Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1896)
- Date
- 1896-01-09
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448612--41066-2490006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
62 Mann, der die letzten Worte Pickert's vernahm und auf diese hin seine Bemerkung machte. „Sieh' mal her, Hirschmann", rief Ptckert aus und streckte seinem Schwager die Hand entgegen. „Du bist ein recht seltener Gast in unserm Hause. Eine Cigarre gefällig? Eine feine Sorte, kann sie bestens empfehlen. Nun was meinst Du mit Deiner Bemerkung vorhin? Woran soll etwas Wahres sein? „Nun, daß der Alte Geld hat", erwiederte Hirschmanv. „Hast Du Dir auch einen Bären von Silber, stein aufhalsen lasten," lachte Ptckert laut auf. „Keineswegs! Silberstein ist mir nicht hinreichender Gewährsmann. Seine Schwatzhaftigkeit ist ja stadtbekannt. Aber vor einer Stunde sprach bei mir Gutmann vor, bat mich, ihm 50.000 Mk. zu leihen und ich hatte diese hohe Summe nicht im Augenblick disponibel und versprach ihm, erst morgen diese Summe zur Verfügung zu stellen. Er erklärte jedoch, noch heute diese Summe haben zu müssen. Ich bedauerte lebhaft ihm nicht dienen zu können. Da sagte er. daß, wenn bis heute Abend um die sechste Stunde bei ihm dieser Betrag nicht einläuft, werde er sich an unseren Schwiegervater mit der Bitte wenden, der ihm sicherlich aushelfen wird. Als ich erstaunt aufsah, erklärte er, schon mehrmals von ihm Gefälligkeiten erhalten zu haben. Er thue es indeß nicht gerne, weil er keine Zinsen nehme!" „Wenn das sich bewahrheiten sollte, dann wüßte ich nicht, was ich von dem Alten halten sollte! Jeden Ersten erschien er bei mir und bettelte die Bagetelle von seinem Geschäftsanthetl, als wie wenn er kein Brot zu Hause hätte. Solcher Geiz und solche Geldgiertgkeit kommt in jetziger Zeit selten vor." „Nun, nun, ein besonderes Vergnügen war es für ihn nicht, bei Dir das Geld zu fordern . . . Wenn er es Dir nur nicht angekretdet hat. . . . A propos, seid Ihr ebenfalls für heute Abend zum Auen geladen? Er will, daß wir bei ihm den ersten Chanukkaabend verleben!" „Ja, wir sind ebenfalls eingeladen worden," entgegnete P ckert, während er sich auf seine Lippen biß. „Und wir werden auch hingehen. Nicht wahr, liebste Fanny?" „Ich nicht," versetzte Fanny kühl. „Ich will heute in's Theater, es wird Carmen gegeben." „Und ich sage Dir, Du gehst mit, „versetzte Pickert erregt. „Dein Vater hat ein Recht auf seine Kinder." „Sieh mal einer den Pickert," brach Hirschmann in weirhln schallendes Gelächter aus, „wie ihn der Klang des Goldes gleich zur Pflicht zurückführt. Ich wette, Du zahlst von heute ab, dem Alten mit freundlicher Zuvorkommenheit seinen GeschäftSantheil aus. Doch Vorsicht, mein listiges Bürschchen. Du bist noch nicht sicher, ob das Gehörte auch auf Wahrheit beruht." VI. Am ersten Abend des Chanukkahfestes waren die bescheidenen Zimmer Rerfmanns von Gästen überfüllt. Seine Schwiegersöhne und Töchter haben ihn sammt ihren Kindern von der Synagoge aus in sein Haus begleitet. Auf sechs Chanukkaleuchtern brannte je ein Ltchtlein. Während die Herren im Chore das Moaus zur jeschuosi sangen, ordneten die Damen den Kaffeetisch. In den Zügen aller Anwesenden war eine gewtffe Spannung wahrzunehmen, nur die frischen Lippen Erna's kräuselten sich verachtungsvoll und ein Zug von Abscheu und Ekel lag auf ihrem blaffen Gestchtchen. Reifmann sah etwas bedrückt und zaghaft aus. „Ich weiß nicht, lüde Erna," bemerkte Fanny, indem sie prüfend ihren Blick über sie gleiten ließ, „Du stehst heute so sonderbar aus. Hast Du Deinen treulosen Bräutigam noch nicht verschmerzen können?" Sie wurde der Beantwortung dieser peinlichen Frage enthoben. Aus der Treppe erschollen rasche Männerschritte und nach kurzem Pochen an der Thüre erschien ein junger Mann auf der Schwelle derselben. „Guten Abend, meine Herrschaften! Entschuldigen Sie, wenn ich störe. Kann ich einige Worte mit Ihnen allein sprechen?" „Haben Sie etwas Besonderes, Herr Spiro?" Sonst würde ich Sie bitten mir es hier mitzuthetlen, denn wie Sie sehen, haben wir soeben die Chanukalichter angezündet und vor meinen Kindern habe ich keine Heimlichkeiten." „Nun, ganz wie Sie es wünschen. Ich soll Ihnen diesen Brief übergeben und die Antwort in Empfang nehmen." Mit Spannung und anhaltendem Athem blickten die Kinder auf Retfmann, der, wie es schien, von dem Inhalt des Briefes nicht ganz erbaut war, während Erna mit Verachtung auf die heuchlerischen Schwiegersöhne blockte. „Hm! hm," räusperte sich Reifmann. Er schloß er den Schrank auf, kramte eine Weile darin herum, dann brachte er ein Packet hervor, aus welchem er 50 Tausendmarkscheine entnahm und diese zählte er dem Buchhalter in der Gegenwart seiner verblüfft dreinschauenden Kinder auf dem Tische vor. Mit flüchtigem Danke und Gruß entfernte sich der Buchhalter eiligst. Eine Weile herrschte peinliche Stille im Zimmer. Man sah es allen an, daß sie ganz aus der Fassung waren.