des Zuges hinauf in das Sterbehaus, um dem Sohne und den Schwiegersöhnen die Hand zu drücken. Der Zug setzte sich infolgedeffen etwa eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit in Bewegung. Direkt hinter dem Wagen schritten die nächsten Verwandten, alsdann folgten die Schüler und Schülerinnen der tsr. Volksschule, hiirauf aus jeder Klaffe der Real- und höheren Töchterschule der Jsr. Religionsgefellschaft einzelne Deputationen, dann erst ergoß stch diegewalttge Menschenmenge in die Straßen, deren Weg der Zug genommen. Ein furchtbares Schneegestöber verdunkelte den Horizont und wenn es nach dem Worte unserer Weisen ein gutes Zeichen für den Eingang des Tobten in die ewige Glückseligkeit ist, wenn bei dessen Leichenbegängniß auch der Himmel Thränen vergiest, so war dies hier in reichem Maße der Fall. Die große Halle des Friedhofs faßte kaum den dritten Theil der Leidtragenden und eS mag als Beweis der großen Anhänglichkeit an den theuereu Tobten gelten, wenn die Uebrigen der Trauernden stundenlang unter dem heftig herabfallenden Schnee standen, um den Worten zu lauschen, die zur Ehre des Tobten an der Bahre gesprochen wurden. Die erste Rede hielt der Rabbiner der isr. Religionsgesellschaft, Herr Dr. Salomon Breuer. Er gab zuvörderst dem unendlichen Schmerze Ausdruck, den die ganze Religionsgesellschaft ergriffen hat, als ste von dem plötzlichen Ableben des treuen Mannes erfuhr. O, wie lange, rief der Redner aus, glaubten wir ihn noch unter uns weilen zu sehe« und wie plötzlich mußte er scheiden. Auf ihn wandte Redner jeneMorte des Königlichen Sängers an, die hier ihrem Minzen Umfange und ihrer ganzen Bedeutung nach .ihre volle Anwendung finden. tdi p*ra nyr H, inriv „Ocffnet mir die Pforten des Heils". Wenn die Seele von hier scheidet, so wird ihr dort am Throne des himmlischen Schöpfers die Frage vorgelegt: Was hast Du hienieden vollbracht? Und ste .antwortet je nach ihrer Thätigkeit: ich habe die Armen unterstützt, ich habe Waisenkinder erzogen,, ich habe meinen Mitmenschen hilfreich in/ihren sonstigen Angelegenheiten zur Seite gestanden. Und stehe, eS öffnet sich dann das Thor seines Verdienstes in das er eintreten soll, um für die eine oder andere seiner Tugenden belohnt zu werden. Ihm, den Entschlafenen, werden stch aber aU t Thore öffnen und er kann mit Recht mit dem König David auSrufen: p*i* ^yr H inne „Erschließet mir alle Pforten, denn ich habe diese -frommen Werke alle geübt. Ich habe die Hungrigen gespeist, ich habe die Dürftigen gekleidet, ich habe Waisenkinder erzogen, ich war auch meiner Gemeinde ein treuer Förderer, sowie vielen meiner Mitmenschen ein wohlwollender Freund gewesen. hnitr oy ,'Dvvm nry 'i rixnn. Im Namen Gottes hat er der Armen stch angenommen, ohne Unterschied der Confesston, ohne nach dem GlaubenSbekenotutß zu fragen, linderte er Noth und Elend, wo er aber Juden unterstützte, wo er Juden seine Wohlthat angedethen ließ, da suchte er sie auch zu Juden, zu echten, rechten, wahren Juden zu erziehen. So übte er im Namen Gottes Wohlthätigkeit ta*)** oy i'vvvvi, ohne aber hierdurch im Verein mit dem Ueberrest Israels die heiligen Vorschriften unserer Religion zu verletze« und zu vergessen. Biele glauben stch durch ihren WohlthätigkeitSsinn, durch ihre np*w frei von allen Geboten der Thora. Selig Goldschmidt gab stch keinen DispenS hiervon. Seine Musenzeit widmete er der heiligen Lehre; wie forschte er oft halbe Nächte hindurch in den Werken seines großen Lehrers und Führers Samson Raphael Hirsch; wie freute er sich, wenn er ein gutes Wort in denselben fand, es verarbeitete, eS erweiterte und eS seiner FamUie und seinen Freunden mittheilen konnte. Auch in der Noth zeigte er sich gottergeben. Das bewies er, als seine ihn treu liebende Gattin vor einigen Jahren ihm im Tode vorauSging. Auch für das heilige Land schlug sein Herz in hoher Liebe, Jahrzehnte lang gehörte er

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