Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1895)
- Date
- 1895-06-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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885;T J^f*fX.-;r^ »■«* L r-C ^^vv •* •' %-5T> und Nacht und schläft Freitag Abend ausgenommen, keine Nacht länger als zweieinhalb Stunden. Seine Frömmigkeit ist vollkommen unerreichbar. Da er ein sehr reicher Mann ist, ist er auch, nach unserem Primator der größte Baal Zdoko^) in der Gemeinde. Seinem inner» hohem Wcrthc entspricht auch sein äußeres Auftreten. Er ist nicht stolz, Gott bewahre mich davor, daß ich so etwas auszusprechen wagte, aber sein ganzes Wesen erweckt so tiefe Ehrfurcht, daß er trotz seiner engelglcichcn Milde unnahbar erscheint. Er besucht, außer Kranke und um einen Todten Trauernde, was ja religiöse Pflicht ist, nie einen Menschen. Wenn er zu einem wohlthätigen oder gemeinnützigen Zwecke einer größern Summe bedarf, beruft er die reichsten Männer zu sich, eröffnet stets die Liste selbst mit einem großen Betrage und entläßt sie sobald die Sammlung geschlossen, ohne sich mit ihnen weiter in inhaltsleere Gespräche einzulassen. Ueberhaupt spricht er nie ein überflüssig, zwecklos Wort und es hat ihn Niemand, irgend einen Menschen auf der Straße oder gar im Gotteshanse ansprechen sehen. Ihr mögt aus alledem ersehen, welche hohe Ehre Euch unser Rabbi erwiesen Euch zu seinem Freitag Abendtisch zu Gast zu laden. Es wunderte mich daß Ihr, trotz Euerer lobenswerthen Bescheidenheit, seine Einladung abgelehnt. Nachdem was ich so eben von Euch gehört, muß ich doch annehmen, daß Euch der talmudische Ausspruch „6ii mesarwin legodol“ ") nicht unbekannt ist." Ein leichtes Lächeln umspielte Speiers Lippen als er erwiederte: „Diese Stelle ist mir allerdings nicht unbekannt, und ich hätte die mich hochehrende Einladung mit Freuden angenommen; allein ich hatte ein religiöses Bedenken." „Ein religiöses Bedenken?" rief Frau Nuchomo lachend, „glaubt Ihr vielleicht, daß beim Rabbi nicht koscher15) gekocht wird?" aber gleich daraus erschrak sie heftig, der Scherz erschien ihr unziemlich, fast sündhaft. „Allerdings ein religiöses Bedenken" wiederholte Speier, „das ich dem Rabbi unterbreitete, der meine ergebenste Ablehnung billigte. Wenn ich bei Eurem Mahle ausgeblieben wäre, hätte Euch beim Tischgebete die zum Mesumenje) nöthige Dreizabl von Männern, auf die Jbr doch gerechnet, gefehlt." Feisch Katz schlug sich leicht an die Stirne und 13) Almosenspender, Wohlthäter. 14) Man darf eines (an Weisheit) Hochstehenden Begehren nicht ablehnen. Bowe Mezia F. 87. 35) Noch ritueller Vorschrift. *6) Dem Tischgebete wird eine erhöhte Weihe zugeschrieben, wenn es gemeinschaftlich vor drei Männern verrichtet wird, von denen einer vorbetet. sprach: „Ich bewundere es, daß Ihr in dem Augenblick, wo der Rabbi Euch die Ehre einer Einladung erwies, itodf; so viel ®tifte$vul;e besessen, daran zu denken . . . Aber sagt mir, wie so kam es, daß Ihr beim Nebenschiur des Rabbi anwesend wart, Ihr ..." Katz räusperte sich verlegen, „seid doch durch Eure Beschäftigung verhindert ,hier Talmudstudien zu betreiben." „Ich habe gestern Nackmittag der Rebeziue n) das Fleisch auf Schabbos ins Haus gebracht und da um diese Zeit bald der Rebenschiur beginnen sollte, waren schon viele Bachurim versammelt. Plötzlich überkam mich eine große Sehnsucht wieder einmal llach langer Zeit aus dem Munde eines großen Lehrers einen Bortrag zu hören. Ich harrte an der Schwelle des Schiurziinniers, und als der Rabbi in dasselbe schritt, erbat ich mir die Erlaubniß dem Schiur anwohnen zu dürfen. Biele Bachurim blickten mit spöttischer Miene auf meine schmutzigen, blutbefleckten Kleider und waren nicht wenig erstaunt, als ick, unbescheiden genug, selbstvergeffend, einem uiüviderffehlickeln Drange folgend, es wagte an dem Pilpul^), der sich zwischen dem Rabbi und seinen Schülern entspann, theilzunehmen, aber da der Rabbi, während er die Einwürfe und Bemerkungen der ariderlt entweder gar keiner Antwort würdigte, oder mit wenigen Worten erledigte, erklärte, ineine Frage sei eine erwägungswerthe, die er erst nächstens nach reiflichem Bedenken beantworten wolle, änderte sich plötzlich das Benehmen der jungen Leute. Sie luden mich ein der Tribüne, auf welcher der Rabbi stand, ilähcr zu treten ltub als sich nach deur Vortrage alle entfernten schloß sich auf der Straße ein junger Mann, dessen feilte Kleidung bewies, daß er aus reickenr Hause sei, mir an, stellte sich mir als Gabbe der Backurim-Ehewre vor und bot mir in unverletzendester Li'eise reichliche Unterstützung aus der Chewre-Eassa an, damit ich, wie er sich zart ausdrückte, nicht nöthig hätte mein Brod in so mühseliger Weise zu erwerben und mich anschließlich mit dem Studiunr der Thoro hakdosclie 19) zu dem ich offenbar berufen, widlnen köllnte, und als ick das mit bestellt Danke, aber mit aller Eittschiedenheit ablehute, erklärte er sich bereit mir aus seinem Eigenen so viel als ich eben zu anständigem Lebensunterbalte bedürfe, vorzustrecken. Er wolle auf die Bezahlung warten so lange es mir beliebe; es falle ihm dies llicht schlver, sein Vater schicke ihm, dem einzigen Sohne, weit mehr als er brauche. Ich dankte ihm herzlich für sciit Woblwollelt und unt ihlt ttichl ztl verletzen, versprach ich ihm ntich im dringenden Bedarfsfälle an ihn zit wenden." i7) Rabbinerin. ls) Controverfe, Disputation, Debatte. i0) Heilige Lehre.