Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1896)
- Date
- 1896-01-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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66 richten, den Märtyrertod eines R. Chananjah den Tradjon, der lieber den Scheiterhaufen bestieg, als sein Lehramt aufgab, das Vorbild zahlloser anderer Märtyrer, die jederzeit den Tod einem Leben ohne Aneignung und Mitiheilung von Lehre und Tugend vorzogen, find in der Geschichte unseres Volkes häufige Erscheinungen. Von Rabbi Jochanan wird erzählt, daß er von seinem Schüler Rabbi Chija begleitet von Liberias nach Sephoris ging. Sie kamen an ein Feld, auf welches der Meister mit den Worten hinwtes: dieses Feld hat einmal mir gehört und ich habe es verkauft um Thora lernen zu können. Siekamen an einen Weinberg und an eine Olivenpflanzuvg, von welchen R. Jochanan dasselbe sagte. Da weinte der Schüler, weil dem Lehrer nichts mehr für seine alten Tage geblieben war. Mein Sohn, entgegnete der Meister, dünkt Dich das so gering, was ich da gethan habe? Habe ich doch Dinge hingegeben. die in sechs Tagen geschaffen wurden und habe dafür etwas eingeiauscht, das 40 Tage bedurfte, um es uns zu übermitteln, die Zeit während welcher Moscheh die Thora von Gott empfing. — Als R. Jochanon starb, wandte seine Zeit die Worte des Hohenliedes auf ihn an: Wenn Jemand das ganze Vermögen seines Hauses für die Liebe hingäbe, für die Liebe, mit welcher R. Jochanan an der Thora hing, man würde ihn mit Verachtung abweisen. Aber nicht nur die Geschichte unserer Vergangenheit, unsere lebendige Gegenwart ist reich an Männern, welche mit Hintansetzung aller materiellen Vortheile ihr Lehramt in Israel üben, wn no dji-q nrw Djro. Wre der Geber der Thora sein Kleinod ohne Entgelt uns überlaffen hat, so galt und gilt es als selbstverständlich, die jüdische Thorawiffenschaft ohne jegliche Bezahlung wtffcnsdurstigen Schülern wieder zu lehren. Und wenn die Lehrer und Meister in Israel auch selber nicht mit materiellen Mitteln gesegnet waren, ihren Unterricht sich für Geld oder Geld.swerth bezahlen zu lassen, hätten sie für eine Versündigung an dem Geist der Thora gehalten, die sie lernten und lehrten. Nicht nur, daß ste keine Bezahlung von ihren Schülern je annahmen, sie opferten ihre kärgliche Habe, um ihren Schülern das Studium zu ermöglichen, fie sammelten bet den Begüterten die Mittel zur Erhaltung der für die Thorawiffenschaft gegründeten Pflanzstätten. Diese rückhaltlose Hingabe materieller Mittel für ideale, geistige Güter des Studiums und der W ffenschaft, ist das Ktiterium wahrer B.lbung des Geistrs und Herzens. Wie müssen die jüdischen Herzen vor allem höher schlagen, wenn sie in einem Manne, wie es Pestalozzi war, auch außerhalb ihres Kreises das Ideal verwirklicht sehen, das sie sonst,nur.im^heimtschen«Kreise zu.finden gewohnt waren, und wenn ste in einer Zeit, der man den Hang für materielle Interessen so vielfach nachsagt, alle Gebildeten, die Großen, die Kleinen, die Hohen und Niederen sich rüsten sehen, um das Gedächtniß des Mannes zu feiern, der mit Hintansetzung seiner persönlichen Interessen, mit Aufopferung von Gut und Blut, die Keime der Gesittung und Bildung in die weiten Kreise des Volkes gestreut hat! Daß alle Menschen, ohne Rücksicht auf ihre soziale Stellung würdig und fähig sind an den Gütern des Geistes, an den Segnungen von Bildung und Gesittung Theil zu nehmen, das war der Gedanke, welcher dem Alterthum fremd war, und dessen Verwirklichung in unserer Zeit erst durch Pestalozzi angebahnt wurde. Selbst die erleuchtetsten Geister Griechenlands waren nicht erleuchtet genug, um allen Menschen das gleiche Anrecht an Tugend und Wissenschaft zuzugestehen. In seiner „Politik" sondert Aristoteles die Menschen in zwei Klaffen, in Griechen und Nichtgriechen oder Barbaren. Die erstere hält er ihrer Natur nach zur geistigen Thärigkeit fähig, die letzteren eignen sich nur zur körperlichen Hanttrung. „Also", sagt er, „werden diese von jenen mit Kraft beherrscht, weil ste so weit von einander stehen, wie die Seele vom Leibe und der Mensch vom Thiere." Daß nach den Grundsätzen des Judenthums jeder Mensch das Ebenbild Gottes darstellt und der höchsten Stufe geistiger und sittlicher Entwickelung fähig ist, das ist eine Wahrheit, für die fast jedes Blatt der Bibel und eine Fülle von Aussprüchen des talmudtschen Schriftthums zeugt. Unter dem Regime dieser Anschauung fielen die Schranken zwischen Volk und Adel, zwischen Priester und Laten, zwischen Hoch und Nieder. Die vorzüglichste Macht ist Wissen und die daraus gewonnene G iftes- und Herzensbildung. Das Fundament für diese segensreiche Entwickelung des Geistes und Gemüths ist die Volksschule, wie ste Pestalozzi gelehrt und wie ste in seinem Sinne sich allenthalben ausgebtldct hat und sich von Jahr zu Jahr mehr vervollkommnet. Aber die Kenner des Judenthums wissen, daß die Volkschule ganz in dem edlen, erleuchteten Sinne Pestalozzis bei uns schon eine nach Jahrtausenden zählende Institution ist. Wir haben bereits an die Mahnung der Weisen erinnert: D'\jy \m nmn nnn nso ono» „Achtet auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Thora aus." (Talmud Nedarim sol. 81 a.) Wir könnten noch auf die Bedeutsamkeit Hinweisen, die der Talmud (Sauhedrin sol. 96 a) dem Unterricht der Kinder gerade von Unwissende» und Ungebildeten (Am Haarez) zuerkennt, um weiterer Belege dafür enthoben zu sein, wie der Pestalozzifche Grundgedanke der Volks-