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Der Israelit · 1896-01-13 · Heft 4 (13.1.1896) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 4 (13.1.1896)
Date
1896-01-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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67 schule bei uns seine schönste Verwirklichung gefunden hat. Es sind dies einfache Conscquenzen der Anschauung, welcher die Schule als das Wichtigste und Höchste des ganzen Lebens gilt,- eine Ueberzeugung, die sich in den Sätzen ausspricht: „Die Welt ruht auf dem Hauche der Kinder in der Schule;" „Jerusalem wurde nur zerstört, weil man die Kinderschulen vernachlässigte;" „der Schulunterricht darf nicht einmal für den Bau des heiligen Tempels unterbrochen werden." „Die Stadt, welche keine Schule besitzt, muß man zerstören. oder nach einer andern Ansicht, mit Acht und Bann belegen." (Talmud Sabbat fol. 119 b.) Wie die Rücksicht auf die verwaisten Kinder es war, welche Pestalozzis edles Herz der Volksschule zuwandte, so war es dieselbe Rücksicht auf die Waisen, welche den Impuls zur Gründung der ersten jüdischen Volksschule gab. Dieselbe fällt ungefähr in das 70. Jahr der gewöhnlichen Zeitrechnung und ist somit über 1800 Jahre alt. Der Unterricht der Kinder war ursprünglich nach dem Schriftworte: „Ihr sollt sie (die Thora) eure Kinder lehren" (V. B. M., C. 11, 19.) Sache des Vaters. Eine bessere, naturgemäßere Belehrung als die elterliche gibt es wohl nicht, aber sie bedarf des Ersatzes bei Kindern, die verwaist sind. Diese Fürsorge für die Waisen führte zur Gründung der ersten Volksschule durch den Hohenpriester Josua ben Gamla, wie dies ausführlich der Talmud (Baba Bathra fol. a) erzählt, woselbst das Gedächtniß des Gründers mit den Worten gefeiert wird: w vbn* p yanm rrtab trxn mw tot d-ü min ronw «n „Fürwahr das Andenken dieses Mannes möge zum Guten erhalten bleiben; sein Name ist Josua Sohn Gamla's. Wäre er nicht gewesen, so wäre die Thora in Israel vergessen worden." Es wäre erne hochinteressante, dankcnswerthe und keineswegs schwierige Arbeit die Giundzüge der jüdischen Volksschule mit denen derPestalozzi'schen zu vergleichen. Eine solche Parallele erforderte jedoch eine besondere Darstellung, welche den Rahmen dieses Aufsatzes weit überschreiten würde. Es möge nach dieser Seite hin nur folgende Bemerkung hier ihre Stelle finden. Einer der begeistertsten Verehrer Pestalozzis in neuerer Zeit, der eigentlich rrst der pädagogischen Welt wie kein anderer die Bedeutsamkeü Pestalozzis nahegelegt hat, ist der ausgezeichnete Pädagoge A. Di.esterweg. Auf seine Anregung wurde vor fünfzig Jahren der hundertjährige Geburtstag Pestalozzis von der gesammten Lehrerwelt gefeiert. Es ist gewiß kein bloßer Zufall, daß dieser Vertreter und Verbreiter der Pestalozzischen Ideen über die jüdische Schule sich in folgender Weise äußert: „Von den Juden und ihrem Glauben kann man mit Achtung nicht reden, ohne von den Rechtgläubigen mit Achselzucken angesehen zu werden. Trotzdem aber sage ich, daß sie niemals ihren Kindern ein formulirtes Glaubensbekenntnitz vorlegten und dieses bis zum heutigen Tage nicht thun, sondern sich darauf beschränken, durch die historischen Schriften des A. T., insbesondere durch den Pentateuch, sittlich religiös auf die Jugend zu wirken. Darin haben sie ein sehr tiefes Verständniß der kindlichen Natur bewährt. Ein so unterrichtetes und in seiner Familie ausgewachsenes Kind wird (halb-) herangewachsen ohne Weiteres, d. h. ohne Bekenntnißzwang, ohne Versprechen etc., in die Gemeinde ausgenommen. Das Verfahren der christlichen Kirchen muß daher als ein zurückgekommenes bezeichnet werden. In jmer Weise spricht sich das Vertrauen zu dem Leben aus, das Vertrauen, daß dieses unendlich wichtiger sei als alle Lehre, daß das Kind, unter Personen jüdischen Glaubens aufgewachsen, in das Wcsen desselben lebendig hineingewachsen sei. Dlese tiefe Wahrheit scheint nach dem herkömmlichen Verfahren zu urtheilen, den Christen abhanden gekommen zu sein; sie wollen durch strengbindende Lehre ersetzen, was das L ben nicht bringt, was aber nur das Leben bringen kann." (In Parenthese nur folgende Bemerkung: Vielleicht bestimmt das Volum eines so com- Petenten Beurtheilers die Lehrer unserer jüdischen Schulen sich die Frage vorzul gen, ob es gut und weise gehandelt war, der bewährten, von den Vätern überkommenen Weise des Unterrichts und der Erziehung den Rücken zu kehren und sich für die geistlose Dreffur auch beim Religionsunterricht zu entscheiden, über den hier so entschieden d.r Stab gebrochen wird.) Für den Gegenstand der vorliegenden Betrachtung dürften die btsheriaen Andeutungen genügen, um darzmhun, daß die Welt und Menschen bildenden und erlösenden Ideen Pestalozzis jüdische Gedankenkeime sind, die auf unserem eigenen, heimtichen Boden die herrlichsten Früchte zewgten und noch zeitigen, ohne daß das pädagogische Genre P^talorzis und die große Zahl seiner Verehrer eine Ahnung davon haben. Bedürften wir noch eines Beweises für die Göttlichkeit der Thora und des Geistes, der die Schulen für ihre Erhaltung schuf, wir würden ihn in dem Umstande finden, daß ein erleuchteter Geist und ein von Menschenliebe überfl sehendes Herz wie dasjenige Pestalozzis von selber auf die Gedanken und Anschauungen gelangte, die in unserem Kreise seit Jahrtausenden Triumphe feiern, für die selbst unbefangene nichtjüdische Beurtheiler rühmliches Zeugniß ablegen.

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