Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-06-24 · Heft 50 (24.6.1895) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 50 (24.6.1895)
Date
1895-06-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448606--40956-2489892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

905 der um Gottes willen geführt wird, dessen Endzweck ist auf das Erhalten gerichtet und jeder Streit der, nicht um Gotteswillen geführt wird, deffen Endzweck ist nicht auf das Erhalten gerichtet." Diese Auffassung giebt uns einen erprobten Werthmeffer, mit Hülfe dessen wir sofort den sittlichen oder unsittlichen Kern eines jeden Streites feststellen können. Vielleicht war ein solcher Werthmesstr nie mehr von Nöthen als in unserer Zeit, deren ganze Signatur, Kampf und Streit, derart ist, daß sie das ganze Leben einen Kampf ums Dasein nennt. Im politischen und socialen, im bürgerlichen und religiösen Leben, stehen sich alle als sich bekämpfende Parteien gegenüber. Die Völker stehen btS an die Zähne bewaffnet an der Grenze ihrer Länder kampfbereit da. Im socialen Leben stehen sich die Besitzenden und die Enterbten wie zwei kriegsführende Mächte gegenüber und erwarten täglich, stündlich den Ausbruch des Kampfes. Im religiösen Leben befehden sich Parteien und Sekten selbst innerhalb eines und desselben religiösen Bekenntniffes, bis aufs Aeußerste. Aus welcher Sette ist das Rechts Wer kämpft mit lauterer, wer mit unlauterer Absicht? Alle reklamiren sie für sich die Reinheit der Gesinnung und die Selbstlosigkeit ihrer Absichten. Welches ist ein Streit um Gottes Willen, welcher wird nicht für den Willen Gottes gekämpft? Es ist schon deshalb ungemein schwer diese Fragen zu beantworten, weil jeder, der sie stellt, selbst Partei ist. Aber im Allgemeinen dürfte sich doch auch für die Kämpfe unserer Tage die erprobte Väterweisheit bewähren, wenn sie uns lehrt, daß wir die Lauterkeit der Absicht am sichersten da suchen und finden dürfen, wo der Streit für die Erhaltung und nicht wo er für die Zerstörung geführt wird. Z'rstören ist leicht, Erhalten ist schwer. Wer den Kampf gegen wirkliche oder vermeindliche Mtßstände aufnimmt, hat gewiß, sei es auf politischem, sei es auf religiösem Gebiet, eine verdienstvolle That vollzogen. Aber nur dann, wenn ihm im voraus klar ist, was dann an die Stelle des zu Zerstörenden treten soll, falls die Zerstörung gelingt. Wer aber Bestehendes bekämpft, dagegen zur Schaffung neuer, besserer Zustände keine Befähigung, ja meistens nicht einmal Neigung hat, der kämpft meistens aus Zerstörungslust aber nichts weniger als um des Himmelswillen, db6. Wenden wir diese Wahrheit auf die Kämpfe innerhalb der zeitgenössischen Judenheit an, so sind diejenigen gerichtet, welche unter dem Kampfruf: „Reform!" dem bestehenden Judenthum den Streit entboten haben. Sie haben große Zerstörungen angerichtet, sie haben die Pietät für Gott und sein Gesetz aus ungezählten tausenden von Geistern und Gemüthern gerissen, was haben sie erhalten, was haben sie an Stelle deffen, was sie bekämpft und vernichtet haben, zu setzen vermocht? Nichts, weniger als nichts. Das ganze, so pomphaft inscenirte Unternehmen hat mit einem schmählichen Fiasko geendigt. Die schönen Versprechungen von geläutertem Judenthum, religiöser Bildung und Aufklärung, veredeltem Gottesdienste, Beseitigung aller soc'alen Schranken nach Aufhebung der religiösen, alles, alles hat sich als Täuschung und Blendwerk erwiesen. Diejenigen, welche diesen frivolen Kampf eröffnet haben, mochten vielleicht an den Siegespreis glauben, den sie in Aussicht stellten, aber wer erfüllt war von D'Mn n:io*, vom Vertrauen zur der Weisheit der Wersen mußte sich damals schon sagen: „Jeder Sireit, der nicht das Erhalten zum Endzweck hat, wird nicht um Gottes Willen geführt." (Fortsetzung folgt.) Zeitnngsnachrichte« und Correspoudeuzeu. Deutschland. Mainz. Eines der interessantesten Kapitel der jüdischen Geschichte bildet jedenfalls die Entstehung der jüdischen Namen. Nur gar zu oft ist man geneigt die Etgenthümlichkeiten der jüdischen Zunamen von der scherzhaften Sette zu nehmen. Man hat die Juden in geographische, animalische, botanische, mineralogische und sonst noch allerlei eingethetlt. Und doch! welch furchtbarer Ernst liegt für den Kenner der jüd. Spezial-Geschichte in der Entstehung dieser Namen. Da wurde der eine durch obrigkeitlichen Zwang bestimmt, sich irgend welchen abscheulichen Namen beizulegen; eines anderen Städtenamen erinnert an die Vertreibung oder an den Bann der zur Zeit mittelalterlicher Finsternis in dem betr. Orte stattgefunden hat. Ein in dieser Beziehung hochinteressantes Werk, dessen ausführliche Besprechung wir uns noch Vorbehalten, ist das soeben im Verlage von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. unter dem Titel: „Beiträge zur Geschichte der Juden in Deutschland. Erster Thetl: Geschichte der Juden in der Kurplatz" erschienene Buch des Herrn Beztrksrabb. Dr. L. Löwenstein in Mosbach. Dasselbe hat namentlich für die Besitzer der folgenden Namen besonderen Werth: Ahrweiler, Arnstein, Auerbach, Bacharach, Bamberger, Bensheim, Berin, Bing, Bodenheim, Brüll, Brilin, Elsässer, Et h au sen , Ettling er, Fleh ing er, Fränkel, Fried mann, Fürst, Fürth, Gr otwohl, Hachenburg, Halle, Helmann, Heß Karlebach, Katzenelnbogen, Koma, Lehren. May, Neugaß, Oppenheimer, Rapoport. Reckendorf, Retnganum, Reis, Riech,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.