Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1895)
- Date
- 1895-06-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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897 man erst aufgeklärte Lehrer haben. Die Richter, Geistlichen und Beamten wüsten während ihrer Studienzeit Gelegenheit haben, ein gesundes Urtheil über die jüdischen Lehren zu gewinnen, um das Volk richtig erziehen zu können. Es würde sich daher empfehlen, da, wo der Staat diese Mittel nicht bewilligen will oder kann, aus privaten Mitteln eine talmudische Docentur zu bestreiten. Wir meinen, daß die Juden, die nie gefehlt haben, wo es galt, Wiffenschaft und Bildung zu fördern, gerne bereit sein werden, ein solches Werk mit Rath und That zu unterstützen. Uebrigens beweist die conservative Partei in Deutschland immer mehr, daß sie sich in nichts von der antisemitischen unterscheidet. Sogar die edle Sprache der Radauhelden hat sich das conservative Centralorgan zu eigen gemacht. Was soll sonst der geschmacklose Ausdruck „Judenschützer" bedeuten? Daß es keine Schutzjuden mehr im Reiche gibt, so viel Kenntniß von der Retchsverfaffung darf man doch wohl bet einem politisch sein wollenden Blatte voraussetzen. Die Juden sind wie die Bekenner des anderen Glaubens vollberechtige Bürger und bedürfen keines besonderen Schutzes. Wer gegen die Ausschreitungen des Antisemitismus kämpft, der schützt nicht die Juden, sondern die Ehre des Vaterlandes, das allgemeine Wohl, den Grundpfeiler einer jeden ehrlichen Politik, die Cultur und die Moral. Das ist wahrlich eine Aufgabe, würdig eines jeden edlen Bürgers und eines jeden einsichtsvollen Politikers. Wer für würdige Ideale eintritt, ist Optimist. Wir verzagen daher auch in ernster Zelt nicht und lasten uns den Glauben an das Gute und Edle im Menschen nicht rauben. Die Geschichte hat gar manche finstere Periode aüfzuwetsen, und das Recht und die Wahrheit waren sehr oft in der Minorität. Und doch war dieser Glaube an die Macht des Idealismus stets die einzige Stütze der Edelsten aller Zeiten und aller Völker. Wir warten also, bis die Vernunft über die geistige Verirrung, die Liebe über den Haß siegen wird. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen Deutschland. Mainz, 17. Juni. Es wird die geehrten Leser unserer Zeitung interessiren, zu erfahren, daß eine der Erzählungen des Begründers dieser Blätter: Die Familie y Aquylar, welche vor einigen Jahren als Beilage zum „Israelit" in Buchform erschien, von Professor M. Braunstein in Bacau in Rumänien für das Hebräische Tageblatt „Hamelitz" übersetzt worden ist und daß gegenwärtig mit dem Abdruck derselben, ebenfalls in Buchformat, begonnen wird. Es freut uns, daß diese herrliche Erzählung, eines der unsterblichen Meisterwerke unseres Vaters, auch den vielen Tausenden russischer Leser des „Hamelitz" zugänglich gemacht wird. Fürth, p'D V'd: Heute am ersten Jahrzettstage des leider so früh, sowohl für seine Familie als auch für die hiesige Watsenanstalt und für ton* ^2 verstorbenen Dr. Köntgshöfer rw thhd 211 können wir nicht umhin öffentlich seiner ganz besonderen Verdienste um das Gedeihen genannter Anstalt zu gedenken. Es ist nicht zuviel, wenn wir behaupten, diese Musteranstalt verdankt ihre Fortschritte bis zur heutigen Höhe einzig und allein seiner eminenten Schaffenskraft, wobei seine Gattin die im Sinne des Wortes die Mutter der armen Waisen ersetzte, ihm ebenbürtig zur Seite stand. Gebe n^npn, daß eS der Verwaltung, die redlich bemüht war, einen vollen Ersatz in der Person deS Herrn Rabb. Dr. Deutsch zu finden, gelingt das d'dut m in dem Sinne des hochseltgen fortzuführen. Wir selbst, und alle die den Verstorbenen näher kannten, werden seiner Thätigkeit, für die er in py p seinen w genießt, stets gedenken, und wünschen der Wtttwe und den Kinder», daß ihnen reicher Lohn schon nrrf utoya wird. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wist», 12. Juni. Gestem Nachmittags wurde in Währing die Bedienerin Albertine Höfling er von einem Sicherheitswachmanne arretirt, weil sie bettelnd von Geschäft zu Geschäft ging und dabei erzählte, ihre zwölfjährige Tochter Hermine sei seit Sonntag abgängig und von Juden gestohlen worden. Sie behauptete, das Blut ihrer Tochter im Fürstengarten gesehen zu haben, wohin ein rothhaariger Jude das Kind führte und zu rituellen Zwecken ermordet habe. Das Polizei- Com-- missariat Währing hatte sofort über den Verbleib der Tochter der Höflinger Erhebungen eingeleitet und festgestellt, daß sich das Mädchen seit seiner Geburt bei der Mutter aufgehalten und sich in den letzten Tagen gar nicht vom Hause entfernt hatte. Hermine Höflinger wurde von den behördlichen Organen im Zimmer ftisch und munter angetroffen. Albertine Höflinger hatte auch bei ihrer Anhaltung einen falschen Namen angegeben. Heute hatte sich nun Albertine Höflinger vor dem Bezirksgerichte Währing wegen Verbreitung falscher und beunruhigender Gerüchte und Falschmeldung zu verantworten. Unter den Zeugen, die zur heutigen Verhandlung vorgeladen waren, befand sich auch Pfarrer Deckert von Weinhaus, weil die Angeklagte auch bei ihm gebettelt und ihm das Märchen von dem gestohlenen und gemordeten Kinde erzählt haben soll. Die Angeklagte leugnete anfangs, von Hans zu Haus gegangen zu sein und gebettelt zu haben, sie will nur in ein Bäckergeschäft getreten sein, um eine Semmel zu kaufen. Die Angeklagte bestreitet auch, erzählt zu haben, daß das Kind von Juden ermordet worden sei, sie will nur erzählt haben, daß ihre Tochter seit Sonntag abgängig sei. Albertine Höflinger, welche fortwährend weint, giebt eine unzusammenhängende Darstellung und behauptet schließlich, geistig nicht normal und zur Zeit ihrer Verhaftung ein wenig betrunken gewesen zu sein. Der erste Zeuge, Wachmann Lisch k a, bestätigt die