Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1895)
- Date
- 1895-06-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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866 Herz ist es, welches die Wunder von Menschen- und Bruderliebe im jüdischen Kreise geschaffen hat und noch täglich schafft. Die jüdische Hand ist es, die jüdische That und das Pflichtgefühl, aus welchem diese That fließt und dem auch die edlen Regungen des Herzens unterstellt sind. Das ist die Eigenart des Gemilluth Ehassodim, daß es sich nicht durch kaltes Geld ablösen läßt, daß es selber Hand und Fuß rührt, selber die Kranken pflegt, selber den Sterbenden nahesteht, selber den Verstorbenen die letzten Ehren erweist und dem Armen nicht nur das Geld sondern auch die Bruderhand reicht, um ihn zu stütz-n und zu halten. Diese thätige Menschenliebe kann nur derjenige üben, der die Liebe zu Gott im Herzen trägt und sie im Einzel- und Gemeindelkben bethätigt. Wer aber Gott und sein Gesetz sonst weit von sich weist, der kann sein angeborenes gutes Herz wohl Mitleid empfinden lassen, aber selber einzugreifen, selber Hand anzulegen, wie es die Gemilluth - Ehassodim - Pflicht verlangt, das kennt ein solcher nicht. Das sieht er als eine Zumuthung an und überläßt dies daher bezahlten Leuten, wie dies ja leider in so vielen Gemeinden der Fall ist. Auf diese Weise ist es gekommen, daß die drei Säulen Q’non mny, min erschüttert sind, welche allein die Kraft haben die jüdische Gemeinde zu tragen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Mainz, 14. Juni. Die „Allg. Dtsch. Lehrerzeiiung (Kiinkhard, Leipzig) bringt folgende Eorrespondenz: (Allgemeiner Israelitischer Lehrerverband.) Aus Süddeutschland schreibt man uns: „In der israelitischen Lehrerwelt herrscht seit einigen Monaten große Erregung. Seit Jahren ist man daran, unbeschadet den israelitischen Lehrer vereinen einen Allgemeinen Israelitischen Lehrerverband zu gründen. der die innerhalb der Konfession und der israelitischen Gemeinde gegenüber zu Tage tretenden Fragen der israelitischen Lehrer zu regeln und wahrzunehmen die Aufgabe haben soll. In neuerer Zeit sucht der „Deutsch-Israelitische Gemeindebuud" in Berlin sich in diese Angelegerheit in der Art zu mischen, daß er gegm einen Beitrag zur Bestreitung der V.reinskosten von jährlich 1500 M. Sitz und Stimme im Vorstand des Lehrerverbarides beansprucht. Es hat sich hierüber in den jüdischen Zeitungen eine Polemik entfponnen, aus der hervorgeht. daß ein Theil der israelitischen Lehrer mit aller Entschiedenheit sich gegen diese Einmischung ausspricht, weil hierdurch die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des Lehrerberbandes gefährdet wäre. Es ist absolut außer Frage, daß die israelitischen L hrer in erster Linie für ihre Unabhängigkeit einzutreten verpflichtet sind, wie auch der „Deutsche Lehrerverein", selbst wenn man ihm noch größere Vortheile böte, niemals seine Unabhängigkeit aufgeben und einem andern Vereine Sitz und Stimme in seinem Vorstande gewähren würde." Berlin, 9. Juni. Der Mißgriff eines stä)tischen Rektors, der einer jüdischen Gemeinde-Schullehrerin aushilfswe-se den Unterricht in der christlichen Religion übertrug, ist für die jüdischen Lehrerinnen allgemein vrrhängnißvoll geworden. Auf (ine Anfrage einer bereits seit einem halben Jahre als Hospitantin zugelaffenen jüdischen Lehrerin tst dieser, der „Boss. Ztg." zufolge, der folgende Bescheid zugegangen: „Nachdem das köntgl. Provinzial Schulkollegium angeordnet hat, daß die Verwendung jüdischer Lehrkräfte zur Aushilfe auf diejenigen Fälle zu beschränken sei. in denen es sich um die Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichts handelt, ist die Aussicht auf honortrte Beschäftigung im städtischen Dienst für Sie bis auf weiteres so gering geworden, daß wir Ihnen den Rath ertheilen müssen, vom Hospitiren an den Gemeindeschulen Abstand zu nehmen. Berlin. 6. Juni 1895. Die städtische Schuldevutation." Daß man die jüdischen Lehrerinnen für den „Mißgriff" eines Rektors die Kosten tragen lassen will, ist doch wohl merkwürdig.*) Lindau am Harz. 9. Juni. Wie die „Franks. Ztg." bereits gemeldet hat, tst der sogenannte Bankier Granne von hier unter Hinterlassung einer Schuldenlast von 400,000, nach einer anderen Version sogar 500,000 Mark verschwunden. Granne soll sich nach Amerika gewendet haben und wird steckbrieflich verfolgt. Die Aufregung hier ist, obgleich Gr. schon ungefähr 21/2 Wochen verschwunden, noch immer stark und erstreckt sich auf die nächsten Ortschaften und viele Plätze des Unter-Etchsfeldes, wo Gr. es verstanden hat, durch Versprechung hoher Zinsen maffenhaft Baargelder zur erhalten, wovon er entnahm, so viel er ermöglichen konnte. Der Flüchtling sandte von einem englischen Hafen eine Baarsumrne von 2500 Mark an einen Bekannten, durch dessen Vermittlung das Geld an seinen hiesigen Sohn gelangen sollte, doch hat dieser es an das Gericht eingesandt, wo es der Konknrsmaffe zuflteßt. Außer einigen großen Gläubigern sind meist kleinere Leute bethetligt, bet denen es sich um sauer verdiente Groschen handelt. Granne war früher Salzhändler auf der Straße und spielte dann den großen Wollhändler und Bankier. Es schwebt auch u. A. *) Vgl. Correspondenz Berlin auf der 1. Seite der Beilage zu bieser^Nummer. Red.