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Der Israelit · 1895-06-20 · Heft 49 (20.6.1895) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 49 (20.6.1895)
Date
1895-06-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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884 Menschenmasse, alles drängte sich nach rechts oder links, um in der Mitte den Durchgang für den Rabbi frei zu lassen. Es war ein schönes Bild, das sich meinen Blicken darbot. Dem Oberrabbiner, Rabbi Schimon Spiro voran schritt der Schammes, ein Greis mit silberweisem Haar iuti> lang herabwallendem Barte, das Haupt mit einem dreispitzigen Hut bedeckt. Da alle sich so nahe als möglich an den Rabbi drängten, mit seine Hand, oder wenigstens den Saum seines Gewandes zu erhaschen und ehrerbietig an die Lippen zu führen, war der Schammes zuweilen gezwungen, Leute, die den freien Raum verengten, mit sanfter Gewalt zurückzudrängen, dann folgte der Rabbi, eine übergroße, ehrfurchtgebietende Gestalt mit der hohen Zobelmütze und dem langen schwarzseidenen, an der Brust reich mit Silberstickereien geschmückten Kaftan. Ans seinem edel geformten Antlitz, von dem ein dunkler Bart bis an den Gürtel niedersank, lagerte der Ausdruck ungewöhnlicher Weisheit, des reinsten innern Gottesfriedens. Zwei Synagogenvorsteber, das flache Filzbarett am Haupte und in deni kurzen seidenen Mantel, hielten nicht ohne Mühe, den Menschenknäul, der sich dem geliebten geistlichen Oberbaupte nachdrängen wollte, zurück. „Der Rabbi, nur langsam voranschreitend, wandte sich, freundlich mit dem Kopfe nickend und den Zuruf „guten SchabboS" mit seiner klangvollen, melodischen Stimme erwiedernd, nach allen Seiten, doch als er sich der Thüre näherte, blieb er plötzlich stehen und winkte zur allgemeinen Ueberaschung, mich zu sich, — und als ich, daran zweifelnd, daß er mein Nähertreten wünsche, mich tief verneigend auf meinem Platze stehen blieb, rief er mit der ausgestreckten Hand auf mich deutend: Tretet doch näher, ich habe Euch etwas zu sagen! Run richteten sich aller Augen auf mich, die Rückwärtsstehenden erhoben sich auf den Fußzehen und reckten die Hälse, um den Menschen zu sehen, den der Rabbi sogar im Gotteshause einer Ansprache würdigt; vor mir spaltete sich die Menschenwoge, so daß ich vor den Rabbi hintreten konnte. „Was befehlt Ihr Mori werabbi?"8) frug ich erstaunt. „Ihr wäret gestern bei meinem Rebenschinr 9 *) und habt eine scharfsinnige Frage gestellt", erwiederte er, „Ich gestehe es, ich mußte längere Zeit über diese denken, bevor ich die richtige Lösung fand. Wenn Ihr mich begleiten wollt, will ich Euch dieselbe mittheilen." Ihr werdet wohl begreifen, daß ich dem Befehl des Rabbi gehorsamte, und so unbescheiden es mir auch erschien an dessen Seite durch 8) Mein Meister und Rabbi. ®) Die Talmudlehrer pflegten in den Morgenstunden einen Talmudtraktat statarisch, in den Abendstunden einen andern kursorisch vorzutragen; die letzter» Vorlesungen wurden Nebenschiur genannt. die belebte Straße zu schreiten, ihn bis zu seinem Hause geleiten mußte. Er theilte mir die Lösung meiner Frage mit, doch erforderte dies so viel Zeit, daß der Rabbi in seiner endlosen Herablassung, die nickt minder groß als sein Scharfsinn und seine Gelehrsamkeit ist, trotz der rauben Witterung, noch längere Zeit vor feinem Hause mit mir stoben blieb. Ja er ging in seiner (güte so weit mich als Gast zu seinem Tische zu laden, was ich mit ergebensten Danke ablehneu mußte." „Ihr babt eö abgelebnt am Freitag Abend am Tische des Kodosck^) zu sitzen?" schrie Dürnfurther verwundert, „das ist ja die höchste Ehre, die einem Bachur erwiesen werden kann! Ich an Euerer Stelle bätte mich glücklich gefühlt und hätte rroch als hochbetagter Greis meinen Enkeln und Urenkeln mit Stolz erzählt, welche Auszeichnung mir einst zu Tbeil wurde; — und verzeiht mir, ich habe erst jetzt erfahren, daß Ihr ein Bachur seid, — ich vermuthete dies früher nicht, weil . . . ." Dürnfurther erröthete heftig, er hatte bislang seinen Zimmerkollegen nicht gehörig gewürdigt, ihn nach unrichtigen Boraltsfetzungen behandelt. „Es fällt Euch wohl auf, daß ich als Knecht bei einem Fleischer diene. Ich bin eben ein mittelloser Manu, weiß mir nicht in anderer Weise mein Brod zu erwerben und sehe auch keine Erniedrigung darin. Ihr seid doch ein Bachur und müßt es wissen, daß die größten Mischna- und Talmudlehrer sich durch schwere und lvas man unrichtig gemeine Arbeiten nennt, ernährt hatten. Diese zählten zu den Leuchten Israels, zu den Größten ihres Volkes — ich bin nichts, — ich bin hier ein Fremder, Unbekannter." Das was Speier sprach bewegte seinen kleinen Zuhörerkreis, uameutlich die gute Ruchome. Sie fühlte heftige Gewissensbisse, daß sie von ihm so gering gedacht und mehr noch so geringschätzig von ihm gesprochen. Die Thränen traten ihr in die Augen, sie mußte inebrmals schlucken, um es zu verhindern, daß ihr jene nicht über die Wangen rollten, Katz aber sprach: „Mein lieber Bachur, Ihr scheint in emmes11) die hohe Ehre, die Euch zu Theil wurde, nicht in ihrem ganzen Umfange zu schätzen. Unser Oberrabbiner erfreut sich in unserer Gemeinde, im ganzen Lande, ja in der ganzetl Judenbeit der höchsten Verehrung. Er ist ein Mustermensch, ein Mufterjude, ein Musterrabbiner. Er vereinigt mit angeborener Klugheit, das reichste talmudische Wissen, wie es sich nur der höchstbegabte durch Riesenfleiß anzueignen vermag. Er lernt^), wenn er nicht mit der Ausübung religiöser, oder seiner Amtspflichten beschäftigt ist, Tag 10) Heiligen Mannes. ") In Wahrheit, in der That. — 12) Studirt.

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