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Der Israelit · 1895-06-27 · Heft 51 (27.6.1895) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 51 (27.6.1895)
Date
1895-06-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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924 Jahre. Für einen Mann, der sobald er sich feinen eigenen Heerd gründet, eine hervorragende Stellung einzunehmen, ein ungewöhnlich großes Vermögen zu verwalten, berufen sein wird, dürfte ihm doch die Lebens- und namentlich die nöthige Geschäftserfahrung abgehen." Michas Züge erhellten sich; die Bedenken, welche die Primatorin vorbrachte, erschienen ihm von geringer Bedeutung, leicht widerlegbar und schienen auch auf Brandeis cindrnckslos geblieben zu sein; und er sprach: „Frau Primatorin, Wolf Epsteins große Jugend ist ein Fehlender sich mit jedem Tage vermindert." „Das glaub ich auch," meinte Brandeis lachend, „übrigens" wandte er sich an seine Frau, „ist unser Kind ja auch noch keine Greisin." „Herr Wolf Epstein" fügte der Schadchen durch des Primators Zustimmung ermuthigt hinzu, „ist, wie allgemein bekannt, die Seele des großen väterlichen Geschäftes, das sich über alle österreichische Erblande und ganz Deutschland erstreckt, und ist einer der klügsten Menschen, die es giebt. Sein Vater hat ihm unbeschränkte Vollmacht ertheilt und betraut ihn stets mit den schwierigsten Unterhandlungen seines Hauses." „Auch das ist vollkommen wahr," bestätigte der Primator, „er ist ein Kaufmann, wie man ihn selten findet." Frau Malke Brandeis hatte noch ein zweites Bedenken, das allerdings für den jungen Menschen sehr schmeichelhaft klang und sie fuhr fort: „Wie allgemein bekannt macht Jakob Epstein mit dem Staate große Geschäfte und bat große Lieferungen für die Armee. 9hm ist Wolf bei den Ministern und Generalen so beliebt, daß es seinem Vater am vortheilhaftesten erscheint, daß jener unter den hohen Herren verkehre. Er verlebt daher einen großen Theil des Jahres in Wien und aus Reisen, in jenen Ländern, wo gerade kaiserliche Truppen stehen, die durch das Haus Epstein verpflegt werden. Wenn er sich nun vermählt, wird er sich wohl in Wien, dem Sitze der höchsten Behörden, niederlassen wollen, und daß wir unser einzig Kind von uns weggeben und allein bleiben, oder wir, von unserer theuern Vaterstadt Prag nach Wien ziehen sollten, das kann mail nicht von uns verlangen, und eh ich mich von meinem Kinde trennen würde, würde ich lieber aus diese glänzende Parthie verzichten und mich mit einem Eidanl, wenn er edel, fromm itnb gut ist und unseren: Kinde gefällt, auch wenn er minder reich, ja wenn er gar nicht reich wäre, begnügen; wir besitzen ja boruch haschem1) genug für unser Kind und ihn. Ich fühle mich nur in meines Kinde Nähe glücklich, ist es ferne von mir, b Gott Dank. dann wird es öde und traurig um mich her und mein Leben würde des höchsten Reizes entbehren." Ein ernster Zug überhuschte des Primators bis jetzt heitere Züge und er sprach: „Die Mutterliebe ist das edelste Gefühl, das die Menschheit kennt, doch paart sie sich auch bei den besten geistig stärksten Frauen — zu denen zähle ich Dich, liebe Malke — mit einer ihnen selbst unerkennbaren Selbstliebe. Ich würde um Miriams Glück zu befördern das größte Opfer, auch jenes bringen, mich von ihr zu trennen. Das ist das Erstemal während unserer Ehe, daß unsere Ansichten nicht übereinstimmen. Auch legst Du dem Reichthum weit geringeren Wertb bei als ich. Ich bin anderer Anschauung. Erzählt ja schon der Talmud, daß Rabbi die Reicher: geehrt hat. Ich liebe den Reichthum nicht, weil er die Mittel zum Wohlleber: bietet, Du weißt es, ich bin in Speis' und Trarrk, in Allem, von einer Begnüglichkeit, die zuweilen Dich selbst in Verwunderung setzt. Aber Reichthum ist ir: unserer Zeit für den Juden das einzige Mittel sich Ansehen, Einfluß, Macht zu verschaffen, alle andere Wege hierzu sind ihm verschlossen. Es ist ihn: nicht die Gelegenheit geboten sich als Feldherr oder Staatsbeamter auszuzeichnen, sich in dieser Weise eine hohe Stellung zu erringen. Der Richtjude schätzt am Juden zunächst das Geld, das dieser besitzt, erst dann, wenn er ihm seines Reichthums wegen näher getreten, gelangt er zrrweilen dazrr, da ivo es sich eben vorfindet, auch feine Einsicht, seine Redlichkeit, sein richtiges Urtheil zu würdigen. Wäre Bat-Sevi nicht ein reicher Mann gewesen, er wäre nicht mit dem Herzog von Friedland und dem Fürsten Lichtenstein in freundschaftlichem Verkehre gestände::, er wäre vom Kaiser nicht in den Adelftand erhoben worden; hätte nicht für seine bedrückten Glaubensbrüder Gutes wirken können. Im Ghetto schätzt man an mir, daß ich streng nach dem Gottesgesetze lebe, daß mich mein Vater von meiner frühesten Jugend an zum Studium der Gotteslehre augehalten, so daß. ich es in religiösem Wissen so weit gebracht, daß ich hier in Prag Rosch-Bes - Din wurde; allein das Alles hätte mir bei den Großen der Erde nicht Achtung, Ansehen, Einfluß verschafft. Rur weil ich durch Gottes Gnade, ein reicher Mann bin und mich zu großen Opfern entschließe, werde ich von den höchsten Herren respeetirt. Weil ich, seit Monaten schon, ohne jedwedes Pfand und ohne Zinsen dem Befehlshaber der kaiserlichen Truppen, dem Generallieutenant Grafen Colloredo die großen Smnmen borge, die er zur Auszahlung der Löhnung für die Besatzung braucht, erweist er sich mir dankbar, erzeugt er mir jede ihm mögliche Gefälligkeit und bezeugt mir die höchste Ehre. Erst kürzlich hat er in Gegenwart des ganzen Offizierkorps zu mir gesagt: „Primator, Ihr thut weit mehr für den Kaiser

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