Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1896)
- Date
- 1896-01-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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71 Ferritteton Der Letzte seines Stammes Erzählung von Alpha nse de ln Haye. 3) 4. Kapitel. Der Schwur. Eine Weile herrschte feierliche Stille im Gemache; man hörte blos das Röcheln der kranken Mutterbrust. Susann« schien ihre Fassung völlig verloren zu haben. In ihrem Gehirn arbeitete es gewaltig, sie stand vor einem Räthsel, und vergebens bemühte sie sich, seine Lösung zu finden. Hat sie recht gehört: Ihr Elchonon, den sie auf ihren Armen trug, der letzte Sprößling des stolzen, gräflichen Geschlechts der Pelouse? In seinen Adern soll das Blut dieser hocharistokratischen Familie wallend Wie wäre das möglich? Zwar ist der Familiename Elchonon's, ohne Vorsetzung der Worte äo 1a, auch Pelouse. Aber hat sie den Vater, Judith's Gatten, nicht gekannt? War er nicht ein gesetzestreuer Jude? Wie sollte nun ein Jude der Angehörige einer christlich gräflichen Familie sein, von welcher die Sage geht, daß ihr Geschlecht nicht viel jünger sei, als der Stammbaum der Bourbonen; sie sann und sann, aber vergebens; sie konnte aus diesem Chaos nicht klug werden, keinen Ausgang aus diesem Labyrinth finden. Sie war schon geneigt, das Gehörte sür ein Trugbild, für ein Phantasiegebilde der fieberkranken Judith zu erklären. Aber sprach nicht Judith von einer Familiengeschichte, die sie wegen Athembeschwerden zu erzählen unterlassen müsse? Und war ihre Rede die einer Wahnwitzigen? — Nein! — Tausendmal nein! — Ihre Worte kamen aus dem geängstigten Mutterherzen und verfehlten den gewünschten Eindruck nicht. Aber wie das Alles verstehen? — Sie zerbrach sich vergeblich den Kopf, die gute Alte... plötzlich rüttelte sie Judith's Stimme aus ihrem Hinbrüten auf; sie saß aufrecht im Bette. „Schwöre mir. Susanna .... beim Allmächtigen .... dem Heiligen Israels!" — keuchte sie mit heiserer Stimme und ihre Augen rollten in düsterem, wilden Glanze. — „Daß Du, — . . . nach meiner Verfügung . . . handeln willst . . . und noch bevor .... mein Leichnam . . . bestattet wird, .... Du mit Elchonon .... diesen Ort verläßt ... und Dich ... zu meinem Oheim begibst!-Schwöre!" Sie hatte ihre Hand drohend und befehlend erhoben, und in diesem Augenblick, der das letzte Ausflackern der seelischen Kräfte war, glich sie mehr einer höheren Erscheinung, als.einer Kranken. Aus ihren Augen strahlte ein überirdischer Glanz, auf ihrem Gesichte lag ein rosiger Schein. Von diesem Anblick tief erschüttert, beugte Susanna demüthtg, fast ehrfurchtsvoll, ihr Haupt. „Ich schwöre!" flüsterte sie langsam und bedächtig. Ein sanftes Lächeln umspielte die Lippen der Kranken und ein milder Ernst verklärte ihre Züge. Ihre Augen hoben sich zum Himmel empor, als rufe sie den Höchsten, der dort thront, zum Zeugen des Schwures auf. „Dank, tausend Dank, gute Susanna!" flüsterte sie mit sanfter Stimme und ihr Kopf sank in's Kissen zurück. Ein wohlthätiger Schlaf erbarmte sich ihrer Schwäche und Ermattung und nahm ihre Sinne gefangen. Susanna lauschte auf ihren Athemzug, der durch ein schwaches Röcheln unterbrochen wurde. Plötzlich aber kam es ihr vor, als ob der Athem sich verlangsame, zuweilen gar stocke. Entsetzt schnellte sie empor, eilte an den Glockenzug und läutete. Ein Diener eilte herbei. Eilen Sie zu Doctor Blum!" befahl Susanna. „Sagen Sie ihm, er möchte schnell hierherkommen . . . es ist eine plötzliche Veränderung bet der Kranken eingetreten. Sagen Sie auch Jean, den Sie dort antreffen, er soll sofort mit Elchonon zurückkommen. 5. Capitel. Der Vormund. In der Rue Gabrielle, der vornehmsten Straße der Kreisstadt R. . . . mon stand auf erhöhtem Terrain, von einem Obstbaumgar. en umgeben, ein im Villenstyl erbautes Haus. Am Gitter, welches das Haus von der Straße trennt, war eine Messingtafel angebracht, auf welcher mit großen Buchstaben die Inschrift eiugravirt war: „vootsur Isidore Blum, mSdecin". Hier wohnte Doctor Blum, der Vormund Elchonon's und der behandelnde Arzt seiner Mutter. Wir treten ein und werden von einem Diener in seine Studierstube gewiesen. Es ist ein einfacher bescheidener Raum. Wir erblicken in geordneten Reihen eine ziemlich umfangreiche Bibliothek medizinischer Werke. Auf einem Tische liegen verschiedene Instrumente, Messer und andere Werkzeuge, wie sie die Aerzte bei den Operationen gebrauchen. Aus einem Winkel des Zimmers grinsen uns die Augenhöhlen eines Skeletts an. Doctor Blum ist ein alter Bekannter von uns; er ist der Mann, der am Anfang unserer Erzählung sich nach Elchonon umsah und dem der Knabe der Namen Onkeft-Doctor gab.