Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1895)
- Date
- 1895-06-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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891 welcher der erste war, der den Titel Oberrath führte. Zuerst war -ma Rabbiner in Muttersbolz, dann in Schlettstadt, wo er 53 Jahre wirkte. Noch sitzt erzählt man dort von seinen zu Herzen gehenden Predigten, die er in deutscher so gut wie in französischer Sprache halten konnte. Er war geliebt von Groß und Klein und hochgeachtet von Jedermann; er besaß eine Feinheit in seinem Wesen, die ihm die Sympathieen aller, die mit ihm in Berührung kamen, im Fluge gewann. Mit 80 Jahren legte er zum Bedauern des ganzen Bezirkes sein Amt nieder und siedelte zu seiner Tochter in Häringen bet Basel, spater nach Markolsheim über. Noch wenige Monate vor seinem Tode hielt der schon 93jährige alte Mann eine ^ftündige Predigt, die alle Anwesenden zu Thränen rührte. Bis kurz vor seinem Tode hörte vwa 'i nicht auf zu lernen und er zeichnete sich bis zuletzt durch scharfen Verstand und zuverlässiges Gedächtntß aus. Am Donnerstag den 13. Juni Morgens 8 Uhr fand die Beerdigung statt, zu der trotz der frühen Stunde die Vorsteher der umliegenden Gemeinden, insbesondere der Gesammt-Vorstand von Schlettstadt sich etngefunden hatten. In der Synagoge sprach zuerst der jetzige Rabbiner in Schlettstadt, Herr Wahl, einige Worte. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. Cohn in Basel einen “?&Dn, in welchem er die Gelehrsamkeit, die Ueberzeugungstreue und Charakterfestigkeit hervorhob, mit der n an dem überlieferten Judenthum festhielt. An der nahm nicht nur die ganze jüdische Gemeinde, sondern auch der Bürgermeister und der Stadtrath und viele Honoratioren theil. Von Rabbinern bemerkten wir die Herren Rabbi Bamberger vonSennheim, Dr. Wolf- Colmar, Weil—Rappoltswciler und Schüler— B o l l w e i l e r, welcher auf dem nnapn rra in Schlettstadt einen i£dh hielt. Das Andenken von b11' rso n wird fortleben in den Herzen aller, die ihn kannten. mwn Rußland. Petersburg. (Die Koschertaxe.) Es ist hier oft erwähnt worden, daß die von den Juden bezahlten Spezialtaxen gesetzlich nur für jüdische Wohlthätigkeitswerke angewendet werden sollten, daß indeffen die Beamten und städtischen Angestellten des Territoriums sich nicht genirten, denjenigen Theil dieser Abgaben, der zu Ende jedes Jahres übrig bleibt, anders zu verwenden. Der Woskhod vom 19./31. März und vom 26. März /7. April giebt einige neue Beispiele dieses unrichtigen Verfahrens. Dieselben sind charakteristisch und verlohnen stch, erwähnt zu werden. I. Der Gouverneur von Wolhynien hat befohlen, daß alle städtischen und ländlichen Gemeinden der Provinz ihre Feuerlöschanstalten auf Kosten der Koschertaxe in Stand setzen oder überhaupt neu gründen sollten. II Der Minister des Innern hat die Gräfin Bremicka, Besitzerin des Fleckens Belaya-Tserkof, autoristrt, 26,000 Rubel von den disponiblen Koschergeldern zu nehmen, zu Anlegung von Abzugskanälen und zur Pflasterung der Straßen des Fleckens. in. Im Jahre 1893 autorisirte der Gouverneur von Befsarabien den Besitzer der Stadt Beltzi, 18,000 Rubel von eben dieser Taxe zur Pflasterung der Straßen zu entnehmen. Der Besitzer wandte nun diese Summe zur Pflasterung des Petersburgers Platzes an, woselbst sich sein Schloß befindet. Im Jahre 1894 erhielt er neuerdings 10,000 Rubel zum selben Zweck. In diesem Jahre verlangte er nochmals 15,000, „zur Ausbesierung des Pflasters." Es ist nicht wahrscheinlich, daß ihm dieselben abgeschlagen werden. IV. Der Besitzer eines anderen Fleckens in Beffarabien, Britchany, hat gleichfalls 28,000 Rubel zur Pflasterung der Straßen erhalten. Er hat sie dazu verwendet, um diejenigen Straßen pflastern zu lasten, die zu seinem Schloß und zu seinem Park führen. V. Der Municipalrath zu Ackermann ist autoristrt worden, 60,000 Rubel von der Koschertaxe zu entnehmen, zur Errichtung einer Secundärschule, doch unter der Bedingung, daß in dieser mit dem Gelde der Juden errichteten Anstalt nur 5% jüdischer Schüler ausgenommen werden. VI Vor l8 Jahren gründete die jüdische Gemeinde zu Berditschef eine Knabenanstalt nach dem Muster der staatlichen Anstalten. Diese Schule, die zuerst 60 Zöglinge aufnahm, wurde bald zu klein und mußte zahlreiche Schüler zurückweisen. Im Jahre 1877 beschloß die Gemeinde 30,000 Rubel von der Koschertaxe zur Gründung einer neuen Schule, die 250 Kinder aufnehmen könnte, zu entnehmen. Bis jetzt waren alle bei den Behörden gemachten Schritte zur Durchführung dieser Maßregel erfolglos. Dagegen hat der Minister die städtischen Behörden autoristrt, alljährlich 12,000 Rubel von der Koschertaxe zu entnehmen, um das Korps der Polizeimannschaften zu verstärken. So wird das Gesetz geachtet, welches vorschreibt die Koschertaxe lediglich zu jüdischen Zwecken zu verwenden. > Vermischtes. (Protestairlerrhetze.) Der Antisemitismus bleibt nicht bei den Juden stehen. Er sucht überall sein Hetzgebiet zu vergrößern und betreibt je nach dem Lande, in dem er Unheil anrichtet, auch Katholiken- und Protestantenhetze. Nach einer Pariser Meldung hielt Georges Thic-haud öffentliche Vorträge über die sogenannte „Protestantenfrage", in denen er zu beweisen sucht, daß der Einfluß der Protestanten ebenso unheilvoll auf die Politik der dritten Republik gewirkt hätte wie angeblich jener der Juden. Wie«. (Israelitisches Blindeninstitut.) Der Jahresbericht pro 1694 enthält folgende Daten: Die Anzahl der ordentlichen Zöglinge, welche im Jahre 1893 im Institute Erziehung und Umerricht genossen, war 44, u. zw. 29 männliche und 15 weibliche. Von diesen traten im Laufe des Jahres 1894 nach vollendeter Bildungszeit 4 Zöglinge aus der Anstalt, dagegen fanden 6 Zöglinge Ausnahme, so daß mit Schluß des Jahres 1894 der Stand der Zöginge 45 betragt. Von den Zöglingen sind 7 aus Wien, 2 aus Böhmen, 8 aus Mähren, i aus Schlesien, 4 aus Ungarn, 18 aus Galizien, 1 aus der Bukowina, 2 aus Rumänien, 2 aus Frankreich, l aus Egypten, i aus Jerusalem. Die