Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1895)
- Date
- 1895-06-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448605--40945-2489880- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXVI. Jahrgang. Zweite Beilage M M 49 des „Israelit". Leitender Artikel. Die staatliche Urüfung der jüdischen „Hesteimkestre". Unter dieser Ueberschrift bringt daS in Wien erscheinende „Freie Blatt" einen Leitartikel, dem wir folgende bemerkenswerthe Stellen entnehmen: Die Antisemiten im deutschen Reichstage haben auch dieses Jahr ihre Petition wiederholt, der Staat möchte den Talmud übersetzen und untersuchen lassen. Aber das Schicksal der Petition war auch diesmal das denkbar traurigste. Trotz aller Anstrengung der Straßen- und Salonantisemiten, des Pöbels in Lumpen und Seide, ist dieses famose Gesuch nicht einmal der Berathung im Plenum gewürdigt worden. Es wurde in der Commission begraben, und Niemand weinte ihm eine Thräne nach. Merkwürdig ist es, daß auch die vornehmen Conservativen dies, mal im Chore der Antisemiten mitwirkten, um den Radaubrüdern, deren Hilfe man bet den Wahlen oft nicht entbehren kann, gefällig zu sein. Die „Conservative Correspondenz", die im sensationellen Antisemitismus die einzige Würze sieht, um ihre Spalten etwas pikanter zu gestalten, beeilte sich schon vor einigen Wochen folgende ebenso feine als geistreiche Bemerkung zu machen: „Diesem Verlangen gegenüber dürften sich, so sollte man meinen, die Juden und Judenschützer nicht ablehnend verhalten. Wäre das Buch so harmlos, wie die Juden es schildern, oder würde es thatsächlich bet dem Unterrichte der israelitischen Jugend gar nicht mehr benützt, dann hätte es doch keinen Sinn, wenn sich die Rabbiner gegen eine authentische Uebersetzung sträuben wollten. Allein man hat schon die erstaun, liche Wahrnehmung machen müssen, daß die Juden selber, sobald man sie nach einer deutschen Ausgabe des Schulchan Aruch fragt, mit der Ausrede antworten, die Juden verständen das Buch auch in der Ursprache, eine deutsche Ausgabe sei unnöthig. Solchen Verdunklungsbestrebungen gegenüber ist es nothwendtg, in authentischer Form Klarheit zu schaffen, und das Reich kann um so weniger Bedenken tragen, in dieser Frage thatkräftig einzugreifen, als die liberale Regierung des Großherzogthums Baden schon vor längerer Zeit gegen die Verwendung des Schulchan Aruch als Lehrbuch eingeschritten ist." Trotz der apodiktischen Sicherheit, mit der das conservattve Centralorgan zu schreiben beliebt, bleibt die Sache doch eine — Ahlwardt'sche Behauptung, oder eine Deckert'sche Wahrheit. Wir haben bis jetzt keine einzige Stimme wahrnehmen können, die sich gegen eine wissenschaftliche, objektive Uebersetzung des Schulchan Aruch, des Talmud oder des hebräischen Schriftthums überhaupt erhoben hätte. Wir meinen, die Juden könnten nur vom Herzen wünschen, daß die berufenen Männer der Wissenschaft sich mit ihrer Stttenlehre und ihrer Literatur befassen, denn durch nichts könnten die an Wahnwitz grenzenden Behauptungen der Hetzapostel über Juden und Judenthum so leicht zerstört werden als durch die wissenschaftliche Aufklärung. Was jeder Gebildete vom Herzen bedauern muß, das ist, daß die sogenannten Judenfrage in den Dunstkreis der rohen Leidenschaften hinabgesunken ist, daß das künstlich verhetzte Volk mehr auf die wilden Jnstincte als auf die Stimme der Vernunft hört. Die gebildeten Juden haben mit Freuden die Forschungen der christlichen Gelehrten auf talmudischem Gebiete begrüßt, weil sie sich davon nicht allein einen wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch eine Klärung der Meinungen und eine Versöhnung der Gegensätze versprachen. Sie haben es dankbaren Herzens anerkannt, daß die christlichen Theologen die ersten waren, die eine wissenschaftliche Exegese des hebräischen Schriftthums geschaffen haben, und Niemand hat diese Errungenschaften der rationellen Bibelforschung mit so vielem Erfolg verwerthet als die jüdischen Gelehrten. Es würde also sicherlich Niemand etwas dagegen haben, wenn eine Commission von Gelehrten sich dieser schwierigen Aufgabe der Talmudübersetznng unterziehen wollte. Ja, jeder Freund der Wahrheit würde gern bereit fein, dieses große Werk thatkräftig zu unterstützen. Allein der Staat als solcher hat weder die Pflicht noch das Recht, sich mit dieser Angelegenheit zu befassen. Wir leben heute nicht im mittelalterlichen, sondern im modernen Culturstaat. Die gerechte Parität und die volle Gewissensfreiheit können nur dadurch gewahrt werden, daß der Staat die Religion als Privatsache erklärt und sich um sie gar nicht bekümmert. Es kann nicht die Aufgabe einer ztelbewußten Regierung sein, sich mit den Religionsbestimmungen oder Ceremonien und Ritualen einzelner oder mehrerer Bürger zu beschäftigen, sie zu prüfen und zu erörtern. Für den Staat und das Gesetz gibt es keine Inden und Christen, sondern nur gleiche Staatsbürger, denen die RcltgionS- und Gewissensfreiheit garantirt ist. Was geht also den Staat diese Sache an? Mit demselben Rechte könnten Juden und Protestanten vom Staate die Uebersetzung und Untersuchung der Lehren der Kirchen-