Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1895)
- Date
- 1895-06-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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898 Anzeige vollinhaltlich. Zeuge Joseph Deckert, Pfarrer von Weinhaus, gibt an, daß die Angeklagte wohl bei ihm gebettelt habe, ihm jedoch nichts vom rothen Manne erzählt hat. Sie habe nur behauptet, ihre Tochter sei abgängig. — Richter: Hat sie von den Blutspuren erzählt? — Zeuge: Nein. Nachdem mehrere Zeugen den Thatbestand bestätigt hatten, ging der Richter mit einem Schuldspruche vor und verurtheilte Albertine Höflinger wegen Uebertretung des §. 308 (Verbreitung beunruhigender Gerüchte), 8. 320 St. G. (Falschmeldung) und §. 2 des Vagabunden-Gesetzes (Betteln) zu einem Monate strengen Arrests. Die Angeklagte wurde gleich in Haft behalten. vermischtes. Berlin. In dem Militär- und Sanitäts-Verein „Deutsches Vaterland" hielt (am vergangenen Mittwoch) vor zahlreicher Versammlung Herr Dr. med. Moses einen Vortrag über den Antheil der Juden an den Befreiungskriegen. Redner ging zunächst auf den von antisemitischer Seite den Juden gemachten Vorwurf der Vaterlandslosigkeit ein, beleuchtete die Haltlosigkeit desselben, die um so mehr hervortritt, als die Juden zu Anfang dieses Jahrhunderts von jeglichem Militärdienst ausgeschlossen waren. Erst durch das Edict vom März 1812 wurden sie in den Staatsorganismus eingereiht und der Verfassung nach ihrer bisherigen Ausnahmestellung entrückt. Und als nun im Jahre 1813 der preußische König sein Volk gegen den corsischen Bedrücker unter den Fahnen rief, da regte es sich auch unter den Juden. Der Geist der Maccabäer, der lange Jahrhunderte hindurch nothgedrungen geschlummert hatte, erwachte von Neuem. In Haufen eilten jüdische Jünglinge als Freiwillige zum preußischen Kriegsheere, jüdische Aerzte und Wundärzte waren bei der Behandlung der Verwundeten thätig, jüdische Frauen und Mädchen scheuten weder Anstrengung noch Rücksicht um Hülfe und Trost zu bringen und merkwürdig — in dieser Zeit der Noth fragte man nicht nach Glaube und Abstammung. Die jüdischen Soldaten zogen ins Feld, gemeinschaftlich mit ihren christlichen Mitbürgern erduldeten sie dieselben Strapazen, schlugen dieselben Schlachten, bluteten für dasselbe Ziel und dasselbe Vaterland und kehrten in ihre Heimath zurück mit denselben Ehren, demselben Ruhm und denselben Kriegsthaten, wie ihre christlichen Kameraden. Die volle amtliche Anerkennung und die diesbezügliche Denkschrift kommt nach einer ausführlichen Darstellung über das lobenswerthe Verhalten der Juden im Kriege zu folgendem Schlußresultat: „Faßt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf man als erfahrungsmäßiges' Resultat annehmcn, daß die Juden des preuß. Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im Allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben, insbesondere die jüdischen Neligionsverhältnisse nirgends als ein Hinderniß beim Kriegsdienst hervorgetreten sind." Genau läßt sich die Zahl der Juden, die am Befreiungskriege Theil nahmen und den Heldentod starben, nicht feststellen, die feststehenden Ziffern aber und die Urkunden, dje in ziemlich zahlreicher Menge in den einzelnen Synagogen-Gemeinden amtlich beglaubigt sind, ergeben, daß in den Jahren 1813—15 500 Juden, also etwa 5 i/z o/o der im wehrfähigen Alter sich befindlichen Juden als Freiwillige in den Befreiungskriegen mitgekämpft haben. Die Zahlenverhältnisse stimmen auch ungefähr mit den Ermittelungen des Preuß. Kriegsministeriums überein. Unter diesen 500 befinden sich eine ganze Anzahl, die mit dem eisernen Kreuz (z. B. von Berlinern allein 6 jüd. Offiziere) decorirt, eine fernere Anzahl (v. Berlin 3) zu Offizieren befördert worden sind. Der eine von ihnen war der als Lehrer an der Kriegsschule thätige Major Burg. Als Beläge wurden dann vom Vortragenden verschiedene amtliche Dokumente von mehreren jüdischen Gemeinden (Jnowrazlaw, Brandenburg, Magdeburg 2C.) vorgelesen, aus denen die Opferwilligkeit der Juden für das Vaterland um so mehr hervorgeht, als sie sogar die Ausrüstung und Besoldung der Freiwilligen übernommen hatten. Das den Juden von amtlicher Seite so vielfach gezollte Lob mußte selbstverständlich zu einer erhöhten Begeisterung anspornen und so sehen wir denn auch, daß ca. 4000 Juden in den Feldzügen 1864, 1866, 1870j71 genau mit derselben Hingegung wie ihre christlichen Mitbürger für das Vaterland gekämpft und geblutet haben. Redner schloß daun mit den Worten, daß der Jude, auch wenn ihm von gegnerischer Seite noch so sehr der Vorwurf der Vaterlandslosigkeit gemacht wurde, er dennoch nicht voll Erbitterung abseits stände, sondern stets eingedenk der Worte sei: „An's Vaterland an's theure schließ dich an, das halte fest, mit deinem ganzen Herzen." In überaus großem Maaße gespendeter Beifall dankte dem Redner. In der sich daran anknüpfenden Debatte wurde unter allseitrger Zustimmung auf Anregung des Vortragenden beschlossen, so weit es jeder vermag, Material über das hochinteressante Kapitel aus der preußischen Geschichte in den Heimathsorten zu sammeln und dasselbe dem Dr. med. Moses, Greifswalderstr, 217, behufs gründlicher Bearbeitung zu übermitteln. BreSlau. Am y'? feierte der Cantor Herr M. Schwarzberg dahier, das Fest seiner Silberhochzeit und sein 25jähriges AmtSjubiläum. Die Feier gestaltete sich zu einem wahren Fest- und Freudetag. Schon am vorhergehenden Sonnabend wetteiferten beim Frühgottesdienst der Vorstand der Tempelgemeinde, (woselbst der Jubilar seit 18 Jahren fungirt) mit den Gemeindemilgliedern durch verschiedene Ehrungen und Ovationen, am Festtage selbst erschien der Vorstand deS Jubilars und überreichte ihm als Zeichen der Würde und Hochachtung, unter Worten der Anerkennung, eine sehr ansehnliche Summe in baarem Gelde als Geschenk; das Rabbinat der hiesigen Synagogen- Gemeinde, Herr Rabbiner Dr. Rosenthal und der pN Rabbi S-^LewinSki ließen es sich nicht nehmen dem