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Der Israelit · 1896-01-06 · Heft 2 (6.1.1896) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 2 (6.1.1896)
Date
1896-01-06
Page
– (sequence 19)
Language
German
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39 Eerung von den Juden angeblich ausgebeutet werde, führt Graf Schuwalow eine ganze Reihe von Petitionen verschiedener Bauerngemeinden im Wetchselgebiete an, welche um die Zulassung von Juden zur unbeschränkten Ansiedlung in den Dörfern ansuchen, und aus denen klar hervorgeht, daß die Bauern die feste Ueberzeugung hegen, daß gerade die in den letzten Jahren stattgefundene Massenausweisung von Juden aus den Dörfern den Niedergang der Landwirthschaft und die Verschlechterung ihrer materiellen Lage herbeigeführt habe. Mit ebensolcher Entschiedenheit kehrt sich Graf Schuwalow gegen die von den Judenfeinden aufgestellte Behauptung, daß die Juden im Weichselgebiete den Wucher professionsmäßtg betrieben. Die Gerichtschronik dieses Gebietes für die letzten fünf Jahre weift nicht einen einzigen Fall auf, wo ein Jude wegen dieses Delictes verurtheilt worden wäre. Wohl standen Juden im Laufe dieser Zeit unter der Anklage des professionsmäßigen Wuchers, sie wurden jedoch von den Geschworenen einstimmig freigesprochen, weil die Anklagen sich als unsttchhalttg erwiesen. Von dem Gemein- und Wohlthätigkeitsstan der Warschauer Juden weiß Graf Schuwalow viel des Guten zu erzählen. Die von ihnen in Warschau errichteten Asyle für Obdachlose und für Krüppel ohne Unterschied der Confessio» werden vom Generalgouverneur als Werke der wahren Nächstenliebe und Barmherzigkeit bezeichnet, die für den Assimilationssinn der Juden deutlich genug sprechen. Der Schluß, zu dem er in seinem Projecte kommt, ist, daß die Eigenschaften der Juden in moralischer und ökonomischer Hinsicht durchaus nicht der Art sind, wie sie die Judenfeinde schildern, und keineswegs eine Rechtfertigung für die Politik der Judenverfolgung bilden können. In seinem Bestreben, im Weichselgebiete eine Politik der Pacificirung zu begründen, will Graf Schuwalow die Lage der Juden in Congreßpolen ebenfalls mildern und tritt deshalb für die Schaffung normaler Zustände auch zu Gunsten der Juden ein. Verdienen schon die Ansichten des Grafen Schuwalow über die Juden die größte Aufmerksamkeit, so sind jene des Generals Scheremetjew in doppelter Hinsicht interessant. Bezeichnet doch General Scheremetjew die Juden im Kaukasus als das staatserhaltende Element, eine Eigenschaft, die ihnen in Rußland überhaupt stets abgesprochen wurde. Nachdem Scheremetjew sich über die Juden als Förderer des Weinbaus im Kaukasus, der Hauptproduction des Gebietes, sehr lobend ausgesprochen hat, hebt er die Bedeutung der kaukasischen Juden vom Standpunkte der Staatsidee hervor. Während die russische Staatstdee im Kaukasus, führt Scherernetlew's Reformproject aus, bei den eingeborenen Stämmen und sogar bei den Armenieren, die von den russischen Regierungen stets mit Wobthaten überhäuft werden, weder Verftändniß noch Unterstützung finde, sind die Juden im Kaukasus das einzige Element, welches diese Idee fördert und ihr als mächtige Stütze dient. Schon diese Thatsache allein spreche zu Gunsten der kaukasischen Juden, welche in Anbetracht ihres erprobten russischen Patriotismus Anspruch haben, wenigstens von den gegen sie ins Leben gerufenen Beschränkungen in Bezug auf Wohn- und Handelsrecht befreit zu werden. Die Gouvernements Warschau und Tiflis, durch Raumund Verhältnisse wett getrennt, erheben also in der Person ihrer höchsten Leiter die Stimme gegen die Ausfälle der Judenfeinde und für eine humanere Behandlung der russischen Unterthanen mosaischer Confesston. Autoritativere Urtheile über die Juden im Czarenreiche sind bis jetzt kaum gefällt worden, und man darf deshalb die Hoffnung nicht aufgeben, daß sie eine Wendung zum Besseren herbeiführen werden. Dazu besitzen gerade die Chefs } dieser beiden Gouvernements das Ohr des jungen jj Czars, der „die Förderung der Wohlfahrt aller ' seiner Unterthanen" aufrichtig will und anstrebt. ' _ (Fr. Bl.) - vermischtes. * Wilna. Nach der offiziellen Statistik des Gesundheits- I amtes vermehrt jeder christliche Einwohner der Stadt jähr- » lich 151 Pfund Fleisch, während der Verbrauch der jüdischen Bevölkerung nur 123 Pfund per Kopf im Jahre beträgt. Es gibt kein drastischeres Zeugniß für die Armuth der dortigen Juden. Briefkasten der Redaktion C B: Ihre Mittheilungen haben uns sehr interessirt. Besten Dank dafür. Den angekündigten weiteren Nachrichten sehen gern entgegen. Freundschaftliche Grüße. B. in B.? Der aus Berlin entflohene Anwalt Dr. Friedmann ist Christ; ob sein Christenthum, wie die Staatsbürgerztg. behauptet, noch ein sehr neues ist, das wiffen wir nicht. M. F. in F.: Das Projekt der Errichtung eines Vereins zur Versicherung stellenloser, den Sabbat heiligenden Kaufleute ist nicht, wie Sie annehmen, im Sande verlaufen. Es haben vielmehr der „Israelit. Stellenvermittlungsverein* Hamburg in Verbindung mit der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums" in Frankfurt a. M. es unternommen, eine Enquete über Anzahl. Gehalte und Stellenlosigkeit der zu versichernden Beamten zu veranstalten. Wie weit die beiden Vereine in ihren Arbeiten gediehen sind, ist unslnicht bekannt. Ihren Vorschlag einen Verein von Prinzipalen zu gründen, welche Kaufleute engagiren, die den Sabbat halten, stellen wir hiermit zur Diskussion. M. S. in O.: Die Sprüche der Väter erscheinen nur von NvO bis Briefkasten der Expedition. U H. H.: Die Firma Haasenstein und Vogler in Frankfurt a. M. sendet Ihnen, wenn Sie zu annonciren beabsichtigen, auf Verlangen ein Exemplar ihre- Katalogs zu.

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