Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1896)
- Date
- 1896-01-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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38 damit seine Beschimpfungen auf den Tempelraum zu beschränken. Man muß ja auch etwas für die Abwesenden, für die Orthodoxen zum Besten geben. Er ließ daher sein Machwerk unter den Titel: „Das Judenthum und seine Parteien" im Drucke vervielfältigen, damit es von aller Welt angestaunt werde. In diesem Pamphlet werden einerseits die Besten des orthodoxen Judenthums als „Schwärmer, TräumerundMondsichtige, Verrante, Verbohrte und halsstarrige Finsterlinge; eigennützige Spinnen im eigenen Netze gefangen gehaltene Fanatiker; dummgläubig und bigott; raffinirte Spitzbuben, falsche Cridatore" u. s. w. gebrandmarkt. Andererseits werden heilige Gebote der Religion als Formelwesen bezeichnet; Priester als Wucherer geschildert; Gebräuche werden bet ihm zu Mißbräuchen, Schimmel und Moder, Brennessel und Unkraut; dem Schulchan-Aruch wird die Autorität abgesprochen und dies Alles durch falschzttirte und unrichtig ausgelegte Bibel- und Talmud- Stelle». Die nun erschienene Entgegnung weist mit triftiger Beweisführung alle erhobene Verleumdungen energisch zurück und bekräftigt mit HO hebr. Noten in meisterhafter Form gerade das Gegentheil der ausgestellten Hypothesen. Wuchtige Hiebe bilden die etngeführten Aeußerungen und Gutachten von Grätz, Jelltnek und Seminar-Direktor Rabbiner Bloch, seine eigentlichen Gewährsmänner, die dokumentarisch seine trügerische Schlüsse zertrümmern. Diese allgemein beifällig aufgenommene Replik bietet den Laien sowohl als dem Fachmanne genügend Stoff des Belehrenden und Unterhaltenden. Mit Grund und Beweis wird klar gelegt, in welchem Labyrint falscher Theorien die Herren Neologen bezüglich ihrer religiösen Handlungen, bezüglich der bekannten Almemorfrage, des Trauens im Tempel und des Tragens d es Ornates, sich befinden. Diese 3 Punkte werden da mit Scharfsinn aufs Genaueste erörtert. Der Unbefangene hat den richtigen Spiegel vor Augen, worin deutlich ersichtlich ist, was orthod. Judenthum im wahren Sinne des Wortes ist. Dieses Büchlein, wenn auch klein an Umfang, jedoch reich an Inhalt sollte in keinem jüd. Hause fehlen und mögen sich Reflectanten an Herrn Marcus Meisner, Oedenburg (Ungarn) wenden, welcher dieses nach Einsendung von SO Pfennige, auch in Briefmarken, an jede beliebige Adresse franco einschickt. Ein Rechtgläubiger aus Eisenstadt. Rußland. Petersburg, im Jan. Gegen Ende vorigen Monates trafen tn Petersburg die Generalgouverneure von Warschau und Tiflis, Graf Schuwalow und Scheremetjew, ein, um die von ihnen der Regierung überreichten Prostete zur Einführung von Reformen im Weichselgcbiete und im Kaukasus mündlich zu unterstützen. Unter den Reformplänen der beiden Generalgouverneure verdienen jene besondere Beachtung, welche sich mit den Rechtsverhältnissen der Juden befassen. Wenn die in der letzten Zeit in Petersburg eingelaufenen zahlreichen Petitionen des Adels, der Ständeverwaltungen und der bäuerlichen Gemeinden um die Einstelluna der Judenausweisungen aus den Dörfern und den Marktflecken die russischen Machthaber von der verhängnißvollen Wirkung der antijüdischen Politik der letzten fünfzehn Jahre auf das gesammte ökonomische Leben im Czarenreiche noch nicht überzeugt haben sollten, so dürften den Allgewaltigen die Ausführungen des Grafen Schuwalow und des Generals Scheremetjew über die Lage und die Bedeutung der Juden in den ihnen unterstehenden Gebieten denn doch diese Überzeugung beibrtngen. Erst ein Jahr bekleidet Graf Paul Schuwalow das Amt des Generalgouverneuers im Weichselgebiete, aber er halte in dieser Zeit hinreichende Gelegenheit. wahrzunehmen, daß die unter seinem Vorgänger Gurko ganz willkürlich erhobenen Anschuldigungen gegen die Juden in Congreßpolen der Wahrheit nicht entsprechen. Der Kriegsruf der russischen Judenfeinde: „Rettet die junge russische Fabriksproduction vor der Ausbeutungssucht der Juden!" findet in den Darlegungen des Grafen Schuwalow eine wohlverdiente Zurückweisung. Datenmäßig weist er nach, daß das Aufblühen der Fabriksindustrie im Weichselgebtete, welche Hunderttausenden von Arbeitern Erwerb bietet, nur „dem Fleiße und dem reellen Wettbewerbe der Juden" zu verdanken ist. Die Tuchfabrikation in Lodz, das den Namen eines russischen Manchester sich erwarb, verdankt nach dem Berichte des Grafen Schuwalow ihren guten Ruf der Solidität den jüdischen Fabriken. Bei seinem jüngsten Besuche in Lodz hat der Generalgouverneur mit eigenen Augen die nützliche Thätigkeit der Juden auf dem Gebiete der Tuchfabrikatton gesehen und sich von der allgemeinen Achtung überzeugt, welche die jüdischen Fabrikanten bei ihren christlichen Mitbürgern sowohl als auch bei den Arbeitern genießen. Die gleichen Folgen für eine gedeihliche Entwicklung der Fabriksindustrie hatten, wie Graf Schuwalow berichtet, die von den Juden in Bielostok während der Jahre 1670 bis 1880 errichteten Fabriken. Gegen die so oft gehörte Behauptung, daß die bäuerliche Bevöl-