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Der Israelit · 1895-06-27 · Heft 51 (27.6.1895) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 51 (27.6.1895)
Date
1895-06-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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921 schwerer, massiger Speise. Sie wünschten Lauch, Knoblauch und Zwiebeln und seufzten nach dem Fleisch, das sie in Egypten aßen. Gott wußte, daß dies nicht die geeignete Speise für die heiße Wüste sei und gab ihnen daher die denkbar geeignetste, beste Speise. Sie aber entbehrten den Gehalt der Speise, sie vermißten das Gefühl der Sättigung, sie tadelten, was sie hätten loben sollen. In Wahrheit haben wir das nöthig, was genügend ist, das. was den Körper nährt, das, was ihn in Gesundheit und Kraft erhält. Aber hier begegnen wir einer Klage ohne inner» Grund, im Besitz der edelsten, besten Nahrung das Verlangen nach einer gemeineren, schlechten. Ist es bet uns anders? Die Entmuthigung, der wir auf Schritt und Tritt begegnen, äußert sich in einer Unzufriedenheit und in Klagen über unsere Zustände und Verhältnisse, denen in den meisten Fällen jeder Schein einer Berechtigung abgeht. Der großen Maste genügt das tägliche Brod nicht mehr und noch weniger mundet ihr die Arbeit, durch welche das Brod erworben werden soll. Die Arbeit soll vermindert und das Brod soll verfeinert werden. Acht Stunden sollen der Arbeit und sechszehn der Ruhe und dem Genuß reservirt sein. Der Geist der Unzufriedenheit und Mutlosigkeit hat das sociale, das politische, das commerztelle und das religiöse Leben erfaßt und vergiftet. Man gewahrt diesen Geist überall und trifft ihn in der einen oder anderen Form. Er klagt über Gottes Vorsehung, er klagt über Gottes Gesetz, er klagt und murrt in grillenhafter Launenhaftigkeit über alles Bestehende, weil es besteht. Die von ihm Geplagten schauen fortwährend nach etwas Neuem auS, sie wissen thatsächlich nicht, was sie wünschen. Wenn die murrende Laune über sie kommt, murren sie über alles und jedes; nichts ist ihnen in dieser Stimmung recht, nichts kann recht sein. Die ganze Welt ist auf den Kopf gestellt und wenn sie wieder umgekehrt würde, so würde sie genau ebenso verkehrt sein — vielleicht mehr als je. Gott, der das Gebet hört, welches seine Kinder zu ihm ewporsenden, hört auch dieses Murren, wie er es bei unfern Vätern in der Wüste lö te. Es müßte wunderbar zugehen, wenn dieser allgemein murrenden Entmuthigung und Unzufriedenheit nicht die Vergeltung auf dem Fuße folgte, wie sie auch in der Wüste nicht unseren Vätern ausblieb. Als unsere Väter wider Gott und Moscheh, wider Speise und Trank murrten, „da ließ Gott wider das Volk die feurigen Schlangen los, diese bissen das Volk und es starb vieles Volk von Israel." Schlangen und Skorpione« gehören zu de« Leben in der Wüste. Sie waren immer da, und auch langst vor der Versündigung Israels waren sie vorhanden. Aber sie schädigten Israel nicht. Sie hatten keine Gewalt über diejenigen, die rückhaltlos Gottes Weisung durch die Wüste folgen. Wer seine Zuversicht in Gott setzt, der tritt, wie der 91. Psalm lehrt, über Leuen und Ottern, ohne daß sie Schaden anrichten. So sendet Gott noch heute seine verheerenden Boten, die sonst friedlich neben uns, unter uns ruhen und entfesselt sie um den murrenden Unzufriedenen das verbrecherische ihrer Gesinnung zum Bewußtsein zu bringen. Alles klagt über die schlechte Zeit, über alles Mögliche und Unmögliche und wer diese Klage von allen Schichten des Volkes, von allen Ständen der Gesellschaft Tag für Tag immer dringender wiederholen hört, der glaubt „das Ende des Jahrhunderts" sei wirklich bereits da, und hält die Welt, in der wir leben, die Zustände, die in ihr herrschen, für die denkbar schlechtesten, deren Unzulänglichkeit keiner Steigerung mehr fähig ist. Da schickt Gott seine Schlangen. Sie wälzen sich in Gestalt verheerender Fluthen in die Wohnstätten der Menschen, und schwemmen den Wohlstand hinweg, den man bis jetzt geringschätzig verkannt und verachtet hat. Feuersbrünste äschern Hütten und Paläste ein. Waffer und Feuer, die sonst friedlichen im Dienste der Menschheit waltenden Elemente, verlassen ihre gewohnten, ruhigen Geleise und bringen Tod und Verderben in die Kreise der unzufriedenen Menschen. Die Erde selbst, auf der sonst sicher und geborgen, Menschen sich niederlassen, lehnt sich gegen die Unzufriedenen auf und stürzt die Werke ganzer Generationen in wenigen Sekunden zusammen. Wir leben in einer Zeit, die mehr als sonst von dem verheerenden Walten solcher elementaren Naturmächte heimgesucht wird. Jeder Tag bringt fast neue Schreckensbotschaften, die eine ergreifende, ungeahnte Jllustrirung zu dem D’oa 'm rta »v unseres *)pin rurui Gebetes an der Schwelle des neuen Jahres liefern. Sollten wir nichts aus diesen Verheerungen und SrrafgerichttN Gottes lernen für unsere murrende, unzufriedene und dah-r entmuthigte Zeit? Soll es wirklich erst dieser Verwüstungen bedürfe«, um das Glück zu würdigen, welches nun durch Flammen und Fluthen begraben liegt? Wahrlich wenn Gott solche Zeichen und Erscheinungen in den Kreis der Menschen schickt, so sollen wir prüfend unseren Lebenswandel durchsuchen und der murrenden, unzufriedenen Entmuthigung entgegen treten, die so vielen großen Kreisen die

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