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Der Israelit · 1896-01-09 · Heft 3 (9.1.1896) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 3 (9.1.1896)
Date
1896-01-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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43 Vagantenjagden von Verbrechen zu Verbrechen getrieben, gewöhnlich auf der Richtstätte niederlegte. Auspeitschungen, Halseisen, Brandmäler, Schellenhäuser und starke Galgen waren die einzigen Besserungsanstalten, die der Staat der Armuth bot, und ihr Erzieher war der öffentliche Strafrichter. Da legte Gott in seiner ewigen Liebe in den Knaben die Tugenden der Liebe und Hingebung für seine unglücklichen Mltbrüder. Das Studium der Gottesgelehrtheit gab dem Jüngling seine erleuchtete und unerschütterliche Religiosität, und das Studium der Rechtswissenschaft entzündete sein angeborenes Rechtsgefühl zum thalkräftigen Mitleiden mit der unglücklichen Armuth. Dies leitete ihn später auf die Betrachtung des seelischen Kinder, mords und öffnete ihm den Blick in die moralische Wildniß der Gesetzgcbung und auf die entsetzlichen Wege, welche die verwahrloste Armuth zum Verbrechen führen. Er gab die wissenschaftliche Lauf' bahn auf, und widmete sich der Landwirthschaft, bei welcher ihn die Vorsehung den großen Gedanken lehrte: daß in der Arbeit, in dem einzigen moralischen Mittel zur Selbsterhaltung der Armen auch die Quelle gegeben sei für ihre sittliche Erziehung; daß das Mittel, welches bisher nur zur Entwickelung und Erhaltung des Körpers gedient, in den Dienst der Erziehung genommen, auch zur Entw ckelung der getst gen und moraltichen Fähigkeit das wirksamste sei. Er kaufte daher zum eigenen Betrieb der Landwirthschaft im Jahre 1768 auf dem Birrfelde im Aargau ein vernachlässigtes Landgut, welches er durch bessere Kultur neu zu gestalten begann. Im buchstäblichen Sinne des Wortes ging er dann in die Hütten des Elends und an die Straßen, las, wo er sie fand, Bettelkinder auf, sammelte sie um sich in seinem Hause, ward ihnen Freund und Vater und begann so im Jahre 1775 seine landwtrthschaftliche Erziehung der Armen. Bald genoffen über fünfzig Kmder seine Liebe und sein Brod. Allein, ob der Begeisterung für das Glück anderer vergaß er die Berechnung seiner Kräfte. Für die Ausführung des neuen pädagogischen Gedankens selbst zu wenig praktisch erfahren, vom Weltglück verlassen, von der Mitwelt verlacht, mußte er auf der Schwclle des häuslichen Ruins seinen Versuch aufgeben. Wie der Schwimmer, ob der Rettung des Ertrinkenden oft selber ertrinkt, so war auch Pestalozzi, ob der versuchten Rettung der Bettler selbst zum Bettler geworden, und sein Glaube an seine Fähigkeit, der Armuth ein Retter zu werden, gänzlich gebrochen, nicht aber sein Glaube an die heilige Kraft des angewandten Mittels; er fand den Fehler in sich. Mit neuer Liebe wandte sein Herz sich dem Studium des Volkslebens zu, so daß er seine Ideen über Armenerziehung auf die Volksbildung überhaupt ausdehnte. Die damaligen W ltereignisse steigerten und klärten seine Ueberzeugung von ihrem allgemeinen Bedürfnisse, bis sie ihn zu einem zweiten Versuche seiner großen Erztehungsidee aufforderten. Das schwere Kciegsunglück Nidwaldens rief sein edles Herz im Jahre 1798 nach Stanz, um auf den rauchenden Trümmern ihrer Hütten achtzig verlaffene Waisen der gefallenen Helden zu sammeln und ihnen Vater zu sein. Er nährte, lebrte, pflegte, wusch und erzog sie. Er war Lchrer, Aufseher, Arzt, Haushalter, Dienstknecht, oft sogar Magd für die niedrigsten Verrichtungen des Hauses, und lebte mit ihnen wie ein Bettler, um zu lernen, wie man Bettler ein menschliches Leben lehren müsse. Hierauf gründete er im Jahre 1801 zu Burqdorf ein selbstständiges Erziebungsinstitut für Kinder der Armuth und des Retchchums. &ur war es, wo er zuerst die Nothwendtgkeit erkannte, daß der gesammte elementare Volksunterricht gänzlich umgestaltet und durchaus naturgemäß begründet werden muffe. Er begann seine auf sinnliche und geisttge Anschauung und freies Bewußtsein gegründete geistbildende Lehrmethode ins W'rk zu setzen. Aus allen Kantonen der Republik eütcn m;t Begeisterung Knaben, Jünglinge und Männer herbei, um die Pestalozzische Methode kennen zu lernen und allerwärts in den Schulen des Volkes etnzuiühren. Eine großartige Umgestaltung der Volksbildung hatte damit begonnen. Im Jahre 1804 zog er mit seiner Anstalt nach München-Buchsee und im Jahre 1805 nach Averdon im Waadtlande. Seine Ideen über elementare Volksbildung dehnte er jetzt auf die naturgemäße Menschenbildung überhaupt aus. Sein Haus wurde der Mittelpunkt der Elementar -Erziehung für die ganze pädagogisch gebildete Welt. Aus allen Ländern erschienen Zöglinge, Schulmänner, Fürstenboten und Fürsten, um den Geist und dre Schule Pestalozzi's als eine Segnung ihres Volkes ins Vaterland zurück zu tragen. Trotz der E^eigniffe, welche damals die Welt bewegten, wurde der Name des edlen Schweizers von Petersburg bis Philadelphia mit Ehrfurcht genannt. Doch mitten im Glanze seines Ruhmes vergaß er den Liebling semer Seele, die hilflose Armuth nie. Aber fromme Selbsttäuschung und fremde Selbstsucht zerrütteten seine häuslichen Angelegenheiten. Gramgebeugt, von der Welt, für die er gelebt, verlassen und verkannt, schiffbrüchig geworden mit all seinen edlen Bestrebungen, ärmer als der Bettler, deren er so viele dem Elend entrissen hatte, kehrte der achtzigjährige Greis auf seinen „lieben Neuhof" zurück. Er stcub bei einem Besuch in Brugg am 17. Febr. 1827 und wurde seinem

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