Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1895)
- Date
- 1895-06-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448604--40921-2489855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
872 . sich um die Ertheilung des jüdischen Relig'oiSunterrichts handelt. Hier liegt ein Mißverständnis vor. von dem eS schwer begreiflich ist, wie eS hat entstehen, unbegreiflich, wie es ansteckend sich hat übertragen könne». Der Wortlaut des in Frage stehenden Reskripts liegt nicht vor, wohl aber daS Schreiben an die jüdischen Lehramts-Aspirantinnen, zu dem die städtische Schuldeputation durch jenes Reskript fich bewogen gefühlt hat. Hier ist es: „Nachdem das königliche Prov'mzial-Schulkollegtum angeordnet hat, daß die Verwendung jüdischer Lehrkräfte zur Aushilfe aus diejenigen Fälle zu beschränken sei, in denen es sich um die die Ertheilung deS jüdischen Religions-Unterrichts handelt, ist die Aussicht auf honorierte Beschäftigung im städtischen Dienst für Sie bis weiteres so gering geworden, daß wir Ihnen den Rath ertheilen müssen, vom Hospitieren an den Gemeindefchule» Abstand zu nehmen. Berlin 6. Juni 18V5. Die Städtische Schuldeputation." In Wahrheit hat das Proviuzial-Schulkollegtum nur gethan, was seine Pflicht ist, hat cs nur angeordnet, waS eigentlich selbstverständlich ist, daß nämlich mit der aushtlfsweisen Ertheilung von Religionsunterricht nur Lehrkräfte beauftragt werden sollen, derjenigen Religion angehörig, in welcher der Unterricht zu ertheilen ist, daß also Lehrkräfte jüdischen Bekenntnisses nur jüdischen, nicht aber, wie in einem einzelnen Falle mißbräuchlich geschehen, christlichen Religionsunterricht ertheilen dürfen. In Anbetracht des Anlasses zu diesem Reskript ist seine Absicht meines Erachtens unverkennbar, selbst wenn der sprachliche Ausdruck, was ich nicht wissen kann, jedoch für möglich und angesichts der Folgen sogar für wahrscheinlich halte, nicht ganz einwandfrei gewesen. Für die städtische Schuldeputatiou aber — ich meine ihren Verstand und nicht ihr Herz — ist es kein sonderlicher Ruhm, daß ihr eine sprachliche Ungevauigkeit genügte, die thatsächltche Ungeheuerlichkeit auzuuehmen: daß daS Provinzial- Schulkollegtum ganz plötzlich und im Widerspruch zu der seitherigen Dtenstpragmatik einfach verfügte, jüdische Lehrkräfte fernerhin ausschließlich zur Erteilung jüdischen Religionsunterrichts heranzuztehen. Es ist wunderbar, mehr als wunderbar, daß die städtische Schuldeputation solche Verfügung zwar mit Schmerz, doch ohne thatkräftigen Widerspruch btnnehmen wollte und den jüdischen Lehramts-Bewerberinnen den wohlgemeinten Rat ertellte, den Beruf aufzugebeu. Herr LouiS Sachs, so wird mir erzählt, hat der Repräseutantenverfammlung mitgeteilt, daß man tot Magistrat über jenen Erlaß geradezu deprimiert sei. Danach hätte der Magistrat das Mißverständnis der Städtischen Schuldeputation geteilt. — Ec muß in der SEijat deprimiert gewesen sein. Unsere Herren Repräsentanten mögen sich beruhigen, der verehrliche Vorstand braucht sich nicht zu bemühen, der hochlöbliche Magistrat darf sich der gedrückten Stimmung entschlagen, die Städtische Schuldeputation beeile sich, ihr kondolierendes eonsiliam adeunäi zu widerrufen: es ist alles nur ein Mißverständnis gewesen. DaS Mißverständnis ist hier aufgeklärt. Wer aber unternimmt es, aufzuklären, wie es kam, daß das Mißverständnis auch in unserer erleuchteten Repräseutantenverfammlung keine Aufhellung erfuhr? Markolsheim (Elsaß). Am 11. Juni ist der pensionirte Rabbiner Marcus Ulmo im Alter von 93 Jahren gestorben. n"awn Rußland. AuS Brest Litewsk gehen noch immer sehr betrübende Nachrichten ein, welche den außergewöhnlichen Nothstand in ergreifender Sprache schildern. Man ist ja allenthalben bemüht — die Herren Dr. Steinberg und Dr. Weinberg zeichnen sich hierin besonders aus — der momentanen Noth einigermaßen zu steuern, man hat die Stadt in Bezirke eingelheilt, um die Vertheilung der etngegangenen Gaben in aerechter Weise vornehmen zu können; Zelte und Nothstandswohnungen werden allenthalben errichtet, für Wöchnerinnen ist nothdürfttg gesorgt, eine Volksküche ist ins Leben gerufen worden, wie man auch für Leute, die vor dem Brande bessere Zetten kannten und die öffentliche Wohltbättgkeit in Anspruch zu nehmen sich scheuen einen Consumverein gründen wird — allein diese Maßnahmen sind nur für den Augenblick. Die Mittel für feste Wohnungen und nachhaltige Linderung der schlimmen Lage fehlen noch ganz und gar. Nur dann könnte dem großen Elend einigermaßen abgeholsen werden, wenn neben der Privatwohlthättgkeit, an die hiermit wiederholt appellirt wird, die Regierung ein größeres Darleihen zur Erbauung von Wohnhäusern, welches amortistrt werden könnte, gewähren würde. Die Auswanderung nach anderen Städten ist groß da hier in der nächsten Zukunft nur wenig Aussichten zur Ernährung vorhanden find. England. London, 12. Juni. Um verschiedenen Gerüchten, die sich über das Ableben des am Freitag als Candidat für die Predigerstelle der b'käeratLou of Synagogues hierher gereisten Dr. Grünwald (Oberrabbtner von Bulgarien) verbreiteten, ent-