Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1895)
- Date
- 1895-06-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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868 Privat-Telegramw des „Israelit". Gietzerr, 16. Juni, 6 Uhr 35 Min. Soeben traf seitens der Grobherzoglich Hessischen Regierung die Bestätigung der Bestallung eines eigenen Rabbiners für die israelitische Religionsgesellschaft Gießen und den Kultusverein zur Wahrung der religiösen Jntereffen des Judentums in der Provinz Oberhcsfen ein. Ausführlicheres folgt. Her» tilg t o rr. David Speier. Historischer Koman aus der Jett des dreißigjährigen Krieges von S. Koh«, Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. UebersetzungSrechte in fremde Sprachen Vorbehalten. 8.) Drittes Kapitel. Freitag Abend saßen in Feisch Katz Putzzimmer an dem Tische, der in der Mitte des Zimmers stand, der Hausherr, seine Frau und der Bachur Wolf Dürnfurther. Sie warteten mit dem Nachtmahle auf David Speier. liebet* den Tisch war ein schneeweißes Leinen gebreitet. Auf dem Gedecke des Hausherrn lagen zwei BarcheS,') vor demselben eine Flasche Wein zum Kidusch.3) Dem großen schwarzen Ofen in der Zimmerecke entströmte eine sanfte Wärme, die Oellämpchen auf der siebenzackigen Hängelampe, die über dem Tische hing, verbreiteten ein, wenn auch röthliches, so dockhelles Licht, die auf dem Ofen stehenden Speisen einen angenehmen Dilft, der auf die Anwesenden um so reizvoller wirkte, als sie Freitag nur ein frugales Mittagmahl einuahmen, damit die Freitag-Abeud- Mahlzeit einen Oueg* Schabbos3) bilde. — Die drei anwesenden Personen befanden sich in behaglichster Stimmung. Feisch Katz, der in bequemer Hauskleidung in einem alten, aber gut erhaltenen Lehnstuhl saß, war ein mehr als mittelgroßer, kräftiger, etwa vier bis fünfundsechzigjähriger Mann mit grauem Haar und Barte. Seine um vier bis fünf Jahre jüngere Gattin Nuchomo war eine kleine, dicke, noch immer hübsche Frau, der man ihr Alter nicht ansah und in deren apfelrunden rothgefärbten Gesichte der Ausdruck großer Guthmüthigkeit deutlich ausgeprägt war. Sie trug unter dein spitzcnbesetzten Goldhäubchen eine Unterhaube von dichtem schwarzen Stoff, ltitb zu Ehren des Sabbats einen braunseidenen Spencer und ein carmoisinrothes seidenes Busentuch. *) Geflochtene, längliche, mit Mohn bestreute Weizenbrode, über welchen an Sabbaten und Feiertagen eine Benediktion gesprochen wird. *) Eine Benediktion, die über einen Becher Wein gesprochen wird. *) Sabbatfreude. Wolf Dürufurther war ein hochaufgeschossener Mensch von zwei uttd zwanzig Jahren, dessen gut geformtes Gesicht mit einem kleinen frischen Munde, eitler tadellosen Rase, luftigen braunen Augen und einem in schönster Entwickelung begriffenen dunkelblonden Barte, als ein hübsches batte bezeichnet werden können, wenn dessen angenehmer Eindruck nicht durch zahlreiche Sommersprossen etwas vermindert worden wäre. Er war aus Sulzbach in Baiern, der Sohn wenig bemittelter Eltern. Sein Vater war Gemore- MelamedJ) der junge Leute für den Besuch der Jeschiwo3) vorbereitete, und seinen Sohn Wolf 311 seinen Schülern zählte. Als dieser das achtzehrtte Jahr erreicht hatte, sandte er ihn aus die nächste Jeschiwo^) nach Fürth. Da er ibm kein Geld schicken, und dieser keine Schüler (Unterricht ertheilen bildete den einzigen Erwerbzweig der Bachurim) finden konnte, war Wolf gezwungen die Wohltbätigkeit in Anspruch 511 nehmen. Er mußte während der Woche „Tage essen")" llnd sich für die Sabbate und Feiertage vom Rabbi „PlettenH" geben lassen. Bei alledem hatte er noch für Frühstück, Nachtmahl, Wohnung, Kleidung, Beheizung und Beleuchtung zu sorgen, so daß der sich stets eines gesunden Appetites erfreuende junge Mensch, trotzdem er auch von der Bachurim-Chewre3) unterstützt wurde, weit öfter hungerte und fror als ihm lieb war, und sich daher glücklich fühlte, als ihn der Rabbi an einen seiner ehemaligen Schüler, Reb Ebajinl Petschauer, der in dem kleinen, an der bairischen Grenze gelegenen böhmischen Städtchen Königsberg wohnte und einen Hauslehrer suchte, als solchen empfahl. Er blieb drei Jahre in dessen Hause; als aber beim Herannahen der schwedischen Truppen, welche alle Ortschaften, die aus ihrem Wege lagen, brandschatzten oder plünderten, die ganze Gemeinde flüchtete, war er, da ihm der Weg nach der Heimath durch die feindliche Armee versperrt war, gezwungen, sich nach Prag 311 wenden. Wolf Dürufurther befand sich in günstigerer Lage als David Speier. Er hatte, während er in Petschauers Hause lebte, gar nichts gebraucht, für all seine Bedürfnisse war er in ausreichendem Maße versorgt worden. Petschauer hatte ihm sogar, was gar nicht bedungen war, zweimal einen funkelnagelneuen Anzug machen lassen, so daß er sein ganzes Gehalt, das für den Seman* 6 * 8 9) zwanzig Gulden, — ein für jene Zeit fürstliches Honorar — betrug, erübrigen hatte können und trotzdem er zuweilen seinen Eltern Geld sandte, doch mit baaren achzig Gulden in Prag anlangte, eine Summe, die *) Talmudlehrer. — Talmudhochschule. 6) Bei wohlihätigen Leuten regelmäßig an einem Tage der Woche speisen. 7) Verderbt von Billet-Anweisungen an wohlhabende Familienväter, die Empfohlenen zu Tische zu laden. 8) Talmudjüngerverein zur Unterstützung dürftiger Kollegen. — 9) Semester.