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Der Israelit · 1895-06-17 · Heft 48 (17.6.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 48 (17.6.1895)
Date
1895-06-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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dem jungen, unerfahrenen Menschen in jener bedürfnißlosen, geldarmen Zeit unerschöpflich schien und er auch noch dann sorglos in die Zukunft blickte, als ihm sein Hauswirth versicherte, daß es unter den bestehenden Verhältnissen vergeblich wäre, hier eine Hauslehrerstelle zu suchen. Da er in Prag ganz ohne Beschäftigung war, erschien es als selbstverständlich, daß er sich am zweiten Tage nach seiner Ankunft dem Oberrabbiner vorstellte und um die Erlaubniß bat, dessen talmudische Vorträge besuchen zu dürfen. Das eigenthümliche Leben der Großgemeinde Prag, welches in seiner Vielfachheit und Großartigkeit in ganz Deutschland nicht seines Gleichen fand, übte einen mächtigen Eindruck auf ihn ans unb erschien ihm eigenthümlich reizvoll. Es gab damals in Prag elf große und viele kleine Synagogen, in welchen schon vor Tagesanbruch und noch um Mitternacht von zahlreichen Andächtigen Gebete verrichtet wurden. Irl den Hauptstraßen des Ghetto herrschte vom frühen Morgen bis spät am Abend ein reges geräuschvolles Leben. Hunderte von Händlern unb Händlerinnen boten unter Gottes freiem Himmel alle erdenklichen Waarcn: Lebensmittel, Schuhwerk, Sforim/o) altes Eisen, Tuchflecke, alte Hüte und zahllos aridere Dinge aus, und namentlich die Verkäufer eßbarer Handelsartikel priesen diese, einander überschreiend, mit gellender Stimme den Vorübergehenden an. Es gab in Prag zehrt Schiursager") und an tausend Bachurim aus aller Herren Länder: Böhmen, Mähren, Schlesier, -Oesterreicher, Ungarn, Baiern, Hessen, Schwaben, Frankfurter, Elsäßer; und obwohl diese zumeist nach ihren Schiurftuben") oder ihren Larldsmarlnschaften zusarnrnenhielten, verkehrten sie doch alle in kollegialster Weise nntereinander. Die größte Zahl derselben — man fand so viele Talmudjünger an keinem zweiten Orte der Welt — ermöglichte cS jedem Einzelnen sich unter seinen zahlreichen Comilitionen einen Kreis Gleichgesinnter aufzusuchen, denen er sich anschließen mochte unb wir würden uns einer rttgenswertheir Unterterlassung schuldig machen, wenn wir es verschwiegen, daß Wolf Dürnfurther von Natur ans leichtlebig und lebenslustig, im Elternbause unb auf seiner ersten Jeschiwo stets mit Mangel und Noth kämpfend, in dem kleinen Ocrtchen Königsberg alle geselligen Vergllügen entbehrend, nun in Prag, sich als Besitzer von achzig baaren Gulden als Erösus fühlend, die versäumten bescheidenen Lebensgenüsse rasch nachholen wollte und schnell mit einigen reichen einheimischen und Frankfurter Bachurim Bekanntschaft schloß. So kam es, daß er schon während seines achttägigen Aufeubaltes in Prag zweimal mit bestem Erfolge — er hatte nämlich vier Kreuzer gewonnen — in Bachurim- 10) Hebräische Bücher. — X1) Gelehrte, welche Talmudvorträge abhielten. — ,2) Horsälen. gesellschaft Karten gespielt und einmal bei Fradl Kuchenbäckerin in der Meiselgasse, wo sich die j6im6886 doree (allerdings muß diese Bezeichnung in viel milderem Sinne als in der Gegenwart aufgefaßt werden) des Ghetto ein Kendez-yous zu geben pflegte, die Spezialitäten der Prager Kunstbäckerei eingehend kennen gelernt hatte, und waren bei diesem erfreulichen Anlasse, die Früchte seiner erfolgreichen kartenspielerischen Thätigkeit vollständig absorbirt worden. Frau Nuchomc war eine sehr gute, aber äußerst reizbare Frau. Sie konnte um geringfügiger Ursachen willen in Zorn gerathen, aber derselbe verflog stets rasch nild sie bebauerte dann immer, was sie in der Uebereilung gethan und gesprochen. Sie war seit ihrer Hochzeit gewohnt, daß, sobald ihr Gatte Freitag Abend aus der Synagoge heinlkam, sofort die Suppe auf den Tisch gestellt wurde, und nun sollte er, den sie im höchsten Grade verehrte, und sie selbst, die httngrig wie ein Menagerielöwe vor der Fütterung war, auf den neuen Miethsmann warten. Sie hatte schon mehrnrals wie fern grollender Donner unartikulirt gebrummt, endlich stieß sie ärgerlich hervor: „Ich möcht doch wissen, wo der Fleischerknecht so lange bleibt „David Speier ist zu Mariw in die Altneuschul gegangen; wir, Reb Feisch und ich waren in der Klaus, die nur wenige Schritte von hier entfernt ist; da haben wir früher nach Hause kommen können," entschuldigte Dürnfurther seinen Zimmerkollegen. „Die Altneuschul ist auch keine zehn Meilen entfernt", erwiederte Nnchome, „und mein Reb Feisch war gewi'; der Letzte in Schul; denn obwohl nicht er, sondern derUnterschammes zuzusperren mechujow13) ist, thut er, um ganz ruhig zu sein, dies doch immer selbst, obwohl es in der ganzen Gaß gewiß keinen Menschen geben wird, der sich an Heldisch 14) Gut vergreifen würde." Eitt Schatten überflog Katz tnildes freundliches Gesicht, „Ich hoffe" sprach er, „daß es jetzt in der Khille1 ) Niemanden geben wird, der einer solchen Neweto^) fähig wäre; aber mit Bestimmtheit läßt sich das nicht behaupten. Kein Mensch vermag in das Innere seines Nebenmenschen zu blicken. Erinnere dich nur an Efraim Pardnbitzer, den bat ja alle Welt für den frömmsten Juden, den edelsten Menschen gehalten unb doch entpuppte er sich endlich als ein Elender, ein Verworfener! „Die Gemore^) führt schon einen ähnlichen Fall an" bemerkte Dürnfurther, der gerne mit seinen mäßigen talmudischen Wissen glänzen mochte. „Sie er- 13) verpflichtet. — 14) heiligem. lö) Gemeinde. — 16) Niedertracht. — 17> Der Talmud.

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