Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-06-20 · Heft 49 (20.6.1895) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 49 (20.6.1895)
Date
1895-06-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448605--40946-2489881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

896 Vater verlangen. Der Staat darf, wenn er das Ansehen im Volke nicht einbüßen will, den ungesunden Zettströmungen keinerlei Concessionen machen und mutz stets den rechtlichen Standpunkt wahren. Allein, wollte auch der Staat an die Lösung dieser gewaltigen Aufgabe Herangehen, so würde er bald vor deu großen Hinterniffen, die sich auf dem Weg sofort zeigen, zurückschrecken. Die Sache ist keineswegs so leicht und einfach, wie die genialen Antisemiten sich in ihrer süßen Naivität denken. Bor allem dürfte e8 schwer fallen, die geeigneten Gelehrten für diese Uebersetzung zu finden. Das Studium des Talmud unter den Christen ist nicht immer modern gewesen, und mit Ausnahme Reichlin's wird man in den vorigen Jahrhunderten kaum einen Christen aufwetsen können, der sich ernstlich mit dem Talmud befaßt hat. Diese Forschung, in der sich christliche Theologen der letzen Decennien mit Erfolg versucht haben, ist also blutjung für die Nichtjuden, und die meisten Forscher auf diesem Gebiete sind Schüler von Juden. Man wird hier also beim besten Willen ohne jüdische Gelehrte nicht gut fertig werden. Das wäre aber doch kaum im Sinne der Antisemiten. Und angenommen, Strack, Nöldecke und noch einige christliche Talmudkenner würden allein, ohne Hilfe der Juden, diese Aufgabe zu lösen versuchen, würden die Antisemiten sich damit zufrieden geben? Nein, so lange man nicht die Rohling, Deckert, Ecker und wie die Ignoranten und Charlatane alle heißen mögen, mit dieser Aufgabe betraut, solange werden ursere Racenwissenschaftler sich nicht beruhigen. Ueberhavpt ist es für Jeden, der auch nur eine Ahnung von Judaica und Hrbraica hat, klar, daß eine gelungene Uebersetzung des Talmud oder Schulchan Aruch wohl eine Bereicherung der Wissenschaft und eine Erleichterung für den Fachgelehrten bedeuten würde, aber niemals den Zweck haben wird und kann, den gebildeten Laten oder gar den Mann aus dem Volke in diese schwierige Wissenschaft einzuführen. Die Schwierigkett des Verständnisses liegt hier nicht in der Sprache, sondern im Inhalt, und der Laie wird sich daher stets mit Werken über den Talmud und mit guten Auszügen begnügen müssen. Will man den Talmud wissenschaftlich erfassen, so muß man zuerst viele Vorstudien machen. Man muß erst die Zeit und die Art der Entstehung dieses imposanten Sammelwerkes begreifen lernen, und das allein fetzt schon ein langes Studium voraus. Ein inS Deutsche übersetzter Talmud würde für den Laien ebenso wie der im Urtext ein Buch mit sieben Siegeln sein. Man denke sich das Corpus juris inS Deutsche übertragen, würde der Nichtjurtst etwas davon verstehen? Nein, er muß erst in diese Anschauung eingeführt werden, muß erst juristisch denken lernen, und talmudtsches Denken ist noch schwieriger als juristisches. Jeder, der sich mit einer Wissenschaft ernstlich befaßt hat, weiß wohl, daß der gewöhnliche gesunde Menschenverstand allein nicht immer ausreicht, daß man schließlich für jede Wissenschaft eine besondere Neigung und besondere Schulung haben muß. Der Naturforscher steht die Natur mit anderen Augen an als wir, denn das Auge muß erst geschult werden, um die Geheimnisse der Natur wahrzunehmen. Der Laie wird ein nicht volksthümltch geschriebenes Lehrbuch der Physik, der Physiologie und der Chemie schlecht verstehen, wenn es auch in fciitcr Muttersprache abgefaßt ist. Es existirt eine ausgezeichnete streng w ffenschaftltche Uebersetzung einiger Talmudtraktate im Französischen aus der Feder des verstorbenen Rabtnowisch, aber außer den Fachgelehrten kennt niemand die Existenz dieses großangelegten Werkes. Wem also soll die Uebersetzung nützen? Vollends absurd wird diese Forderung der Antisemiten durch die Bezeichnung Geheimlehre. Es gibt fast keine öffentliche wissenschaftliche Bibliothek, in der der Talmud nicht aufltegt, und wer ihn studiren will und kann, dem ist wahrlich Gelegenheit genug dazu gegeben. Wie sehr gefährlich der Talmud ist, mag am besten daraus hervorgehen, daß er in Rußland unter Aufsicht der strengen kaiserlichen Censnr fortwährend verlegt wird. Die Censoren, die verpflichtet sind, jede Zeile sorgfältig zu lesen, entdecken also weniger Gefährliches im Talmud alS der famose Deckert, der trotz seines ausgeprägten Geschäftssinnes sich der Aufgabe nicht unterziehen wollte, zwei Sätze aus dem Talmud für 1000 fl. zu übersetzen. Ist also dies Verlangen unbillig und dessen Erfüllung schwer durchzuführen, so wäre es dagegen sehr wirksam, wenn der Staat an jeder Universität einen Lehrstuhl für talmudische Wissenschaften einrichten wollte. Populäre Vorlesungen über daS Wesen und die Ethik des Talmud, die einen öffentlichen Charakter tragen müßten, wären von dieser autoritativen Stelle aus von eminenter Bedeutung. Es werden ja an unseren Hochschulen so viele überflüssige Fächer gelehrt, warum soll es also nicht der Staat als seine Pflicht erachten, auch über die jüdischen Alterthümer, die für den christlichen Theologen, für den Juristen wie für den Gebildeten überhaupt so viel Jnteressehaben, das Volk und vor allem die studtrende Jugend aufzuklären? Wie fruchtbar diese Thättgkeit werden kann, das wird jeder Freund der Bildung einsehen. Ja, eine wirkliche Abwehr des Antisemitismus, d. h. eine Bekämpfung des Aberglaubens und der Vorurtheile und eine Aufklärung der Irrenden können wir uns nur von einer gedeihlichen, gesunden Volksbildung versprechen, und um gutej Schüler zu erzielen, muß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.