Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1895)
- Date
- 1895-06-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- Mosbach 1× ep/1045224
- Odesa 1× ep/1000834
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Pariser Publizist, in seinem soeben bet A. Colin und Cie. dahier erschienenen Werke „Au Pays Russe“ die Judenfrage nur sehr flüchtig. Ohne es herauszusagen, läßt er doch merken, daß die Juden dem Lande nothwendig sind und daß ihre in Rußland b:sonders scharf hervortretenden Fehler den Russen selbst zur Last gelegt werden müssen. Bei verschiedenen Gelegenheiten vermag er kaum seine Entrüstung zurückzuhalten, wenn er die gefühllose Härte der Beamten ihnen gegenüber bemerkt, so z. B. bei einer Audienz bei dem Gouverneur von Odessa, der einen jungen blinden Israeliten, da dieser seine glanzlosen Augen auf ihn richtet, heftig anfährt und hinauswerfen läßt, ohne auf die herzzerbrechenden Bitten seiner Mutter zu achten. > Vermischtes. < Mainz. 18. Juni. Ein Akt großer Brutalität wurde in der verflossenen Nacht hier verübt. Auf dem an der Mombacherstraße gelegenen israelitischen Friedhofe, der durch die Stadterwe terung nicht mehr zu Beerdigungen verwendet wird, wurde in der verflossenen Nacht durch unbekannte Personen, die die Einfriedigung überstiegen hat en, eine Anzahl werthvoller Grabsteine umgewoisen und theilweise zertrümmert. Kleineicholzheim- Am 19. Jjar verschied nach kurzem Leiden der geachtete hiesige Bürger Herr Lazarus Lißberger n"V im 89. Lebensjahr. Trotz seines hohen Alters war derselbe bis vor kurzer Zeit gesund und rüstig, und genoß durch seinen Biedersinn und seine Anspruchslosigkeit den ehrenhaftesten Ruf. Er lebte stets als glaubenstreuer Jehubi, versäumte keinen Gottesdienst und hielt streng an den Satzungen unserer alten und heiligen DJIDN- Dabei war er ein glühender Patriot und, wie er selbst ehemals Soldat war, so zeigte er besonderes Interesse für die Entwick ung des Wehrstandes. Mehrere Militärvereine und eine große Zahl von Jung und Alt fanden sich bei seinem Leichenbegängnisse ein, um dem ältesten Ortsbürger die letzte Ehre zu erweisen. Der Präsident des MilitärvereinL widmete dem Verstorbenen einen ehrenden Nachruf und Bezirksrabbiner Dr. Löwenstein von Mosbach sprach am Hause vor Abgang des LeichenzugS. sowie am Friedhofe in Bödigheim würdige Worte zu Ehren deS Heimgegangenen, zum Tröste der Hinte.bliebenen und zur Aneiferung für die Glaubensgenossen. Wie«, 19 Juni. Im Saale des „Hotel Müller" fand gestern die diesjährige (fünfte) ordentliche General-Bersammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus statt. Eine große Zahl brieflicher Zustimmungs-Kundgebungen aus dem In- und Auslande gelangte zu Beginn der Versammlung zur Verlesung. Besonderen Beifall erregte eine Zuschrift des Ehrenpräsidenten, Herrenhausmitgliedes Baron Friedrich Leitenberger, in der es heißt: „Ich beklage eS, der Versammlung nicht beiwohnen zu können, und dies umsomehr, als eS mir ein He zensbedürfnitz gewesen wäre, im Kreise theurer und wackerer GesinnungSgenoffen angesichts der Entsetzen und Widerwillen erregenden Ausbreitung des verruchten Antisemitismus über die Waffenausrüstung für den bevorstehenden harten Kamps zu berathen. Mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln müffen wir dahin wirken, daß unser geliebtes Heimatland in jene Bahnen zurückgeführt wird, die eines modernen, aufstrebenden Staates i würdig sind." Constst rialrath Dr. Schoepf schrieb, daß er j mit ganzer Seele jedem Schrille zustimme, der den verfolg-! ten Mitmenschen Erleichterung bringen könnte. Gottes Segen , Ihrem humanen, echt christlichen Wirken. Der Vorsitzende, Baron Suttner, hob in seinem ThätigkeitSberichte hervor, daß alle sei'enS des Präsidium-im vergangenen Jahre eingeleiteten Schritte, eine Unterstützung der vom Vereine hochgehallenen Bestrebungen seitens der Regierung zu erwirken, erfolglos gewesen seien, die Petitionen, Vorstellungen bei den maßgebenden Factoren, bei der Regierung blieben ohne Resultat, und die Vereinsleitung sei auf dem Standpunkte angelangt, daß die Hoffnung, daß von Oben her gegen die Ausschreitung des Antisemitismus vorgegangen werde, eitel sei. Dem Worte Antisemitismus fei man auf der Regterungsbank mit größter Vorsicht aus dem Weg gegangen, und wenn einmal schon ein roher Exeeß verurteilt wurde, dann kon ten die gespannt auf die ministeriellen Erklärung harrenden Staatsbürger aus den Worten des Ministers nicht klug werden und wußten nicht, stnd mit dem Tadel die bösen Socialisten oder die Antisemiten gemeint. Der Verein sei unter solchen Umständen ganz auf sich angewiesen, und so arbeite er emsig und stillsort, hauptsächlich darauf bedacht, die Masten für sich zu gewinnen. Die Mitgliederanzahl stieg auf 4520; wenn jedes derselben die Intentionen der Vereinsleitung nach besten Kräften unterstütze, dann werden die Früchte der Thätigkeit nicht auSbleiben. Die Versammlung nahm den Bericht mit lebhafter Zustimmung auf. Mehrere Redner bezeichneten eS als wünschenswerth, daß die Mitglieder sich an der Propaganda lebhafter a'S bisher betheiligen. denn die Situation sei beicitS eine ernste. Die Antisemiten in Wien gehen, wie Vorfälle der letzten Zeit darthun, zur That über, und wenn dem Vereine auch in seinem Wirken, namentlich gegenüber Vorgängen der rohesten Brutalität, die ein Einschreiten der Regierungsgewalt herausforde rn, enge Grenzen gezogen stnd, so sei doch zu hoffen, daß eine richtige Aufklärung der Menge, daß ferner eine rege Betheiligung aller Mitglieder an der Agitation Abh lfe schaffe. Lebhaften Anklang fand die Anregung des Präsidiums, eine Abtheillmg für Rechtsschutz zu gründen, die in Fäll n antisi tückischer Ausschreitungen und Bedrohungen zu interveniren hätte Zum Schluffe wurde die Vereinsleitung einstimmig wiedergewählt. Nottingham. Der ehrwürdige Pater Ignatius besuchte vor Kurzem unangemeldet die hebräischen Klassen der Neligionsschule unserer Stadt, welche von den Herrn Reo. Harris Cohen und Nev. S. Schloß geleitet werden. Er bezeugte sein lebhaftes Interesse für die Anstalt. Ein sechsjähriges Mädchen Namens Gertie Pohser, erweckte sein besonderes Wohlgefallen durch den fehlerlosen Vortrag des Nachtgebetes in hebräischer Sprache, daß er einen Shilling aus der Tasche zog und ihn der Kleinen schenkte. Dann hielt Pater Ignatius eine Ansprache an die Schüler. Er sagte, sie mögen sich mit berechtigtem Stolze Juden und Jüdinnen nennen, denn ne seien die Kinder von Gottes besonderer Liebe. Den Juden habe der Allmächtige die große Aufgabe zugetheilt: Wahrheit und Aufklärung unter allen anderen Nationen der Erde zu verbreiten. Er sagte, daß er die Juden deshalb mit großer Achtung behandle, und als er ein Knabe war, unterließ er es nie, an einen» alten Juden vorüber zu gehen, ohne den Hut zu ziehen. Er empfahl den ftütöent, auch Palästinas nicht zu vergessen, der Statte ihrer großen geschichtlichen Vergangenheit. Er sprach ferner die Hoffnung aus, daß sie Alle, einmal groß geworden, brave Juden und Jüdinnen sein würden. Am Schlüsse seiner Rede stimmten die Kinder das „Adon-Olam" an. Während Pater Ignatius' Ansprache, welche eine Viertelstunde währte, waren die